28. Dezember 2016

Eine Schule in Aufbruchstimmung

Selber entscheiden, wann man die Klassenarbeit schreibt, Aufgaben gemeinsam lösen, Schauspielern und Kochen als Unterrichtsfächer, Lernen in und außerhalb der Schule – klingt für die meisten Kinder zu schön, um wahr zu sein. Alltag für die Schülerinnen und Schüler der 4. Aachener Gesamtschule. Sie folgt mit ihrem Lernkonzept der Initiative „Schule im Aufbruch“. Sieht so das Lernen der Zukunft aus?

Den Lernalltag so gestalten, dass jedes Kind sein Potenzial entdecken und entfalten kann. Das bedeutet für die Initiative „Schule im Aufbruch“: individuelle Entwicklung in einer unterstützenden Gemeinschaft. Das ihr zugrunde liegende Lernkonzept wurde von und mit Neurobiologe Prof. Dr. Gerald Hüther entwickelt. Die Initiative begleitet Schulen dabei, sie zu genau so einem Ort der Potenzialentfaltung zu machen. Da jede Schule dabei einen anderen Ausgangspunkt hat – besonders was ihre räumlichen Gegebenheiten, personellen Strukturen und nicht zuletzt die individuellen und sozio-kulturellen Hintergründe ihrer Schüler angeht –, findet auch jede Schule ihren eigenen Weg zu ihrer neuen Lernkultur. Und eine ganz eigene Gestaltung des Schulalltags – so wie die 4. Aachener Gesamtschule.

Warum brechen Schulen auf?

Warum fallen so viele Kinder durch die Maschen des Systems? Warum ist die Unzufriedenheit mit Schule bei Schülern, Lehrern und Eltern so enorm groß? Weil die Strukturen des Schulsystems „noch von vorgestern“ sind – so die Befürworter der Initiative: Gesellschaft, Arbeit und Kommunikation haben sich verändert, das Regelschulsystem jedoch ist stehen geblieben. Die Schule sei nur Wissensvermittler: Im 45-Minuten-Takt wird von Fach zu Fach gehetzt. Der Lernstoff wird eingetrichtert. Oder auch nicht. Wer dem Wettbewerb und dem Leistungsdruck nicht standhält, wird ausgesiebt.

Diese Unzufriedenheit mit dem alten Regelschulsystem hat das Kollegium und die Schulleitung der 4. Aachener Gesamtschule dazu motiviert, neue Wege einzuschlagen. Die Schule zu einem Ort zu machen, der Eigeninitiative fördert und zu selbstständigem Denken und Handeln animiert. „Schule im Aufbruch“ bedeutet aber eben auch für die Institution ständige Weiterentwicklung, mit dem Wandel der Zeit und der Gesellschaft mitzugehen. Sie soll Kreativität und Innovation hervorbringen. Ideenschmiede sein. Die 4. Aachener Gesamtschule ist auf dem Weg.

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Gemeinschaft, Respekt und gegenseitiges Vertrauen werden hier großgeschrieben. Die Schüler-Lehrer-Kommunikation findet auf Augenhöhe statt.
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Schulleiter Hanno Bennemann vor dem Schulgebäude der 4. Aachener Gesamtschule

Hier bleibt keiner auf der Strecke

Die jungen Menschen lernen hier, selbstständig sowie in der Gemeinschaft zu arbeiten, sich Wissen selbst anzueignen und Verantwortung zu tragen, Herausforderungen anzunehmen. Individualisierung und gemeinschaftliches Lernen stellen sicher, dass niemand zurückbleibt. Jedes Kind der 4. Aachener Gesamtschule – unabhängig von seinen individuellen Fähigkeiten und seinem eigenen Lerntempo – bekommt hier dieselben Chancen und Möglichkeiten, seine Persönlichkeit und Potenziale zu entfalten: „Wir unterscheiden menschlich nicht zwischen Förderkindern, Regelschülern und Hochbegabten“, so Schulleiter Hanno Bennemann.

Austauschen und ermutigen

Und was machen die Lehrer anders als an den „normalen“ Schulen? Sie vertrauen ihren Schülern, ermutigen und inspirieren sie, ihre besonderen individuellen Fähigkeiten zu nutzen. Das Lernen wird nicht von oben angeordnet. Selbstverständlich erhalten auch hier alle Schüler Feedback von ihren Lehrern zu ihren schulischen und sozialen Leistungen. Jedoch erfolgt die Leistungsbeurteilung so, dass sie das Lernen begleitet und unterstützt. Lehrer schlüpfen in die Rolle eines Tutors, werden zum Coach und Begleiter von Lernprozessen.

Logbuch & Lernbüros

Logbuch & Lernbüros

Jedes Kind besitzt ein Logbuch, in dem seine Projekte, Aufgaben, Wochenziele und Lernerfolge festgehalten werden. Die 4. Aachener Gesamtschule arbeitet mit einem Tutorensystem, das zwei Tutoren je Klasse zur Verfügung stellt, die das Lernen begleiten. In regelmäßigen Feedbackrunden mit den Pädagogen werden die Lerninhalte besprochen und im Austausch mit den Kindern neue Ziele festgelegt – damit lernen die Kinder sich selbst einzuschätzen und ihre eigene Zeit zu managen. Diese Zeit für die Beziehungsarbeit zwischen Tutoren und Schülern wird im Stundenplan festgehalten.

Lernbüros statt Frontalunterricht

Ob Mathe, Englisch, Deutsch, Naturwissenschaften oder Gesellschaftslehre: In den Lernbüros der 4. Aachener Gesamtschule arbeiten die Schüler an ihren selbst gewählten Bausteinen. Sie entscheiden, wann sie welches Lernbüro aufsuchen. Jahrgangsübergreifendes Lernen ermöglicht, dass die jüngeren und älteren Kinder von und miteinander lernen. Konkurrenzdenken und Leistungsdruck sind nicht das Ziel dieser Pädagogik. Stattdessen helfen Kinder sich gegenseitig – hier dürfen und sollen sie das. Auch den Zeitpunkt der (Klassen-)Arbeiten bestimmen die Schüler selbst: „Bin ich schon so weit? Oder brauche ich noch mehr Zeit für die Vorbereitung?“

Projekt- und Werkstattzeit

Projekt- und Werkstattzeit

In bis zu fünf Projektzeiten pro Jahr werden natur- und gesellschaftswissenschaftliche Themen im Team erarbeitet und präsentiert. Ziel ist auch hier ein eigenverantwortliches Arbeiten mit selbst bestimmten Themen. Außerdem dürfen die Schüler jedes Halbjahr „Werkstätten“ aus den Bereichen Kultur, Arbeitslehre/Technik und Religion/Philosophie wählen, in denen sie wöchentlich je vier Stunden kreativ und produktorientiert arbeiten: Hier wird geschraubt, gewerkelt, geschauspielert, gebastelt, gekocht. Im Projekt „Abenteuer Helfen“ erfahren die Schüler in gemeinnützigen Institutionen, was es bedeutet, sich sozial zu engagieren, ihre Fähigkeiten für das Wohl der Gemeinschaft einzusetzen. Auch hier wird am Leben und im Leben gelernt. Der eigene Schulfilm der 4. Aachener Gesamtschule zeigt, wie das Konzept in der Praxis umgesetzt wird und wie es von Schülerinnen und Schülern angenommen wird.

Beispiel: „Projekt Herausforderung“

Beispiel: „Projekt Herausforderung“

Eine Nullachtfünfzehn-Klassenfahrt erwartet hier niemand. Doch eine Tour ohne Lehrer – das hat der 4. Aachener Gesamtschule im Sommer 2016 auch weit über die Stadtgrenzen hinaus Aufmerksamkeit verschafft: 17 Tage waren die Neuntklässler der Schule mit knappen 150 Euro Taschengeld in kleinen Gruppen zu Fuß und mit dem Rad durch Deutschland und Nachbarländer unterwegs. Nicht ganz freiwillige Zwischenübernachtungen auf dem Bauernhof inklusive – und das jeweils nur in studentischer „Notfallbegleitung“. Die deutschlandweite Presse berichtete umfangreich.

Das Schulprojekt gibt den jungen Menschen die Chance, Herausforderungen und Probleme des täglichen Lebens selbstständig und verantwortungsbewusst zu bewältigen: nicht virtuell, sondern im realen Leben. Das Experiment Selbsterfahrungstour ist geglückt: Für die meisten Schüler war sie die größte Herausforderung ihres bisherigen Lebens, von ihren Geschichten zehren sie noch heute. Sie sind daran „gewachsen“.

Auch die Eltern mussten ein wenig überzeugt werden loszulassen. Ihre Kinder gaben ihnen für dieses Vertrauen etwas zurück: ein Stück mehr Eigenständigkeit, ein Stück mehr Wertschätzung dessen, was man hat. Das nächste „Projekt Herausforderung“ der Gesamtschule steht bereits in den Startlöchern ...

Schule im Aufbruch Aachen Projektzeit
Gemeinsam stark: Projektzeiten fördern das Teamgefühl und Selbstvertrauen
Schule im Aufbruch Aachen Grafik
Das Konzept der 4. Aachener Gesamtschule in einem Lernhaus zusammengefasst.

Aufbruchstimmung

Stabile Beziehungen, Wertschätzung und Vertrauen sind nach Meinung der Initiative „Schule im Aufbruch“ die Schlüsselelemente einer neuen erfolgreichen Lernkultur im Zusammenhang mit einer immer heterogener werdenden Schülerschaft. „Entflurung“ heißt das Zauberwort für die Lernstätte: Nach der Eröffnung des aufwändigen Schulneubaus im August 2016 passen nun auch die großflächigen lichtdurchfluteten Räumlichkeiten zum offenen Unterrichtskonzept der Schule. „Es entstand Raum für Begegnung und Transparenz, für Menschen, die sich nicht verstecken müssen“, so der Didaktische Leiter Martin Spätling. Doch wie kommt das neue Schulkonzept „draußen“ an? Die stark steigenden Anmeldezahlen der 4. Aachener Gesamtschule sprechen Bände! Und sind ein Hinweis darauf, dass die Aufbruchsstimmung auch die Eltern immer mehr erreicht ...

Schule im Aufbruch Aachen Musikgruppe
4. Aachener Gesamtschule