26. Oktober 2016

Der Kurvenbauer

Er ist der etwas andere Konstrukteursweltmeister der Formel-1-Saison 2016: Bauingenieur Hermann Tilke hat neun der 20 aktuellen Strecken entwickelt. Im Interview mit dem Mercedes-Benz Kundenmagazin spricht er über seine Rolle im globalen Rennzirkus, Lieblingskurven in Aachen und die besonderen Herausforderungen von Kopfsteinpflaster.

Herr Tilke, bevor Sie Rennstrecken bauten, waren Sie selbst als Fahrer aktiv ...

Ja, aber ich habe vor ein paar Jahren aufgehört, weil ich zu langsam wurde. Seit meinem 18. Lebensjahr fuhr ich Rennen. Eine lange Zeit. Ich kann also ein bisschen nachvollziehen, was den Piloten heute abverlangt wird.

Als Konstrukteur gehören Sie heute zu den prägenden Persönlichkeiten des Rennsports. Was waren für Sie – neben den professionellen Erfolgen – die schönsten persönlichen Erfahrungen?

Davon gab es einige – und das gilt nicht nur für mich, sondern auch für meine Bürokollegen. Vor allem haben wir weltweit viele neue Freunde gewonnen, und das ist für mich im Grunde die schönste Erfahrung.

Die Formel 1 wird immer wieder als großer Zirkus beschrieben. Wie schaffen Sie es, in dieser globalen Manege eine ruhige Hand und den professionellen Überblick zu behalten?

Wir müssen uns immer vor Augen führen, dass die Strecken und die dazugehörige Infrastruktur und Architektur nicht für den Moment konstruiert werden. Es ist gebaute Realität für viele, viele Jahre.

Sie haben in Aachen studiert, hier Ihr Büro gegründet. Was bedeutet die Stadt für Sie?

Aachen ist schon seit vielen Jahren meine Heimat. Mir ist die Stadt sehr schnell ans Herz gewachsen und für mich bietet sie einen klaren Standortvorteil. Viele Forschungszentren auf internationaler und nationaler Ebene sind hier angesiedelt. Somit stehen unserem Büro ständig exzellente Ressourcen zur Verfügung, die wir auch gut nutzen.

Bauingenieur Hermann Tilke beim Interview in seinem Aachener Büro
Hermann Tilke in den Räumen seines Aachener Büros. In der Universitätsstadt findet er ideale Bedingungen für weltweiten Erfolg.
Ich habe gelesen, dass Sie an einem Autobahnkreuz in Aachen eine Lieblingskurve haben.

Ja, das stimmt! Das ist eine Rechts-links-rechts-Kombination auf dem Autobahnkreuz, wenn man von Aachen-Brand Richtung Innenstadt fährt. Auf der Straße fällt es vielleicht nicht so auf, aber für eine Rennstrecke wäre dieser Verlauf sehr schön. Deshalb haben wir schon versucht, ihn nachzubauen.

Wirklich? In welchem Kurs?

Das verrate ich nicht. Wir können die Parameter auch nicht eins zu eins übernehmen. Aber wir suchen immer und überall Ideen und Anregungen. Manchmal finden wir die eben in unserer direkten Umgebung.

Hermann Tilke entwarf den Baku City Circuit für ein Rennen mitten in der Altstadt.
Historische Kulisse: Der Baku City Circuit führt direkt an der UNESCO-geschützten Altstadt der aserbaidschanischen Metropole entlang.
Ihr aktuelles Projekt ist der Baku City Circuit in Aserbaidschan. Das erste Formel-1-Rennen fand dort im Juni statt – Sieger war Nico Rosberg auf Mercedes. Waren Sie zufrieden mit dem Einstand?

Ja, alle waren absolut begeistert - also war ich es auch! Jedes technische Detail hat funktioniert.

Baku ist ein echter Stadtkurs wie Monaco und Singapur - und doch ganz anders.

Das stimmt, er unterscheidet sich teilweise deutlich von den anderen. Auf der einen Seite gibt es hier die engen Streckenbreiten von 7,5 Metern entlang der alten Stadtmauer und auf der anderen Seite die Highspeed-Passage mit 370 km/h an der Corniche - übrigens das Rekordtempo der Formel 1.

Stadtstrecken haben ihre ganz eigenen Regeln. Was war für Sie die größte Herausforderung beim Design des Baku-Tracks?

Da gab es einige. Die Streckenführung wurde bewusst so gewählt, dass die Sehenswürdigkeiten die Kulisse für ein Formel-1-Rennen bilden. Allerdings brachte das auch große technische Probleme mit sich, denn die Straßen sind teilweise sehr eng. Zwei der für die Rennstrecke benutzten Straßen haben außerdem circa 800 Meter Kopfsteinpflaster. Da die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, musste alles nach dem Rennen wieder in den ursprünglichen Zustand gebracht werden. Außerdem musste der ganze Aufbau der Strecke mitten im Verkehr dieser pulsierenden Stadt geschehen. Das war schon abenteuerlich.

Die Formel 1 ist ein globales Event. Spielt es für Sie jenseits von landschaftlichen Gegebenheiten und Wetterbedingungen eine Rolle, für welches Land Sie eine Strecke entwerfen?

Ja, das spielt eine entscheidende Rolle. Wir wollen ja die Traditionen des Landes hervorheben. Das können wir besonders gut durch die Architektur. Das jeweilige Land soll sich perfekt präsentieren können.

Wie machen Sie eigentlich das Im-Kreis-Fahren spannend?

Die Streckencharakteristiken müssen immer unterschiedlich sein. Es muss technische und fahrerische Herausforderung geben. Kurvenkombinationen, Höhenunterschiede, High-Speed-Passagen. Leider arbeiten die Ingenieure gegen uns. Jede Schwierigkeit, die wir hineinplanen, versuchen sie technisch so auszugleichen, dass sie eben doch noch perfekt fahrbar ist. Und die Fahrer sind die Besten der Welt. Sie lernen unglaublich schnell, selbst schwierigste Abschnitte zu beherrschen.

Das ist ein komplexer Wirkungszusammenhang. Hinzu kommen Regeländerungen der FIA …

Richtig. Wir sind von sehr vielen Faktoren abhängig. Es geht ja nicht nur um den Kurs, sondern auch um die Gebäude und deren Funktionen. Zugleich müssen rund 100.000 Zuschauer, VIPs und Journalisten zufriedengestellt werden und die Mechaniker und Ingenieure brauchen ideale Arbeitsbedingungen. Da steckt eine Menge Organisation dahinter.

Die Bauzeiten bei neuen Strecken sind meistens sehr knapp kalkuliert. Wie kommen Sie mit dieser Herausforderung bei solchen Großprojekten klar?

Die Bauarbeiten müssen in einem sehr engen Zeitfenster realisiert werden. Das ist jedes Mal sehr anspruchsvoll. Testen können wir die Strecken vorher leider kaum. Wir werden immer erst ganz kurz vor dem ersten freien Training fertig. Die Zuschauer kommen vorne rein und die Handwerker gehen quasi hinten raus.

Ist das nicht unglaublicher Stress?

Natürlich. Bei Mercedes-Benz zum Beispiel hat ein Neuwagen Millionen von Testkilometern unter allen Witterungsbedingungen hinter sich, bevor er in Serie geht. Bei uns muss schon der Prototyp funktionieren. Aber es kann immer etwas schiefgehen: In einem Abschnitt funktioniert der Strom nicht, irgendwo anders läuft eine Toilette über … Das kostet dann schon ein paar Nerven. Aber bisher haben wir es immer geschafft.

Komplette Rennstrecken zu entwerfen ist eine große Kunst. Dennoch sehen Sie sich eher als Ingenieur.

Beides gehört untrennbar zusammen. Unsere Herausforderung ist es einerseits, technisch kreativ zu sein - wir haben schon auf Sümpfen, Felsen und in Wüsten gebaut. Anderseits müssen wir in Design und Architektur ständig innovativ sein. Dabei erfinden wir uns jedes Mal wieder neu. Nur so bleibt es spannend.

Der Baku City Circuit von Hermann Tilke im Überblick
Die Streckenkarte des Baku City Circuit: Der Stadtkurs für den Großen Preis von Europa 2016 stellte Hermann Tilke vor große Herausforderungen.
Hermann Tilke im Konferenzraum seines Aachener Büros
Blick zurück nach vorn: Hermann Tilke hat bereits über 65 Rennstrecken gebaut – zehn weitere sind derzeit in Planung.
HERMANN TILKE
  • Ort: Geboren 1954 in Olpe
  • Vita: Der Bauingenieur und ehemalige Hobbyrennfahrer gründete sein Unternehmen 1983. Die Tilke GmbH & Co. KG gilt als weltweit führend, wenn es um Renn- und Teststrecken geht. Daneben realisiert Tilke Hotels, Verwaltungs- und Wohngebäude, Einkaufszentren, Krankenhäuser sowie Sport- und Freizeitanlagen. Mehr als 300 Ingenieure und Architekten führen weltweit Projekte für sein Unternehmen durch.
  • Website: www.tilke.de