27. April 2016

Uniklinik RWTH Aachen:
der 360-Grad-Blick auf die Medizin

Die neue Stiftung Universitätsmedizin Aachen ermöglicht der Uniklinik zusätzliche Impulse in Forschung und Lehre sowie der Versorgung der Patienten. Im Interview erläutert Stiftungs-Geschäftsführer Dr. Mathias Brandstädter das Ziel, in der Uniklinik Aachen verschiedene Disziplinen zu verzahnen – zum Wohl der Patienten.

Herr Brandstädter, Forschung, Lehre und Heilung bilden per se die Kernaufgaben einer Uniklinik. Wozu dient dann die neue Stiftung?

Das Leben ist ein Geschenk. Es gesund zu erhalten, ist die Aufgabe der Medizin. Aber neben der zweigleisigen Finanzierung durch die Krankenkassen und das Land gibt es zahlreiche Projekte und Initiativen, die nicht auskömmlich gegenfinanziert werden. Davon möchten wir mehr in Aachen etablieren. Außerdem wollen wir durch die Stiftung das Spendenaufkommen von der Patientenversorgung deutlich trennen. Niemand soll das Gefühl bekommen, dass er der Klinik eine Spende schuldet.

Welche Ziele verfolgt die Stiftung?

Es gibt drei Kernziele: Erstens wollen wir als Uniklinik die Mediziner von morgen ausbilden. Zweitens wollen wir unsere Forschungen intensivieren. Und drittens wollen wir Patienten über den normalen Behandlungsalltag hinaus helfen können.

Lassen Sie uns die drei Schwerpunkte konkretisieren. Wie kann sich die Ausbildung verbessern?

Die innovative Lehre hat pädagogisch viel entwickelt. Die jungen Doktoranden lernen heute zum Beispiel ganz früh in Rollenspielen mit Schauspielern, wie sie komplizierte Situationen bewältigen. Wie geht man mit Menschen um? Wie signalisiert man durch richtige Körpersprache und Wortwahl Einfühlungsvermögen? Und unser „Skillslab“ simuliert praxisnah viele Bereiche der Medizin, es gibt sogar einen Simulations-OP. Dort können die angehenden Ärzte komplexe Anforderungen trainieren, bevor sie direkten Patientenkontakt haben.

Stichwort Forschung. Können Sie uns Beispiele nennen?

Ein großer Teil der rund 30.000 bekannten Erkrankungen weltweit ist sehr selten. Als Uniklinik haben wir den Auftrag, diese zu erforschen und entsprechende Notfallstrukturen bis zum behandelnden Arzt zu schaffen. Auch technisch entwickeln wir uns weiter. Die Medizin wandelt sich momentan sehr stark.

Sie sprechen in diesem Zusammenhang häufig von „Medizin 4.0“. Was verstehen Sie darunter?

Man kennt den Begriff „Industrie 4.0“ als smarte Vernetzung von Produkten und deren Interaktion. Das wird in naher Zukunft auch für die Medizin eine bedeutende Rolle spielen. Geräte werden miteinander kommunizieren, Implantate nach der OP Informationen übermitteln und Robotik und Telemedizin Einzug halten. Wir verzahnen uns eng mit der RWTH, deren Lehrstuhl für Medizintechnik genau solche Produkte entwickelt.

Dr. Mathias Brandstädter, Geschäftsführer der Stiftung Universitätsmedizin Aachen.
Dr. Mathias Brandstädter verantwortet die Kommunikationsabteilung der Uniklinik und ist Geschäftsführer der Stiftung Universitätsmedizin Aachen. Ihm liegt die Verzahnung verschiedener Disziplinen am Herzen – zum Wohle der Patienten.
… die Sie wiederum einsetzen.

Richtig. Wir möchten, dass die Patienten möglichst schnell vom technischen Know-how der Exzellenz-Universität RWTH profitieren können. Nehmen Sie den „Aachener Durstsensor“, an dem wir arbeiten – eine Art automatisierte Trink-App. Ältere Menschen trinken häufig zu wenig. Das verursacht Risiken und Kosten. Wenn nun ein smartes Gerät immer dann eine Erinnerung senden würde, wenn der Flüssigkeitshaushalt des Patienten unter einen gewissen Wert sinkt, wäre das Problem gelöst.

Das klingt sehr praktikabel.

Ja, aber wir stellen uns natürlich auch komplexeren Problemen wie den Herzunterstützungssystemen. Da uns viel zu wenige Spenderorgane zur Verfügung stehen, ist ein solches elektronisches Herz manchmal die letzte Rettung für einen Patienten mit einer starken Herzinsuffizienz. Wir bieten in Aachen schon jetzt verschiedene Systeme an und entwickeln neue Prototypen. Sie ermöglichen für die Wartezeit bis zum Spenderherz ein relativ komfortables Leben.

Sie wollen also den technischen Fortschritt in der Medizin mit den humanistischen Aspekten in der Heilung und Betreuung verknüpfen?

Genau, aus diesem Grund zeichnen wir bei der Beschreibung der Stiftung immer drei Kreise, die eine große Schnittmenge bilden: Lehre, Forschung, Versorgung. Unser Ziel ist ein 360-Grad-Blick auf die Medizin. Wir möchten, dass die unglaublichen Fortschritte in der Ingenieurwissenschaft am Bett des Patienten ankommen.

Damit sind wir beim dritten Ziel der Stiftung, der Patientenversorgung. Wo liegen die Schwerpunkte der Förderung?

Leider stehen uns häufig die notwendigen Mittel nicht zur Verfügung, um Patienten über den normalen Behandlungsalltag hinaus helfen zu können. Nehmen Sie das Projekt Brückenschlag. Dort kümmert man sich um Kinder von – oft alleinerziehenden – Krebspatienten. Die Eltern sind durch die Behandlung oder die Chemotherapie massiv eingeschränkt in ihrem Alltag. Hier hilft das Projekt mit Kinderbetreuung, Behördengängen, Einkaufen, psychologischem Beistand und vielen anderen Dingen. So etwas können Sie allein durch Krankenkassen nicht auffangen.

Wohin wird sich die Medizin in den nächsten Jahren entwickeln?

Wir wollen eine Medizin, die mehr auf den individuellen Patienten zugeschnitten ist. Sie bekämpft nicht nur Symptome, sondern begreift Erkrankungen in ihrer Entstehung und verhindert sie so frühzeitig. Empirische Daten werden uns helfen, Erkrankungen besser zu verstehen. Und vor allem wollen wir eine Medizin mit menschlichem Gesicht.

Rettungswagen von Mercedes-Benz auf der Zufahrt zur Uniklinik RWTH Aachen
Stiftung Universitätsmedizin Aachen
  • Gründungsjahr: 2015
  • Die Idee: Die Stiftung Universitätsmedizin Aachen soll den Brückenschlag zu anderen Forschungseinrichtungen intensivieren und medizinische Fortschritte sowie modernste Diagnostik- und Therapieverfahren auf diese Weise schneller zum Patienten bringen. Sie hilft jenen Menschen, die sich in den Dienst der Forschung, der Heilung und der Linderung von Leiden stellen.
  • Finanzierung: Auf der Homepage der Stiftung erfahren Interessenten alles über aktuelle Förderprojekte und die Möglichkeit, diese durch Spenden zu unterstützen. Auch regelmäßige Spendenberichte werden dort veröffentlicht.
  • Spendenkonto:
    Sparkasse Aachen
    IBAN: DE88 3905 0000 1072 4490 42
    BIC: AACSDE333XXX
  • Website: www.stiftung-universitaetsmedizin-aachen.de

Fotos: © Jens Pussel