29. August 2016

Therapeuten
auf vier Beinen

Hunde, die Kindern Mut machen. Schafe, die sie zum Lachen bringen. Und Pferde, denen man seine Geheimnisse anvertrauen kann. Im Ziegelhof ist das Alltag. Horst Erhardt erzählt von einer besonderen Therapie und von Tieren, die kranken Kindern Lebensfreude und Optimismus schenken.

Im Ziegelhof, dem ambulanten Therapiezentrum des Bunten Kreises, leben und arbeiten Hunde, Kaninchen, Schafe, Lamas, Alpakas, Zwergponys, Pferde und Esel ...

Ja, die Tiere sind unsere Co-Therapeuten. Sie bringen die Kinder dazu, aus sich herauszugehen. Sie geben ihnen neuen Lebensmut und helfen ihnen, über sich selbst hinauszuwachsen. Unser Ziel ist es, dass die Kinder Glück erfahren, Vertrauen gewinnen und ihre Seelen gesunden. Wir wollen ihnen zeigen, dass das Leben wertvoll ist und wie sie es aktiv leben können. Selbst- und Verantwortungsbewusstsein, seelische Widerstandskraft, die Fähigkeit, Bindungen eingehen zu können: All das können chronisch kranke Kindern hier lernen – dank der tiergestützten Therapie, die außerordentlich erfolgreich ist.

Warum und wie gelingt es den Tieren, so viel aus den kleinen Patienten „herauszuholen“?

Die emotionale Nähe des Tieres, seine Körperwärme und vor allem die Anerkennung durch das Tier wirken heilend. Wir erleben tagtäglich bei unserer Arbeit auf dem Ziegelhof, dass sich die Kinder, die zum Teil wirklich schwere Schicksale erlebt haben, hochmotiviert mit den Vierbeinern beschäftigen. Im Umgang mit der Natur, mit Tieren, steckt eine ungeheure Kraft, die Mut schafft. Die Kinder empfinden Glücksmomente, Freude und Zuneigung und das gibt ihnen und ihren Familien ein Stück Normalität zurück. Sie blühen in der Gegenwart der Tiere regelrecht auf.

Was bewirkt das bei den Kindern?

Das ist ganz unterschiedlich. Wir haben Mädchen und Jungen, die nach langen Phasen des Schweigens ihre Sorgen einem Pony anvertrauen. Andere haben beim Ballspielen mit dem Hund erstmals wieder gelacht. Einige konnten sogar durch die physiotherapeutische Arbeit auf dem Pferd ihr Gehvermögen erheblich verbessern. Aber auch betroffene Eltern und Geschwisterkinder lernen nach großer Angst und Sorge durch die Tiere wieder zu vertrauen und loszulassen.

Wie sehr berühren einen die Schicksale der Patienten?

Natürlich sehr. Man freut sich so sehr, wenn man einem Kind helfen kann. Wir hatten beispielsweise einen kleinen Jungen, der im Alter von zwei Jahren nach einer schweren Krankheit auf den Ziegelhof kam. Tobias konnte weder laufen noch sprechen. Wir haben ihn zu einem unserer Ponys gebracht. Er war so fasziniert, dass er zu dem Pony gerobbt ist und sich an seinem Bein hochgezogen hat. Das hätte niemand für möglich gehalten. Heute – rund acht Jahre später – fetzt Tobias über das Gelände und redet wie ein Wasserfall.

Wie viele Patienten behandeln Sie und Ihre Mitarbeiter?

Derzeit sind es jede Woche rund 180 Patienten im Alter von zwei Jahren bis Mitte zwanzig. Krankheiten, Behinderungen, Sorgen und Nöte der Kinder und Jugendlichen treten während der Therapie in den Hintergrund, weil sie sich um andere Lebewesen kümmern dürfen und müssen. Sie lernen aber nicht nur Verantwortung zu übernehmen, sondern auch Regeln einzuhalten. Wenn ein Kind zu unruhig ist, dann bleibt ein Esel beispielsweise einfach stoisch stehen. Das macht ihn zu einem fantastischen Lehrer. Die Kleinen merken ganz schnell, dass sich ihr Verhalten auf das der Tiere auswirkt.

Horst Erhardt, ehrenamtlicher Geschäftsführer vom Bunten Kreis
Horst Erhardt, ehrenamtlicher Geschäftsführer vom Bunten Kreis in Augsburg.
Ist denn jedes Tier als Therapeut geeignet?

Die Tiere müssen natürlich stressresistent sein. Schließlich soll die Therapie nicht nur für die Kinder ein tolles Erlebnis sein. In der Regel dauert die Ausbildung der Vierbeiner rund ein Jahr. Die Pferde lernen zum Beispiel stehenzubleiben, auch wenn ein Kind durch ihre Beine krabbelt. Das darf ihnen keine Angst machen. Unsere Schafe haben wir mit der Flasche großgezogen. Sie haben eine so enge Bindung zu uns Menschen, dass sie den Kontakt zu den Kindern von sich aus suchen.

Wie entscheiden Sie, welches Tier im konkreten Fall eingesetzt wird?

Das hängt natürlich vom jeweiligen Kind ab und was man erreichen möchte. Wir schauen uns die kleinen Patienten genau an, informieren uns über ihre Krankheitsgeschichten und sprechen mit ihren Eltern. Alpakas wirken beispielsweise auf Menschen durch ihr ruhiges und freundliches Wesen ausgleichend, entspannend und motivierend. Sie sind neugierig gegenüber Menschen, aber gleichzeitig Distanztiere und wahren ihren natürlichen Abstand. Sie schmusen nicht und legen auch keinen besonderen Wert auf „Beschmustwerden“. Für manche Kinder ist das perfekt. Andere wiederum brauchen viel mehr Nähe. Unsere Hunde genießen es, mit den Kindern zu spielen und gestreichelt zu werden. Das Schöne ist aber bei all unseren vierbeinigen Therapeuten: Sie nehmen die Kinder so an, wie sie sind.

Wie finanzieren Sie den Ziegelhof?

Über Spenden und Patenschaften. Mercedes-Benz Augsburg unterstützt beispielsweise seit über 20 Jahren den Bunten Kreis – und zwar nicht nur finanziell. Die Lehrlinge der Niederlassung haben beispielsweise unseren Sprinter vollständig aufbereitet. Außerdem hatten wir hier einen Jungen, der an Leukämie erkrankt war und in Folge der Chemotherapie eine leichte Lähmung auf der rechten Körperseite hatte. Der junge Mann war ein leidenschaftlicher Autofan, deshalb bin ich zur Mercedes-Benz Niederlassung Augsburg gegangen und habe nachgefragt, ob sie nicht einen Auszubildenden brauchen. Er wurde eingestellt, hat seine Ausbildung absolviert und sogar seinen Meister gemacht. Manchmal braucht man einfach jemanden, der einem eine Chance gibt.

Der Ziegelhof, ambulantes Therapiezentrum vom Bunten Kreis
Der Ziegelhof
  • Standort: Die Stiftung Bunter Kreis hat am Stadtrand von Stadtbergen auf einem etwa sechs Hektar großen Gelände das ambulante Therapiezentrum errichtet.
  • Therapie: Neben tiergestützten Maßnahmen werden auch Logopädie, Musik-, Kunst- und Physiotherapie sowie Erlebnispädagogik angeboten.
  • Patienten: Kinder mit unterschiedlichen Krankheitsdiagnosen, Verhaltensauffälligkeiten und Mehrfachbehinderungen.
  • Bunter Kreis: Seit über 20 Jahren betreut der Bunte Kreis Familien mit chronisch-, krebs- und schwerstkranken Kindern in Augsburg und Umgebung.
  • Website: www.ziegelhof.bunter-kreis.de

Fotos: © Der bunte Kreis, © Ulrich Wirth

Therapiezentrum Ziegelhof

Therapiezentrum Ziegelhof

Seit August 2014 leben Sams, Vitus, Löwi, Don, Prinz, Wilma, Pebbels und viele weitere Tiere auf dem Ziegelhof. Neben der tiergestützten Therapie werden zahlreiche weitere Therapieformen angeboten. Das weitläufige Gelände bietet viel Platz unter anderem für Reithallen, Ställe, Hochseilgarten, Wasserspielplatz und Elterncafé.

Beim Ziegelstadel 26
86391 Stadtbergen