16. Mai 2018
Events | Frankfurt/Offenbach

Von märchenhaftem Glück

Die Brüder Grimm Festspiele gehören zu den kulturellen Highlights im Rhein-Main-Gebiet. Im Interview mit dem Mercedes-Benz Kundenmagazin spricht Jan Radermacher, stellvertretender künstlerischer Leiter, über das Erfolgsrezept, die Arbeit hinter den Kulissen und das faszinierende Programm.

Kurz bevor sich der Vorhang zum ersten Mal in diesem Jahr hebt, herrscht Premierenfieber bei den Brüder Grimm Festspielen. Bis zuletzt feilen Autoren, Regisseure und Schauspieler an den Texten, Gesten und Positionen, werden die Kostüme noch mal angepasst. Jan Radermacher steht unten im Amphitheater von Schloss Philippsruhe und beobachtet aufmerksam die Schauspieler auf der Freilichtbühne vor ihm. Zwischendurch greift er immer wieder ein, erklärt, wie er sich die Szene vorstellt, und macht sich Notizen.

Alte Märchen neu bearbeitet

„Bis zur Premiere gibt es immer noch Änderungen“, erzählt der 36-Jährige, als er sich eine kurze Pause von den Proben gönnt. Bei der Inszenierung von „Die Prinzessin auf der Erbse“, die in diesem Jahr zum ersten Mal bei den Brüder Grimm Festspielen gezeigt wird, fungiert Radermacher als Autor und Regisseur in einer Person. Darüber hinaus ist er auch noch stellvertretender künstlerischer Leiter und damit einer der engsten Mitarbeiter von Intendant Frank-Lorenz Engel. Wieder einmal haben Engel und sein Team ein abwechslungsreiches Programm zusammengestellt, das bis zu 70.000 Zuschauer von Mitte Mai bis Ende Juli in die Welt der Märchen entführt (siehe Bildergalerie). Darüber hinaus wird Ende Juli in der Reihe „Junge Talente“ ein Klassiker aufgeführt: „Die Leiden des jungen Werther“, der Briefroman aus der Sturm-und-Drang-Phase von Johann Wolfgang von Goethe.

Was die Zuschauer nicht sehen, ist die viele Arbeit, die lange vor der Premiere – sozusagen hinter den Kulissen – stattfindet. Das Kreativteam aus Autoren, Regisseuren, Komponisten und Choreografen, Bühnen-, Kostüm- und Maskenbildnern arbeitet monatelang daran, den jahrhundertealten Märchen immer wieder neue Seiten abzugewinnen und sie damit lebendig zu halten. Im Interview lässt uns Jan Radermacher einen Blick hinter diese Kulissen werfen und verrät, was die Festspiele so einzigartig macht.

Herr Radermacher, in diesem Jahr inszenieren Sie bei den Brüder Grimm Festspielen „Die Prinzessin auf der Erbse“ als Schauspiel mit Musik. Warum gerade dieses Märchen?

Genau genommen „Die Erbsenprobe“. So heißt das Märchen bei den Brüdern Grimm. Ursprünglich stammt es von Hans Christian Andersen. Wir, also das Kreativteam um Frank-Lorenz Engel, machen uns schon mehr als ein Jahr im Voraus Gedanken, welche Stücke wir im kommenden Jahr zeigen wollen. Welches wird das Musical? Welches das Familienstück? Eine wichtige Voraussetzung: Die Märchen dürfen nicht zu unbekannt sein. Mich hat gereizt, dass „Die Erbsenprobe“ nur einmal erschienen ist. Und im Gegensatz zu vielen anderen Klassikern war sie noch nie als Bearbeitung bei den Festspielen zu sehen.

Für alle, die lange keine Märchen mehr gelesen haben: Worum geht es in der Geschichte?

Das ist schnell erzählt: Ein Prinz sucht eine echte Prinzessin als Frau. Alle Bewerberinnen entpuppen sich als falsch. Dann steht eines Nachts bei Regen ein unscheinbares Mädchen vor der Tür des Palastes und bittet um ein Nachtlager. Unter einem Turm aus 20 Matratzen sind ein paar winzige Erbsen versteckt. Am nächsten Morgen klagt das Mädchen, es habe schlecht geschlafen. Das beweist, dass sie eine echte Prinzessin ist, denn nur eine echte Prinzessin ist so sensibel, dass sie selbst unter 20 Matratzen eine Erbse spürt.

Wie macht man aus einem kurzen Märchen, das seit 200 Jahren bekannt ist, ein abendfüllendes Theaterstück?

Das ist in der Tat eine Herausforderung. Der ursprüngliche Text ist nicht mal eine DIN-A4-Seite lang. Es kommen nur vier Leute darin vor und sie sprechen vielleicht zehn Sätze. Das wäre etwas langweilig.

Wie gehen Sie vor?

Ich suche zunächst ein Grundthema. Als ich mich mit der Vorlage beschäftigt habe, bin ich auf Themen wie Hochsensibilität gestoßen. Und dann gibt es in dem Märchen ein berühmtes Zitat, das mich angesprochen hat: „Das Glück steht oft vor der Türe, man braucht sie nur aufzumachen.“ Das bedeutet: Man kann Glück haben im Leben, aber man sollte schon den ersten Schritt machen. Diese Grundidee entwickle ich dann weiter.

Verraten Sie uns schon ein bisschen mehr?

In meiner Bearbeitung ist die Königin gestorben. Der König hat sich aus Gram eingeschlossen. Er hat die Türen sprichwörtlich zugemacht und sich von seinem Sohn, dem Prinzen, entfernt. Dieser beschäftigt sich mit Mathematik, weil er hofft, so erklären zu können, warum es in seinem Land ständig regnet. Es geht darum, dass die Menschen nicht mehr fühlen, dass sie die Wahrheit und die Trauer nicht spüren wollen. Und dann steht eines Nachts ein Mädchen vor der Tür, das ganz viel spürt.

Das klingt nach einer Beschreibung unserer Zeit.

Ja. Das finde ich an einem Projekt wie den Festspielen gerade so interessant, dass wir einen psychologischen Aspekt mit einfließen lassen können. In zehn Jahren würde ich vielleicht ein anderes Grundthema finden. Genau das ist ja das Spannende an Märchen: Die Moral verändert sich immer. Das erklärt, warum sie bis heute überlebt haben. Ich vergleiche Märchen daher gerne mit Shakespeare. Wie bei ihm geht es immer um Grundthemen, die unser Leben bestimmen – bis heute.

Zwei Jahre zuvor hatte Radermacher den Nachwuchswettbewerb der Brüder Grimm Festspiele gewonnen.
Jan Radermacher ist seit 2016 stellvertretender künstlerischer Leiter der Brüder Grimm Festspiele Hanau.
Sind Sie ein Mensch, der dem Glück bereitwillig die Türen öffnet?

Die Frage, wie weit man seine Türen öffnet und andere an sich heranlässt, ist immer ein Thema. Jeder von uns hat manchmal einfach Angst davor, weil er nicht weiß, was hinter der Tür auf ihn wartet. Aber ich bin schon ein Mensch, der gerne Türen aufmacht. Das hat sicher viel mit Leidenschaft zu tun, weil mir meine Arbeit so viel Spaß macht.

Wie kam der Kontakt zu den Festspielen Hanau zustande?

Ich kannte die Festspiele bereits aus dem Internet. Ich war ja viele Jahre Schauspieler. In Hamburg hatte ich auch schon mit Frank-Lorenz Engel zusammengearbeitet, zu dem im Laufe der Jahre eine enge Freundschaft entstanden ist. 2014, da war er schon Intendant in Hanau, hat er mich gefragt, ob ich ein Stück bei den Brüder Grimm Festspielen inszenieren möchte. Dass ich Frank-Lorenz Engel kennengelernt habe, war so ein Glück, das vor der Türe steht. Inzwischen ist er eine Art Mentor für mich.

Was reizt Sie an der Veranstaltungsreihe?

Es ist beeindruckend, welcher Aufwand in Hanau betrieben wird für etwas, was man sonst als Kinderliteratur betrachtet: die Größe, die Bühne, die wundervolle Schneiderei. Man kann sich kreativ ungeheuer ausleben. Und immer noch schwebt der Geist aus den kleinen Anfängen mit, dieser Zusammenhalt. Die meisten Beteiligten stammen ja nicht aus Hanau. Wenn man im Sommer draußen arbeitet, ist es natürlich noch mal ein besonderes Gefühl. Ich freue mich, dass die Märchen hier so hochgehalten werden, und bin stolz, Teil einer Sache zu sein, die weiter wächst.

Brüder Grimm Festspiele Hanau
  • In diesem Jahr finden die Festspiele von Mitte Mai bis Ende Juli zum 34. Mal statt. Insgesamt stehen sechs Stücke auf dem Programm. Ermöglicht wird das Programm durch öffentliche Fördergelder und durch den Beitrag von Sponsoren, zu denen auch die Mercedes-Benz Niederlassung Frankfurt/Offenbach gehört.

Marjan hat bereits viele Märchen der Brüder Grimm als Hörbuch eingesprochen.

Brüder Grimm Festspiele Hanau 2018

Amphitheater Schloss Philippsruhe
Landstraße
63454 Hanau
www.festspiele.hanau.de