28. Dezember 2016
Events | Bremen

Max Liebermann in Bremen
Von der Idee zur Ausstellung

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckte das deutsche Großbürgertum den Sport als Freizeitvergnügen. Max Liebermann war der erste Chronist dieses Trends. Noch bis zum 26. Februar 2017 sind 140 Werke von Liebermann und Zeitgenossen in der Kunsthalle Bremen zu sehen. Das Mercedes-Benz Kundenmagazin hat mit Dr. Dorothee Hansen gesprochen, der Initiatorin und Kuratorin der Ausstellung.

Frau Dr. Hansen, wie ist das bisherige Feedback zur Ausstellung?

Durchweg positiv, sowohl bei den Besuchern als auch der Fachpresse. Es herrscht ein großes Interesse an dem Thema, denn es spricht die „klassischen“ Liebermann-Fans an, aber auch Sportfans. Wir hatten einmal 60 Mitglieder eines Tennisklubs da, von denen einige noch nie eine Kunstausstellung besucht hatten. Gerade in den ersten Wochen waren die Besucherzahlen gut, aber der Ansturm kommt erfahrungsgemäß zum Ende einer Ausstellung.

Wie wichtig ist Ihnen die Meinung der Fachleute?

Experten und interessiertes Publikum gehören für mich zusammen, aber manchmal ist es schwierig, beide gleich gut zu bedienen. Ich finde, uns ist das gelungen, auch vor dem Hintergrund, dass es zu Max Liebermann schon viele Veranstaltungen gegeben hat. Wir haben viel Arbeit geleistet, um die Ausstellung aus heutiger Perspektive interessant und attraktiv zu machen, haben Jahrgänge von alten Sportzeitungen gewälzt und akribisch die Herkunft der Bilder erforscht – all das ist in die Ausstellung und den Katalog mit eingeflossen. Auch die Kunsthistoriker, die ja erst mal in die Sportgeschichte eintauchen müssen, sind überrascht, wie viel da eigentlich drinsteckt.

Wie kamen Sie ausgerechnet auf Liebermann?

Wir hatten vor drei Jahren eine Ausstellung zum Kunsthändler und Publizisten Alfred Flechtheim, der in den 20er-Jahren Herausgeber der Kunstzeitschrift „Der Querschnitt“ war. Seine Art, Sport mit Kunst zu kombinieren, fand ich so schräg, dass ich dachte: Dazu müsste man mal etwas machen. Vor diesem Hintergrund kam ich auf Liebermann und dann auf die Frage, wo und von wem er inspiriert worden sein könnte. Das Schlusskapitel des Katalogs ist deshalb auch Flechtheim gewidmet.

Wie stand Liebermann selbst zum Sport?

Liebermann interessiert die Darstellung von Bewegung. Er begreift Sport als Facette des großbürgerlichen Lebens, nie als Leistungssport. Den hat er im hohen Alter einmal als „zu forcierte Angelegenheit“ bezeichnet. Für ihn war Sport etwas, das die Menschen als Vergnügung betreiben oder weil es chic ist – es gehört zum bürgerlichen Leben, so wie heutzutage vielleicht Golf. Bei Polo sieht das etwas anders aus, das ist vom Status wirklich elitär. Wussten Sie, dass es nur 250 aktive Polospieler in Deutschland gibt? Und bei uns in Bremen kann man erstmals Liebermanns Bilder unter der kulturgeschichtlichen Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Sport betrachten. Das ist nicht nur großer Kunstgenuss, sondern auch historisch sehr interessant.„Liebermanns Sportbilder regen zu Vergleichen mit der heutigen Zeit an.“Dr. Dorothee Hansen

Porträt Kuratorin Frau Dr. Dorothee Hansen
Dr. Dorothee Hansen ist Initiatorin und Kuratorin der Ausstellung Max Liebermann – Reiten, Tennis, Polo in der Kunsthalle Bremen.
Was ist das Besondere an der Verbindung von Sport und Kunst?

Da gibt es viele Parallelen: Beides lebt in den Spitzen von der enormen Leidenschaft für die Sache, von der Kraft und Kreativität. Es gibt ein paar Stars, die sind ganz weit oben, und viele, die es nur zum Spaß machen. Beides lebt zudem vom Publikum und spricht eine universelle Sprache, die weltweit verstanden wird. Das merkt man bei Kunstevents wie etwa der documenta und großen Sportereignissen wie den Olympischen Spielen.

Wie lang war dann der Weg von der Idee zur „fertigen“ Ausstellung?

Man kann sagen, dass wir rund zwei Jahre intensiver Arbeit hatten. Das beginnt bei der grundlegenden Recherche, ob das Thema überhaupt trägt. Dann braucht man selbstverständlich Zeit für die Beschaffung der Leihgaben: Bei manchen Bildern muss man bei Händlern, Museen oder Kunsthäusern forschen, weil man nicht weiß, wo sie zu finden sind. Hinzu kommt die Recherche für den Katalog. Dann geht es an die konkretere Planung: Wie inszenieren wir die Ausstellung so, dass sie funktioniert, wie ist ihr Rhythmus, wie werden die Bilder platziert?

Hatten Sie so etwas wie ein Minimalziel bei der Bildauswahl?

Manche Bilder muss man einfach bekommen, denn ohne sie macht die Ausstellung keinen Sinn, beispielsweise Liebermanns Bilder vom Polo und Tennis: Die haben wir. Es existiert aber auch ein Gemälde von Liebermann, bei dem die Pferde auf den Betrachter zugaloppieren. Davon gibt es zwar ein gutes Foto, aber wir wissen einfach nicht, wo das Bild selbst zu finden ist. Das hätte ich gern gezeigt. Wenn im Werkverzeichnis „in Privatbesitz“ steht, dann ist das manchmal für uns das Ende der Fahnenstange.

Was waren die Herausforderungen bei der Beschaffung?

Manchmal braucht man gute Kontakte. Wir haben zum Beispiel aus Washington ein Bild des berühmten Edgar Degas bekommen. Der wird dort entsprechend gehütet und nicht ohne Weiteres für eine Ausstellung des vergleichsweise „unbekannten“ Liebermann ausgeliehen. Zum Glück kenne ich die Kuratorin. Bei manchen Bildern glaubt man nicht, dass man sie überhaupt bekommen kann, aber zwei Bilder wurden uns sogar aktiv aus Privatbesitz angeboten. Insgesamt haben wir mehr als 40 Leihgeber. Und natürlich ist der Transport der Bilder sehr aufwendig: Sie reisen mit Kurierbegleitung und in Klimakisten, die für jedes Bild extra angefertigt werden. Das kostet …

Zeichnung von Tennisspielenden aus der Zeitschrift Simplicissimus
„Zählen Sie doch nicht deutsch, Sie blamieren ja unsern ganzen Klub.“ Die Satirezeitschrift „Simplicissimus“ machte sich 1903 in einer Karikatur über das Tennis spielende Großbürgertum lustig.
Was sind Ihre persönlichen Lieblingsmotive?

Ich schätze besonders die Polospieler in Jenischs Park, denn das Bild ist voller Dynamik. Es lädt zu sehr inspirierenden Vergleichen mit Werken von Edgar Degas ein, die auch in der Ausstellung zu sehen sind. Ich liebe aber auch den Reiter am Strand mit Foxterrier: Da wird der flüchtige Moment eingefangen, das Hündchen ist mitten im Sprung dargestellt. Und der Pinselstrich ist so breit und frei, dass er die Bewegung und die Flüchtigkeit des Augenblicks nochmals unterstreicht.

Sie haben Archäologie und Mittelalterliche Geschichte studiert. Was hat Ihre Leidenschaft für die Moderne geweckt?

Ich interessiere mich brennend für den Ausstellungsbetrieb, und hier kann man im Bereich des 19. und 20. Jahrhunderts einfach mehr machen. Je weiter Sie in der Zeit zurückgehen, desto mehr Probleme gibt es, desto schwieriger wird es aufgrund ihres Zustands, Bilder für eine Ausstellung zu bekommen. Da ist mir die Moderne lieber …

Dr. Hansens persönliche Tipps für die Ausstellung

Erstmal spontan schauen, das persönliche Gefühl und den Geschmack sprechen lassen.

Überlegen, warum einen das Werk so anspricht. Dann kommt man automatisch zum näheren Analysieren.

Hilfreich ist der Vergleich: mit benachbarten Bildern von Liebermann, z. B. Skizzen, oder mit Motiven anderer Künstler.

Auch der Vergleich mit der Realität ist spannend: Fotos zeigen, wo Liebermann das Geschehen realistisch wiedergibt und wo er Dinge weglässt. Beispiel Architektur: Die findet man fast nie in seinen Bildern.

Kuratorin Dr. Dorothee Hansen mit Besuchern in der Ausstellung
Zur Person
  • Dr. Dorothee Hansen:

    Geboren 1963, Studium der Kunstgeschichte, Klassischen Archäologie und Mittelalterlichen Geschichte in München. Nach der Dissertation 1992 wissenschaftliches Volontariat an der Hamburger Kunsthalle (1992 bis 1994). Seit Februar 1995 Kustodin für die Gemälde des 14. bis 19. Jahrhunderts an der Kunsthalle Bremen, seit 2008 stellvertretende Direktorin.

Außenansicht der Kunsthalle Bremen

Ausstellung Max Liebermann

22. Oktober 2016
bis 26. Februar 2017

Kunsthalle Bremen
Am Wall 207
28195 Bremen

kunsthalle-bremen.de