06. Juli 2018
Events | Stuttgart

Was für ein
Theater

Rund um Renningen geht’s wild und gefährlich zu. Da toben Mogli, Balu und Baghira durch den Dschungel. Und Vampire lauern in der Nacht. Mit dem Familienstück „Das Dschungelbuch“ und der Abendinszenierung „Dracula – Bis auf den letzten Tropfen“ hat die Saison im Naturtheater Renningen begonnen. Der Tipp für ein außergewöhnliches Theatererlebnis.

Das Naturtheater Renningen ist eine Institution in der Region Leonberg. Jahr für Jahr bringt das engagierte Amateur-Ensemble unter professioneller Regie anspruchsvoll inszenierte Stücke auf die Bühne. Überhaupt: diese Bühne. Spielplateau und Zuschauerraum in einem früheren Steinbruch mitten im Wald bieten seit 1954 eine einmalige Kulisse. Sie wird in diesem Sommer beim Dschungelbuch nach Rudyard Kipling zum indischen Urwald. Die Abenteuer des kleinen Menschenkinds Mogli und seiner Freunde sind bis zum 19. August zu sehen. Wer es lieber schaurig mag, der sollte die Interpretation von Dracula nach Bram Stoker besuchen. Die Aufführungen werden bis zum 26. August gezeigt.

Naturtheater Renningen 2018 Dschungelbuch Mogli Affen
Die gemeinen Affen umringen den kleinen Mogli. Eine Szene aus dem Familienstück „Das Dschungelbuch“ im Naturtheater Renningen.

Naturtheater Renningen sucht Talente

Auf der Bühne stehen, Teil einer anspruchsvollen Inszenierung sein, mit Leidenschaft eine Rolle spielen, den Applaus des Publikums genießen. Wer Talent besitzt und Engagement mitbringt, kann beim Naturtheater Renningen seinen Traum vom Theater verwirklichen. So wie Laila Hernandez. „Schauspielerin“ antwortet die Zwölfjährige schnörkellos auf die Frage nach ihrem Berufswunsch. Die Klassenlehrerin in der Grundschule entdeckte Lailas Faible und empfahl den Eltern das Kindertheater. „Man lernt, ohne Angst auf die Bühne zu gehen“, so Laila selbstbewusst. „Schließlich weiß man, was man kann.“

Die Kinder werden behutsam für ihre Rollen aufgebaut. Nachdem Laila vor zwei Jahren im „Zauberer von Oz“ eine Mohnblume und im Jahr drauf im „Aschenputtel“ eine Taube dargestellt hatte, spielt sie nun als kleiner Mogli im „Dschungelbuch“ schon eine große Rolle. Als Menschenkind, das von Wölfen im Urwald aufgezogen wird, besteht sie in dem modernen Märchen um echte und falsche Freunde zahlreiche Abenteuer. Im Stück steht die Gymnasiastin eine Stunde auf der Bühne. Das bedeutet: viel Text, darstellerische Emotion sowie jede Menge Einsätze und Interaktion im Ensemble. Doch Laila empfindet ihr Pensum nicht als Last. Dafür sorgt auch Regisseurin Janne Wagler. Sie probt Szene um Szene mit den Nachwuchsschauspielern, die dabei in ihre Rollen hineinwachsen, bis das Spiel ganz selbstverständlich sitzt.

Freunde im Publikum finden es cool

In die Aufführungen geht Laila mit einer positiven Aufregung. „Nach den ersten Vorstellungen hat sich das eingespielt.“ Ganz einfach verwandelt sich Laila in Mogli: ins Kostüm schlüpfen, dann für zehn Minuten in die Maske. „Ich bin ein dunkler Typ. Da werden nur die Augen etwas dunkler geschminkt.“  Dann die letzten Vorbereitungen, konzentrieren und ab auf die Bühne. Im Publikum sitzen sehr oft Freunde, Schulkameraden und Bekannte. „Die finden es cool“, sieht die Schülerin ihre schauspielerische Ambition bestätigt.

Naturtheater Renningen 2015 Jim Knopf
Eine einzigartige Kulisse im ehemaligen Steinbruch: Ein Blick über die Publikumsränge hinweg auf die Bühne des Naturtheaters Renningen. Das Familienstück „Jim Knopf“ wurde 2015 gespielt.
Naturtheater Renningen 2018 Dschungelbuch Mogli Balu Baghira
„Das Dschungelbuch“ ist eine Hommage an die Freundschaft: Mogli (Laila Hernandez) sowie Balu, der Bär, gespielt von Theresa Müller, und Baghira, der Panther, dargestellt von Nadine Leutelt.

Gut unterhalten mit anspruchsvollem Theater

Viele Mitglieder, die heute im Theater am Abend auf der Bühne stehen oder sich um Technik, Maske, Kostüme, Gastronomie und Organisation kümmern, sind dem Naturtheater Renningen in der zweiten oder dritten Generation verbunden. Im Interview mit dem Mercedes-Benz Kundenmagazin berichtet Rüdiger Wagner, der in „Dracula“ den Amerikaner Quincy P. Morris spielt, vom Weg auf die Bretter, die die Welt bedeuten.

Herr Wagner, was ist das Besondere am Naturtheater Renningen?

Hier kommt vieles zusammen. Zunächst einmal ist es die lange Tradition. Schon seit 1954 wird auf der Naturbühne mit ihrer einzigartigen Atmosphäre Theater gespielt. Der Verein funktioniert wie eine große Familie. Herausragend ist aber sicher, dass Profis und Ehrenamtliche gemeinsam arbeiten, um in der Auswahl der Stücke und in den Inszenierungen eine hohe künstlerische Qualität zu erreichen. Den lustigen Schenkelklopfer in drei Akten gibt es bei uns nicht mehr. Bei uns erlebt das Publikum mit anspruchsvollem und unterhaltsamem Theater einen schönen Abend.

Zieht das noch bei der Konkurrenz der vielen Unterhaltungsmöglichkeiten?

Es bleibt etwas Besonderes, Theater live auf der Bühne zu erleben. Das zeigen die Reaktionen der Kinder und Jugendlichen im Familienstück ganz deutlich. Und auch mit der Abendinszenierung erreichen wir über unser Stammpublikum hinaus die Zuschauer in einem großen Einzugsbereich. Wir behaupten uns sehr gut. In den vergangenen Jahren hatten wir so viele Besucher wie schon lange nicht mehr.

Was hat Sie zum Theater gebracht?

Es war Zufall. Unsere Regisseurin Monika Wieder hat mich entdeckt. Ich war Helfer an der Getränkeausgabe und trällerte ein Liedchen vor mich hin. Monika hörte es und sagte spontan: „Dich brauch ich.“ Und wenn der Theatervirus einen dann erst mal infiziert hat, kommt man nicht wieder davon los.

So einfach wird man Schauspieler?

Es war dann doch ein weiterer Weg. Toll sind die Workshops, die unser Verein mit Monika Wieder für uns Hobby-Schauspieler anbietet. Wir machen Bewegungs-, Spiel- und Sprechübungen, die die Fähigkeiten im Sprechen und im Darstellen weiterentwickeln. Man bekommt ein Gespür, worauf man sich einlassen muss, um eine Rolle tatsächlich auszufüllen. Es ist spannend zu erleben, wie man sich in einem solchen Prozess vom Alltag befreit. Stimmung und Haltung verändern sich. Man wächst wirklich in eine Rolle hinein.

Haben Sie Lampenfieber?

Bevor es losgeht, spüre ich hinter der Bühne eine gewisse Anspannung. Das hilft mir, mich zu konzentrieren. Ich bereite mich auf die Rolle vor und wechsle in den Charakter hinüber, den ich darstelle. Es ist erstaunlich, wie man in diesem Prozess mit seiner Erfahrung als Schauspieler reift.

„Es gibt nichts Schöneres, als vor Publikum Theater zu spielen.“Rüdiger Wagner

Naturtheater Renningen 2018 Dracula Ruediger Wagner
Rüdiger Wagner ist im wirklichen Leben Entwicklungsingenieur und in der Freizeit begeisterter Schauspieler beim Naturtheater Renningen. In der Inszenierung „Dracula – Bis zum letzten Tropfen“ verkörpert er den Amerikaner Quincy P. Morris.
Wie zeitintensiv ist das Hobby auf der Theaterbühne?

Vorbereitung und Proben fordern das ganze Ensemble und die Helfer ziemlich stark. Da müssen Familie und Freunde schon Verständnis haben. Für mich ist es ein schönes Hobby, weil ich es mit meiner Frau Jana zusammen machen kann. Auch sie spielt mit Leidenschaft im Naturtheater.

Wie lange dauert die Vorbereitung, um ein Stück auf die Bühne zu bringen?

Alles in allem rund ein Jahr. Schon im Sommer macht sich unsere Vorstandschaft Gedanken über das Programm des nächsten Jahres. Sie trifft die Entscheidung. Die Regisseurin beschließt dann mit der Vorstandschaft, ob sie selbst die Theaterfassung für das ausgewählte Stück schreibt oder eine bestehende Fassung für unser Ensemble adaptiert. Im Herbst finden dann Workshops statt, in denen das Ensemble sich trifft und vorbereitet. Im Dezember liegt das Drehbuch vor, und Monika wählt aus, wer aus der Truppe am besten für die jeweilige Rolle geeignet ist. Dann beginnen wir, uns den Text zu erarbeiten. Ende Januar fangen die Proben an, dann leben wir Schauspieler uns nach und nach in die Rollen ein. Ab Mai folgen Musik- und Technikproben. Und zum Schluss feilen wir am Ausdruck, am Zusammenspiel und an der Perfektion. Alle fiebern der Premiere entgegen, denn es gibt nichts Schöneres, als vor Publikum zu spielen.

Wie charakterisieren Sie „Dracula – Bis zum letzten Tropfen“?

Das Publikum darf sich auf einen spannenden Theaterabend freuen und wird gut unterhalten. Der Stoff von Bram Stoker ist schon derb. Dracula und die anderen Vampire sind gefährliche, tödliche Kreaturen. Genau diese Stimmung wollen wir eindrücklich transportieren.