05. Juli 2016
Fahrzeuge | Aachen

Die G-Klasse in freier Wildbahn

Für manche wirkt sie wie aus der Zeit gefallen, viele andere lieben sie gerade aus diesem Grund: Die 1979 geborene G-Klasse polarisiert. Redakteur Oliver Knoch wollte wissen, ob die Geländegängigkeit des Mercedes-Benz SUV hält, was sie verspricht. Der Härtetest auf dem Offroad-Parcours des Grazer Hausbergs „Schöckl“ zeigt es.

Die Mercedes-Benz G-Klasse in ihrer Heimat in der Steiermark zu besuchen, ist in etwa so, wie frei lebende Nashörner in Afrika zu sehen: Man kennt die Tiere aus dem städtischen Zoo, aber in ihrer natürlichen Umgebung wirken sie kräftiger, agiler und quasi unbesiegbar. Genauso fasziniert auch die G-Klasse durch ihre unbändige Kraft, die erst im unwegsamen Gelände des Schöckl richtig zur Geltung kommt. Gekoppelt mit überlegener Offroad-Technik wird daraus die Fähigkeit, die Wildnis – zumindest teilweise – zu beherrschen. Dieses Auto ist unantastbar wie ein Dickhäuter. Ein Gefühl, das sich auf Insassen wie mich überträgt. Das ist archaisch, aber irgendwie auch großartig!

47°10’ N, 15°27’ E

Das COMAND Media-Display auf der Mittelkonsole zeigt eine Höhe von 800 Metern an. Wir steuern Richtung Nordwesten. Unsere Schräglage lese ich an den kerzengerade gewachsenen Bäumen ab, die wir im Abstand von wenigen Zentimetern passieren. Real mögen es 40 Prozent sein, gefühlt müssten wir schon längst umgekippt auf der Seite liegen. Die 5,6 Kilometer lange Teststrecke auf dem Schöckl enthält Steigungen von bis zu 60 Prozent und Seitenneigungen bis 40 Prozent – kein Problem für die G-Klasse, die 100 Prozent Steigung (45 Grad) und 54 Prozent Seitenneigung verkraftet. Als Testkilometer für die Erprobung der Strecke werden allerdings nur die 3,1 Kilometer Schlechtweg gezählt. Der Begriff ist pure Untertreibung. Felsblöcke ragen einen halben Meter hoch aus der Piste, Baumwurzeln überspannen die Trasse. Es gibt knietiefe Spurrillen, Steine, lockeres Geröll, Erdabsätze und Schlammlöcher. An manchen Stellen windet sich der Weg haarscharf entlang eines Abgrunds. Hexenkessel, Schlund und Höllengraben heißen die einzelnen Passagen der Offroad-Testpiste. Und sie tragen ihre illustren Namen wahrlich nicht ohne Grund. Ebenso angebracht ist der Haltegriff über dem Handschuhfach auf der Beifahrerseite. Ich hätte es mir denken können …

Bis zu 54 Prozent Seitenneigung birgt die Teststrecke.
Bäume wachsen in der Regel senkrecht. Die Teststrecke am Schöckl ist nur selten kerzengerade. Die G-Klasse kümmert das nicht.

Komplett „durchgeschöcklt“

Sepp, der professionelle Magna Steyr Werksfahrer, dem ich schon aufgrund seines Namens eine gewisse Ortskenntnis zutraue, redet seelenruhig weiter. Während er den SUV über den nächsten Felsbrocken balanciert, schwärmt er von der genialen Grundkonstruktion des Geländewagens, die seit der Fahrzeugpräsentation 1979 unverändert blieb: robuster Leiterrahmen mit Portalachsen, permanenter Allradantrieb und vor allem drei per Hand zuschaltbare, mechanische Differenzialsperren. Als Sepp deren Funktionsweisen erläutert, merke ich, dass es meinem Wohlbefinden zuträglicher ist, wenn ich weniger zuhöre und mehr nach vorne schaue. Ich hätte nicht erwartet, in 1.000 Metern Höhe seekrank werden zu können. Erst jetzt fällt mir auf, wie viele Geländestufen und Gesteinsblöcke die Schraubenfedern mit ihren langen Federwegen schlucken, ohne dass sie je in meinem Magen ankommen. „Das ist Komfort“, ruft Sepp. Mein Körper und ich nicken.

Mit der Mercedes-Benz G-Klasse auf dem Schöckl

Kraftvoll, wild, unbändig – die G-Klasse in ihrer natürlichen Umgebung: dem Grazer Hausberg „Schöckl“.

Offroad-Härtetest

Seit mehr als 35 Jahren wird die G-Klasse auf dem 1.445 Meter hohen Hausberg der Grazer, dem Schöckl, getestet. 15.000 Kilometer dieser Strapazen muss ein G überstehen. Aber nicht nur jede neue Baureihe wird der Qual unterzogen, sondern auch bei allen entsprechenden Neuerungen geht es zurück auf die Offroad-Piste, um Getriebe, Stoßdämpfer, Motoren oder andere Aggregate zu testen. Sepp und seine Kollegen fahren dann im Schichtbetrieb Tag und Nacht die Teststrecke ab. 4.838-mal. Viel passiert ist dabei noch nicht. „Ab und zu platzt ein Reifen, wenn sich ein Stein durch das Gummi bohrt“, sagt Sepp. Das Schöckl-Martyrium lohnt sich. Die Qualität der Mercedes-Benz G-Klasse ist konkurrenzlos. Es heißt, dass noch etwa 80 Prozent aller jemals produzierten Fahrzeuge auf den Straßen, Pfaden und Schlechtwegen dieser Welt unterwegs sind.

Besichtigung der G-Klasse Produktion in Graz
Magna Steyr
  • Manufaktur:

    Die Magna Steyr Fahrzeugtechnik AG & Co KG im österreichischen Graz produziert seit 1979 die G-Klasse von Mercedes-Benz.

  • Designklassiker:

    Der SUV ist seitdem seinem Design weitestgehend treu geblieben. Technisch erhielt das Fahrzeug im Laufe der Zeit einige Verbesserungen und Aktualisierungen, hauptsächlich im Bereich der Motorvarianten, dem Interieur und der Sicherheitssysteme.

  • Alles aus einer Hand:

    Auf der 2013 eingeweihten Produktionslinie im Werk in Graz werden sämtliche Modelle, Karosserievarianten und Motorisierungen bis hin zum „Wüstenfuchs“ mit Sechsradantrieb gefertigt.

  • Manuelle Produktion:

    Etwa 10.000 Exemplare laufen pro Jahr vom Band. Rund 6.500 Mitarbeiter zählt das Grazer Werk, in dem noch viel in Handarbeit produziert wird – sei es beim Setzen der über 5.500 Schweißpunkte oder beim Nähen der Sitzbezüge.

Fotos: © Jens Pussel

Der Gipfel des Schöckl nördlich von Graz ist 1.445 Meter hoch.

Grazer Hausberg

Der 1.445 Meter hohe Schöckl liegt etwa 15 Kilometer nördlich der steirischen Landeshauptstadt Graz. Er ist ein beliebtes Ausflugsziel für Spaziergänger, Wanderer, Downhill-Mountainbiker, Drachenflieger, Paragleiter – und G-Klasse Fans.