14. November 2016

Kunst aus der Dose:
Frankfurt im Farbrausch

Als Teenie zog er durch die Vororte Frankfurts und hinterließ in Nacht- und Nebel-Aktionen seine Spuren an den Gebäudewänden der Stadt. Heute bereist Graffiti-Künstler Justus Becker alias „Cor“ für seine Projekte die Welt und verdient sein Geld mit den überdimensionalen Wandgemälden. Ganz legal.

Jogger bleiben stehen. Touristen zücken Smartphones und Digitalkameras. Sie können den Blick nicht abwenden. Halten den Moment fest. Machen Selfies. Denn diese riesigen, täuschend echten Kindergesichter, die unter der Frankfurter Friedensbrücke hervorschauen, sind vergänglich. Jeden Monat tauchen hier neue beeindruckende Gemälde, Szenarien und Botschaften auf – im Auftrag von und mit Graffiti-Künstler Justus Becker.

Die Friedensbrücke: eine Galerie der Superlative

Die Wände der Frankfurter Friedensbrücke bespielen die Graffiti-Künstler wie eine Bühne jeden Monat aufs Neue: „Wir genießen das Vertrauen der Stadt und dürfen die Wände regelmäßig frei gestalten“, so Justus Becker. Ihre Instrumente: Sprühdose und Airbrush-Pistole. Becker – Initiator dieses Projekts – „verwaltet“ die Wände und Pfeiler der Brücke: Hier dürfen ausschließlich Profis mit seiner Genehmigung ans Werk. Dafür reisen auch mal international renommierte Künstler an, um die Friedensbrücke als Werbefläche für ihre Kunst zu nutzen. Anfänger und Hobby-Sprayer dürfen sich in Absprache auf weniger prominenten Flächen am Frankfurter Ratswegkreisel austoben und kreativ entfalten.

Justus Becker Graffiti in voller Montur
Der Street-Art-Künstler liebt die Abwechslung seiner Projekte – ob im Auftrag großer Unternehmen oder von Privatpersonen.
Justus, du hast dir, wie viele andere Sprayer auch, als „Schmierer“ in der Graffiti-Szene einen Namen gemacht ...

Ja, ich bin nachts rausgeschlichen und habe meine Schule besprüht. Meine ersten Motive waren aber bloß Schriftzeichen. Ich habe gemalt, Freunde standen Schmiere (lacht). Trotzdem wurden wir mehrmals von der Polizei erwischt ... Da ich aber schon als Teenie zeichnen und figürlich malen konnte, habe ich auch relativ früh „legale Flächen“ zur Verfügung gestellt bekommen – von Zimmerwänden im Freundeskreis bis hin zu den späteren Auftragsarbeiten.

Heute bist du vor allem bekannt dafür, Charity-Projekte mit deiner Kunst zu unterstützen. Wie kam es dazu?

Ich bin irgendwann mal gefragt worden, ob ich das für ein Projekt machen möchte. Das hat mir unglaublich viel Freude bereitet. Und irgendwie hat es dem Ganzen dann noch mal einen höheren Sinn gegeben, sodass ich mittlerweile seit vielen Jahren meine Graffiti-Kunst mit sozialen Projekten verbinde.

Welche Projekte liegen aktuell an?

Ich versteigere immer mal wieder Werke für den guten Zweck. Auf was ich besonders stolz bin, ist die Aktion „Hopehelps“. Damit haben befreundete Künstler und ich den Bau einer Kindertagesstätte für 26 Kinder in Äthiopien finanziert. Mittlerweile gehen die Kids in die Schule – wir bezahlen Kleidung und das Schulgeld. Das nächste Projekt wird ein Wandgemälde in einem türkischen Waisenhaus nahe der syrischen Grenze sein. Dort wollen wir mit den Kids ein Kinderkunstwerk erschaffen. Wir werden das Motiv aber nicht steuern – das wirkt zu aufgesetzt. Es soll auch nicht politisch sein. Nur eine positive Message haben.

Haben all deine Werke eine Botschaft?

Ich habe auch Phasen, in denen ich nur etwas Ästhetisches malen und mir selbst mein handwerkliches Können bestätigen möchte. Etwas, das nicht mein Seelenleben widerspiegelt, sondern mir etwas zurückgibt. In der Regel produziere ich aber Aussagen mit meinen Werken – eher gesellschaftskritische als politische.

Justus Becker Graffiti beim Sprühen von hinten
Justus Becker über seine Haltung als Künstler: „Ich stelle lieber meine Arbeiten zur Schau als meine Person.“
Was willst du damit erreichen?

Wenn man etwas im öffentlichen Raum macht, zudem noch in diesen Dimensionen, zwingt man die Leute ja schon ein bisschen dazu, sich damit zu befassen. Ich denke, es muss gar nichts bringen, aber es könnte die Menschen inspirieren, über etwas nachzudenken und zu kommunizieren. Das wäre schon allein ein Riesenerfolg. Das ist es, was Kunst kann.

Einige Bilder von dir sind in den sozialen Medien sehr populär. Was hat sich in den letzten Jahren verändert?

Das ganze Street-Art-Thema erlebt gerade einen extremen Aufschwung: Größer, höher, breiter – das ist es, was zählt. Nur dann geht es auch in den sozialen Netzwerken um die Welt. Die Reichweite der Künstler ist enorm geworden, aber man wird auch zum Sandkorn am Strand. Die Konkurrenz wächst durch Instagram & Co. täglich. Dafür gibt es allerdings auch einen Wandel auf höherer Ebene: Die Graffiti-Kunst wird zur Städtewerbung! Und viele Weltstädte schmücken sich bereits in großem Stil damit. Da hinken wir noch hinterher.

Woran erkennt man denn deine Graffiti in Frankfurt und Umgebung – gibt´s ein Markenzeichen?

Jein. Ich benutze kein Brand, wie ein Logo – das langweilt. Man kann meine Bilder am Stil erkennen. Ich vermische Fotorealismus mit abstrakten Formen und Farben. Vor allem male ich Frauengesichter und Kinder. Indem ich dann verschiedene Ebenen und Motive darüberlege, verfremde ich die fotorealen Gesichter wieder künstlerisch. Das gibt dem Ganzen etwas Spannendes und mehr Tiefe. Ich bin niemand, der Landschaften malt ... oder Tiere.

Dein bestes Werk?

Das beste Bild von mir gibt es eigentlich nicht. Dann würde ich mich ja darauf ausruhen (lacht). Ich suche immer noch nach einer Steigerung!

Justus Becker Graffiti Smart
Für eine Veranstaltung der Mercedes-Benz Niederlassung Frankfurt gestaltete Justus Becker mit der Agentur Artmos4 verschiedene smart-Modelle live vor den Kunden.
Justus Becker Graffiti Portrait
Justus Becker
  • Person: In der Street-Art- und Graffiti-Szene ist Justus Becker seit 20 Jahren unter dem Namen „Cor“ (lateinisch Herz) bekannt. Der Name – Schicksal. Nach einer schweren Herzerkrankung im Alter von zehn Jahren, verarbeitete er die Erlebnisse mit Malen und Zeichnen. Heute zeigt er Herz.
  • Beruf(ung): Der studierte Illustrator hat sein Atelier in den Seitenräumen der Naxoshalle im Ostend Frankfurts. Er arbeitet als Grafiker, entwirft Motive für T-Shirts, Sneakers und Flyer, gestaltet auf Wunsch Leinwände, Gebäude, Räume, Installationen oder auch Firmenautos.
  • Nachwuchsförderung: Im „Jugendladen Bornheim“ – die Kreativwerkstatt in der Naxoshalle hilft Becker, junge Künstler zwischen 12 und 25 Jahren in seinem Handwerk zu fördern. Außerdem wird in dem Jugendhaus gezeichnet, fotografiert und geschneidert.
  • Galerie: Seine Werke stellt Justus Becker über seine Homepage und seinen Instagram-Account aus.