06. Februar 2017

Mit dem Fahrrad nach Shanghai

An ihrem 30. Geburtstag starteten die Zwillinge Paul und Hansen Hoepner von Berlin aus die bislang längste Radtour ihres Lebens – nicht nach Polen, Ungarn oder an den Polarkreis, sondern nach Shanghai, sieben Monate und 13.600 Kilometer auf dem Landweg gen Osten. Das Mercedes-Benz Kundenmagazin hat mit den beiden Weltenbummlern über ihre Reisen und Erfahrungen im Sattel gesprochen.

Wie kamen Sie auf die Idee zu dieser Mammuttour?

Hansen: Das hat sich über die Jahre entwickelt. Wir haben zusammen immer längere Touren gemacht, irgendwann auch die Strecke von Maastricht nach Mailand – einfach, weil ich dort zur Möbelmesse wollte und keine Lust auf einen Flieger hatte. Ab da haben wir immer etwas weiter gedacht: Polen, Ungarn und andere Ziele in Europa, bis rauf zum Polarkreis.

Paul: Dann hatten wir die Idee, die weiteste Landstrecke in Angriff zu nehmen, die man mit einem Lineal im Atlas ziehen kann – und das auf dem Landweg, ohne irgendwo überzusetzen. Infrage kamen Shanghai und Südafrika: Die Strecke durch Afrika erschien uns gefährlicher, die Landschaft Asiens reizvoller. Und Tibet ist ein absolutes Traumland für uns ...

Wie lange hat die Vorbereitung gedauert?

Hansen: Grob gerechnet sechs Monate, davon die letzten drei Monate intensiv, wo wir uns wirklich jeden Tag um die Planung und Finanzierung durch Crowdfunding gekümmert haben. Was die Route und die Länder auf unserer Reise anging, haben wir einen eher „naiven“ Zugang gewählt und nicht sonderlich intensiv geplant und recherchiert: Zu viele Vorabinformationen können auch voreingenommen machen. Das wollten wir nicht.

Was haben Ihre Familie und Freunde gesagt?

Paul: Unsere Freunde waren erst ziemlich schockiert, haben aber verstanden, dass wir das machen müssen und durchziehen. Sie kennen unser Durchhaltevermögen, aber natürlich gab es beim Start zu unserer Tour auch Witze, so nach dem Motto „Bis in zwei Wochen ...“.

„Mit dem Fahrrad hat man das Gefühl, die Erde ist tatsächlich ein Planet.“Paul Hoepner

Paul und Hansen Hoepner in Reisekleidung und in Zivilkleidung
Paul und Hansen Hoepner konnten nach ihrer Reise von Berlin nach Shanghai endlich wieder in Zivilkleidung schlüpfen.
Warum musste es ausgerechnet das Fahrrad sein?

Paul: Das Fahrrad ist als Fortbewegungsmittel technisch relativ einfach, man kann es aus eigener Kraft betreiben und auch reparieren. Darüber hinaus lassen sich damit Strecken bewältigen, die zu Fuß einfach nicht gehen. Stellen Sie sich vor, Sie wandern durch die Taklamakan-Wüste, die 1.000 Kilometer lang und 400 Kilometer breit ist: Das dauert nicht nur ewig, das ist auch gefährlich.

Was lernt man auf einer solchen Reise über sich?

Hansen: Wir wollten als Brüder durch das gemeinsame Reisen einen neuen Zugang zueinander finden, unsere Beziehung auf eine andere, erwachsenere Ebene heben und neue Seiten am anderen kennenlernen. Wir hatten lange Zeit nicht viel miteinander zu tun, bis auf seltene Besuche, bei denen es dann auch noch Streitereien gab.

Paul: Ich glaube, wir steckten in einem Zwillingsdilemma: Man ist sich sehr ähnlich, will das aber gleichzeitig nicht sein. Man möchte irgendwie, dass der andere Zwilling alles so macht wie man selbst, will sich aber auch unterscheiden und nicht nachgemacht werden.

Stationen einer Weltreise: von Berlin nach Shanghai

War diese Nähe für die Reise nötig?

Paul: Ich habe oft überlegt, ob wir das mit jemand anderem machen würden, denn Freunde und auch Wildfremde haben schon gefragt. Aber ich habe mit meinem Bruder den perfekten Partner gefunden und kann natürlich nicht drei, vier oder fünf Reisen im Jahr machen.

Hansen: Man muss jemanden haben, mit dem man eine gute Streitkultur entwickelt hat. Alles andere würde nicht funktionieren, denn man reibt sich auf solchen Touren immer – und damit muss man umgehen können.

Was war unterwegs die größte Herausforderung?

Hansen: Natürlich gibt es die rein körperlichen Anstrengungen, besonders da wir durch die intensiven Reisevorbereitungen nicht richtig trainieren konnten. Über die ganze Tour verteilt haben wir durchschnittlich 70 Kilometer am Tag geschafft. Aber letztlich ist es ein Mix aus Psyche und Körper: Wenn Sie den ganzen Tag Fahrrad fahren, ist das zum Teil sehr meditativ. Aber 2.000 Kilometer staubige Steppe in Kasachstan, immer geradeaus, der Wind immer von vorn – da hört der Spaß auch irgendwann auf und es schlägt aufs Gemüt.

Wie hält man das durch?

Paul: Glücklicherweise sind wir Zwillinge: Wir haben meist Gegenpositionen, ergänzen uns dadurch aber sehr gut. War der eine frustriert, hat ihn der andere motiviert. Da haben wir uns gut abgewechselt und konnten so immer weitermachen.

Hansen: Aufgeben ist oft schwieriger, als weiterzumachen. Natürlich psychologisch, aber auch logistisch. An den Punkten, an denen das Aufgeben lockt, ist man ja in den meisten Fällen „on the road“, es sind vielleicht 200 oder 300 Kilometer bis zur nächsten größeren Stadt. Dahin musst du also sowieso, und wenn du es erst mal bis dahin geschafft hast, dann geht es auch irgendwie weiter.

Wie waren die Reaktionen der Menschen unterwegs?

Hansen: Das war eine Mischung aus Faszination, ungläubigem Staunen und Mitleid. Für die einen waren wir verrückt. Den anderen taten wir leid, weil wir Armen uns keinen Esel für die Reise leisten konnten. Aber egal wie die Leute uns eingestuft haben, wir wurden immer eingeladen und unterstützt.

„Was man meistens vergisst: Aufgeben ist oft schwieriger, als weiterzumachen.“Hansen Hoepner

Was hat Sie am meisten überrascht?

Paul: Was man alles schaffen kann, wenn man nur dranbleibt. Wir hätten vorher auch nicht gedacht, wie kurz so viele Kilometer doch eigentlich sind, wie relativ klein die Welt ist. Toll war auch die Erfahrung, dass es tatsächlich einen Landweg gibt. Ansonsten ist unsere Welt so abstrakt: Man steigt irgendwo in ein Flugzeug und jettet in ein paar Stunden um die halbe Erde. Der Bezug zur Entfernung geht verloren. Mit dem Fahrrad hat man das Gefühl, es ist tatsächlich ein Planet.

Was war das schwierigste Erlebnis?

Hansen: Das war eher ganz zum Ende, kurz vor dem Ziel, als die Reise für uns aus Schnellstraßen und Großstädten bestand. 2.000 Kilometer durch Smog, über Straßen, auf denen man keine Fahrradfahrer kennt, sondern nur Autos und Roller. Das war hart.

Paul: Schwierig, aber zugleich einer der absoluten Höhepunkte der Reise, war die Passüberquerung im Himalaja auf 5.250 Metern. Da hatten wir das Gefühl: Jetzt ist es geschafft und nur noch eine Frage der Zeit ...

Apropos Zeit. Sie haben sich ziemlich beeilt auf der Tour ...

Hansen: Man kann sich tatsächlich nicht viel Zeit nehmen, denn die Tour ist – auch durch die nötigen Visa – eng getaktet. Das Visum für China kann nur in Deutschland ausgestellt werden und ist dann drei Monate gültig. Wir mussten also in neunzig Tagen von Berlin nach China radeln. Das haben wir auch geschafft – eine halbe Stunde vor Ablauf des Visums (lacht).

Wie schwer ist der Wiedereinstieg ins normale Leben nach einer solchen Weltreise?

Paul: Das stellt man sich schwieriger vor, als es ist. Der Alltag ist unglaublich mächtig.

Hansen: Das prägt wirklich nur die ersten paar Tage, zum Beispiel wenn man wieder in einem Bett liegt und ein Geräusch hört – dann will man weg und fliehen. Ansonsten ist die Lebensweise auf der Tour sehr monoton: Fahrrad fahren, Zelt aufbauen, essen, schlafen, Zelt abbauen, weiterfahren.

Sie halten Vorträge über Ihre Reise, zum Beispiel im Mercedes me Store Hamburg, und haben ein Buch dazu herausgebracht. Wie entstand die Idee?

Hansen: Wir wollten von vornherein die Reise dokumentieren und ein Buch schreiben, das viele Bilder zeigt aber auch Videos, die über QR-Codes verlinkt sind. Auch die Idee, einen Film aus dem Videomaterial zu machen, hatten wir schon vor der Tour. Das brauchte es auch, weil wir ja per Crowdfunding das Geld gesammelt haben – und das bekommt man natürlich nicht für eine private Reise ohne Dokumentation.

Auch aus Ihrem nächsten Großprojekt entstand ein Buch ...

Paul: Ja, richtig: „Zwei um die Welt – in 80 Tagen ohne Geld“. Wir sind von Berlin aus um die Welt gereist – per Anhalter, Zug, Bus und Flugzeug – und haben uns das Geld unterwegs verdient. Als Handwerker, Umzugshelfer oder durch den Verkauf von selbst gestaltetem Schmuck. Also ohne Betteln. In Delhi habe ich zum Beispiel einem Geschäftsmann, der uns geholfen hat, eine Homepage gebaut.

Hansen: Wir haben dabei tolle Überraschungen und die Großzügigkeit der Menschen erlebt, auch wenn wir viel improvisieren mussten und selten alles nach Plan verlaufen ist. Es sind dann auch tatsächlich mehr als 80 Tage geworden.

Sie tüfteln bestimmt schon wieder an einem neuen Projekt ...

Hansen: Es gibt verschiedene Sachen, über die wir nachdenken. Wir möchten mal etwas mit Schnee und Eis machen, am besten mit einem selbst gebauten Gefährt, das ganz nah an dem sein soll, was jeder selbst bauen kann, ohne besonderes Material.

Welchen Tipp haben Sie für das „kleine Abenteuer“ oder eine Auszeit?

Paul: Abenteuer bedeutet nicht, dass man weit weg muss, das geht auch in Deutschland. Vielleicht ein Urlaub im Kölner Forst, ohne Geld. Hier ist Fantasie gefragt. Oder eine längere Radreise. Tipps für die richtige Ausrüstung gibt es auf unserer Website.

Hansen: Ich denke, man sollte nicht zu viele Erwartungen an das Kurzabenteuer haben und erst mal den ersten Schritt machen. Oft sind die Umstände gar nicht so widrig, wie man immer denkt. Und man muss sich den Rückweg offen halten und vielleicht nach zwei Stunden abbrechen, ohne dann zu hart mit sich ins Gericht zu gehen.

Zur Person

Hansen Hoepner: Geboren am 6. April 1982 in Singen am Hohentwiel, Studium an der Akademie für Bildende Künste Maastricht (Produktdesign, Goldschmiedekunst und Fotografie), seit 2014 Mitwirkung am Kreativprojekt „KAOS“; selbstständiger Produktdesigner in Berlin.
Paul Hoepner: Geboren fünf Minuten nach seinem Zwillingsbruder Hansen; Abschluss in Köln als Diplom-Mediendesigner, danach zwei Jahre in einer Agentur als Onlinekonzepter in Berlin. Anschließend Studium des Faches Human Factors und heute Arbeit als Konzepter für Mobile Applications.

Cover des Buchs Zwei nach Shanghai
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