02. Mai 2017

Unser liebstes Kind

Vom ersten Urlaub mit den Eltern bis zum Besuch bei den eigenen Enkeln – das Auto begleitet uns als Transportmittel durchs ganze Leben. Besonders wir Deutschen pflegen oft eine innige Beziehung zu unseren Fahrzeugen. Eine Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn arbeitet unser Verhältnis zu Autos nun in einer interessanten Ausstellung auf.

Die Urlaubsreisen starteten üblicherweise mitten in der Nacht. Als wir Kinder geweckt wurden, war schon alles gepackt. Wir mussten es uns nur noch auf dem breiten Rücksitz unseres Mercedes-Benz 280 SE, Baureihe W 116, bequem machen. Auf der leeren Autobahn in Richtung Spanien schuckelten uns die komfortable Federung und die im Mondlicht vorbeirauschenden Landschaften dann wieder in den Schlaf. Jeder von uns kennt und liebt solche Auto-Anekdoten. Seien es nun der Familienurlaub, die Führerscheinprüfung oder der erste Kuss auf dem Rücksitz – oft sind es anrührende Erinnerungen, getränkt mit ein wenig Melancholie bei den Gedanken an die gute alte Zeit. Im Bonner Haus der Geschichte widmet sich nun eine umfangreiche Ausstellung dem innigen Verhältnis der Deutschen zu ihrem „liebsten Kind“.

Alles kreist ums Auto

Statussymbol, Freiheitsgarant, Konjunkturmaschine, Liebhaberstück, Kultobjekt, Innovationstreiber, Emissionsquelle, Werbe-Ikone, Spaßmobil – kaum ein zweites Produkt strahlt solch eine Faszination aus wie das Automobil, und über kaum ein anderes wird zugleich so emotional und teils kontrovers diskutiert. Bis Januar 2018 zeigt die Ausstellung „Geliebt. Gebraucht. Gehasst. Die Deutschen und ihre Autos“ Objekte, Medienstationen, Plakate, Fotos und Dokumente rund um unser „Auto-Land“ Deutschland: von der Massenmotorisierung zur Wirtschaftswunderzeit, als das Auto für Individualität und Unabhängigkeit stand und den Handlungsspielraum der Menschen enorm erweiterte, bis zur Entwicklung schadstoffarmer Elektroautos und der Forschung an autonom fahrenden Fahrzeugen. Natürlich dürfen auch ausgewählte Exponate nicht fehlen, die Automobil-Geschichte geschrieben haben – wie zum Beispiel ein Mercedes-Benz 600 Pullman.

Geliebt. Gebraucht. Gehasst. Die Deutschen und ihr Verhältnis zum Auto.
Die Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn zeigt anhand von rund 800 Exponaten die soziale und kulturelle Bedeutung des Autos. Der Eintritt ist frei.

Der Mercedes-Benz 600, Baureihe W 100, debütierte auf der Internationalen Automobil-Ausstellung 1963 in Frankfurt. Vom V8-Motor mit 6,3 Litern Hubraum und 250 PS, der den wuchtigen 2,5-Tonnen-Wagen auf bis zu 205 Stundenkilometer beschleunigte, bis zur elektrisch regulierten Heizungs- und Lüftungsanlage und allerlei hydraulischer Systeme war der 600er zu jener Zeit das Maß aller Dinge in Sachen Automobilbau. Er bot ein bis dato nicht gekanntes Maximum an Komfort: Luftfederung, ein umfassendes Servosystem, automatisches Öffnen des Kofferraumdeckels, hydraulisch einstellbare Front- und Rücksitze. 3.200 Millimeter Radstand sorgten für ausreichend Platz für die maximal sechs Passagiere in der Limousine. Die drei Pullman-Varianten boten mit 6,24 Meter Länge sogar bis zu acht Personen royal viel Raum. Sie gab es als Vier- und Sechstürer sowie in der hinten offenen Landaulet-Version. Innen duftete das Leder, elegantes Holz schmiegte sich um die Minibar. Und der Chauffeur saß so weit vorne, dass es zur Kommunikation optional eine bordeigene Telefonanlage gab. Mehr Luxus war anno 1963 nicht möglich.

Raum für viel Prestige

Bis 1981 entstehen 2.677 Fahrzeuge des Mercedes-Benz 600, davon 429 Pullman und 59 Landaulet. Erste Nutzerin war 1965 die britische Königin Elizabeth II. Ein ganz besonderes Landaulet erhielt im gleichen Jahr der damalige Papst Paul VI.: Es hatte nur vier Türen, einzelne Sessel hinten, einen erhöhten Dachaufbau und höheren Boden im Fond, der den Kardantunnel abdeckte. Es ist heute im Mercedes-Benz Museum in Stuttgart-Untertürkheim ausgestellt. Viele andere Modelle des repräsentativen 600er gingen an Staatsoberhäupter, arabische Königshäuser, Pop- und Filmsterne wie Elvis Presley oder Liz Taylor oder an Unternehmer wie Aristoteles Onassis. Auf den luxuriösen Rücksitzen ihrer Mercedes-Benz 600 Modelle haben sich die betuchten Berühmtheiten sicher genauso wohl und sicher gefühlt wie wir Kinder hinten im 280 SE.

Der Nürburgring ist als wichtige Rennstrecke natürlich auch Teil der Ausstellung.
Motorsport darf bei der Betrachtung deutscher Automobil-Geschichte natürlich nicht fehlen: Mit dem Großen Preis von Deutschland fand auf dem Nürburgring 1951 zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg ein internationales Rennen statt.

Jüngere deutsche Geschichte erleben

Zeitspanne Mit Ausstellungen, Veranstaltungen, Online-Angeboten und Publikationen wie dem Museumsmagazin präsentiert das Haus der Geschichte in Bonn deutsche Geschichte vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis in die Gegenwart.

Gründung Das Haus der Geschichte wurde 1994 vom damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl eröffnet, der bereits bei seinem Amtsantritt 1982 den Aufbau einer Sammlung zur Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland initiierte.

Beliebt Mit 850.000 Besuchern jährlich ist es eines der meistbesuchten Museen Deutschlands. Zur Stiftung Haus der Geschichte gehören auch das Zeitgeschichtliche Forum in Leipzig sowie der Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße und das Museum in der Kulturbrauerei in Berlin.

Wichtig Vom 13. März bis Mitte Dezember 2017 wird das Glasdach des Hauses der Geschichte in Bonn erneuert. In dieser Zeit bleibt die 7.000 Objekte umfassende Dauerausstellung „Unsere Geschichte. Deutschland seit 1945“ geschlossen. Die Sonderausstellungen bleiben geöffnet.

Der Haupteingang vom Haus der Geschichte befindet sich an der Museumsmeile in Bonn.

Haus der Geschichte

Museumsmeile
Willy-Brandt-Allee 14
53113 Bonn

Website: www.hdg.de