26. Juli 2017

Auf der Suche nach
Qualität im Netz

Fake-News, Hate-Speech, Shit-Storms: Internet und soziale Netzwerke sehen sich derzeit massiver Kritik ausgesetzt. Doch es gibt sie noch, die Juwelen im Netz, die auf eine pädagogische, journalistische, einfühlsame oder humorvoll-kreative Art bereichernd sind. Die Jury des Grimme Online Award zeichnet seit 2001 jedes Jahr die besten Angebote aus. Zu Gast bei der Award-Verleihung 2017 in der Kölner Flora.

„Der Grimme Online Award verkörpert die gute Seite des Netzes“, sagt Frauke Gerlach, Direktorin des Grimme-Instituts. Das gute Internet, damit meint Gerlach jene Vision vom freien Informationsaustausch, mit der die akademischen Pioniere des Internets in den 1970er-Jahren angetreten sind, um Wissen zu vermitteln, Menschen zusammenzubringen, Probleme der Gesellschaft zu lösen und gemeinsam an einer besseren Zukunft zu arbeiten. Dieser hehre Anspruch ist in den vergangenen Jahren, wenn auch nicht völlig abhanden gekommen, so aber aus dem Licht der Öffentlichkeit gerückt. Stattdessen sind die Schattenseiten größer geworden: Shit-Storms, Hass-Tiraden, Fake-News sowie Beleidigungen, Bedrohungen und Verleumdungen lenken von vielen wichtigen Themen ab. Denn das Freisetzen von negativen Emotionen erzeugt Aufmerksamkeit und Klicks, die Währung in der neuen Online-Welt.

Die Gewinner eines Mercedes-Benz Preisausschreibens lassen sich vor der Flora ablichten.
Jörg Schwarze und sein Sohn Edgar hatten bei einem Preisausschreiben der Mercedes-Benz Niederlassung Köln/Leverkusen auf Facebook Tickets für die den Grimme Online Award gewonnen und genossen die Gala.

Und jeder redet inzwischen zu jedem Thema mit: Laut „ARD/ZDF-Onlinestudie“ verfügen 84 Prozent der Deutschen über einen Internet-Zugang. 66 Prozent gehen mit ihrem Smartphone online, also meist unterwegs, wo wenig Zeit und Raum ist, und die polarisierende Headline schwerer wiegt als die differenzierte Hintergrundgeschichte.

Die rare Aufmerksamkeit

Viele dieser guten Geschichten, die weniger reißerisch, sondern mehr aufklärerisch sind, finden oft keine breite Leserschaft – auch weil sie in den sozialen Medien nicht so wahrgenommen werden. All das führt dazu, dass die populistische Äußerung eines Politikers oder die polemische Kritik an einem unbedeutenden Fehlgriff eines Prominenten ungerechtfertigterweise viel Aufmerksamkeit erhält. Während Aktionen für Menschenrechte, Beiträge zur Inklusion oder bereichernde Kulturdebatten im virtuellen Niemandsland ein einsames Dasein fristen. „Wir leben mittlerweile in einer digitalen Gesellschaft, deren Informationsfülle und -komplexität uns vor tief greifende Herausforderungen stellt, bis hin zur Frage: Wie wollen wir eigentlich leben?“, sagt Grimme-Direktorin Gerlach bei der Preisverleihung des Online Award 2017 in der Kölner Flora.

Jeannine Michaelsen und Frauke Gerlach stehen auf der Bühne.
Frauke Gerlach (r.) erläutert im Gespräch mit Moderatorin Jeannine Michaelsen die Bedeutung des Grimme Online Award in der heutigen Zeit.
Der Fahrdienstleiter von Daimler steht vor der Kölner Flora.
Mercedes-Benz Fahrdienstleiter Alex Grabowsky geleitet die VIPs des Galaabends aus den V- und S-Klassen zum roten Teppich.

Ehre, wem Ehre gebührt

„Ich bin mächtig stolz auf unsere kreativen Leute, die auch mal Experimente wagen.“Tom Buhrow, WDR-IntendantDer Grimme Online Award, der qualitativ hochwertigen Projekten seit 2001 ihre verdiente Plattform gibt, leistet einen bedeutenden Beitrag für Meinungsvielfalt und -freiheit und den demokratischen Prozess. Dabei spielen bei der Auswahl der unabhängigen Jury nicht nur die Inhalte eine Rolle. Denn die rasanten technischen Innovationen ermöglichen völlig neue Erzählformen, die den Grimme Online Award zu einem der spannendsten und abwechslungsreichsten Medienpreise machen. So nutzen 2017 viele Einreichungen die neuen Möglichkeiten der Darstellungsform, wie etwa 360-Grad-Videos oder Podcasts, um auch komplexe Themen leicht zugänglich darzubieten. „Die diesjährigen Preisträger und Nominierten zeigen, dass es sich durchaus lohnt, eine Idee zu verfolgen, die Möglichkeiten des Webs auszunutzen und Grenzen auszutesten“, schreibt die Jury in ihrer Begründung und fordert: „Weiter so, denn nichts ist spannender als Vielfalt. Auch im Netz.“

Alle Sieger des Grimme Online Award 2017

Larissa Rieß steht vor dem Rednerpult mit dem Grimme-Logo.
Grimme Online Award
  • Preise: Mit dem Grimme Online Award werden seit 2001 qualitativ hochwertige Online-Angebote ausgezeichnet. In vier Kategorien – „Information“, „Wissen und Bildung“, „Kultur und Unterhaltung“ sowie „Spezial“ – vergibt das Grimme-Institut maximal acht Preise. Zusätzlich wird ein Preis vom Publikum per Abstimmung vergeben.
  • Nominierung: Zwischen Mitte Januar und Mitte März können über ein Formular Projekte für den Grimme Online Award vorgeschlagen werden. Aus den eingegangenen Vorschlägen – 2017 waren es rund 1.200 – wählt die Nominierungskommission bis zu 28 Nominierte aus.
  • Auswahl: Eine unabhängige Jury aus Journalisten, Medienwissenschaftlern, Internet-Experten sowie Fachleuten aus Kultur und Bildung bewertet inhaltliche, funktionale und gestalterische Aspekte. Auch journalistische Qualität, soziale Verantwortung und gesellschaftliche Relevanz spielen eine Rolle.
  • Videos: Auf dem Youtube-Kanal des Grimme Online Award werden alle Nominierten und Preisträger 2017 noch einmal vorgestellt. Auch Ausschnitte der feierlichen Preisverleihung in der Kölner Flora sowie Interviews vom roten Teppich sind zu sehen.