17. August 2016

Fußball Analyse:
„Wir haben den Raum neu definiert“

Mit seiner neuen Art der Fußball Analyse hat Stefan Reinartz bei der EM für Furore gesorgt. Wird sein „Packing“ auch die Bundesliga revolutionieren?

Herr Reinartz, bei der EURO 2016 war Ihre Fußball Analyse „Packing“ in aller Munde. Wie fällt Ihr Fazit der EM in Frankreich aus? Ein Offensivspektakel haben wir ja nicht gesehen ...

Richtig. Viele Mannschaften haben sich in die Defensive zurückgezogen. Das mag am neuen Modus gelegen haben, bei dem drei Unentschieden zum Überstehen der Gruppenphase ausgereicht haben. Eine stabile Defensive lässt sich eben schneller einüben – und war ja auch sehr erfolgreich, wie Portugal, Wales und Island gezeigt haben. Das belegen auch unsere Zahlen: Gerade Island und Wales hatten extrem niedrige Packing-Werte gegen sich. Sie standen extrem tief und haben nichts zugelassen. Wir müssen als Zuschauer aber auch akzeptieren, dass die Maßstäbe im Fußball nicht die Nationalmannschaften bei so einem Turnier, sondern die europäischen Top-Vereine in den Ligen setzen. Dort ist das Niveau am höchsten.

Was ist nach der EM bei Ihnen passiert?

Wir haben keine Zeit mehr (lacht). Nun ja, wir haben viele Anfragen von Medien, Vereinen, aber auch vielen Privatleuten, die ihre Wetten auf Basis der Packing-Daten platzieren möchten.

Welchen Einfluss wird der Packing-Wert auf die kommende Bundesligasaison haben?

Mit TV-Sendern überlegen wir gerade, wie wir die Analyse noch besser fürs Fernsehen aufbereiten können. Auf Vereinsseite arbeiten wir mit Bayer 04 Leverkusen und Borussia Dortmund schon konkret zusammen, mit Aufsteiger RB Leipzig haben wir gerade eine Testanalyse gemacht. Eine spannende Mannschaft übrigens. Sie hatten in der zweiten Bundesliga mit weitem Abstand den besten Wert bei der offensiven Balleroberung, sind also verdient aufgestiegen.

Was bedeutet das?

Es geht im Fußball darum, in die richtigen Räume vorzustoßen. Das kann man entweder offensiv durch gutes Passspiel erreichen oder durch eine Balleroberung weit vorne im Feld des Gegners. Auch das können wir mit unserer Analyse messen. Dabei geht es nicht darum, wo das auf dem Feld passiert, sondern nur darum, wie viele Gegner man hinter sich lässt. Wir haben mit Packing quasi den Raum im Fußball neu definiert.

Wie genau profitieren die Trainer von den erhobenen Werten?

Packing hat zunächst mal nichts mit Taktik zu tun. Man kann die Analyse auf jedes Spielsystem anwenden. Wir haben nur etwas in Daten umgesetzt, was den Spielern ohnehin antrainiert wird: Reihen überspielen, in freie Räume vordringen usw. Rückschlüsse von den Daten aufs Spiel können aber dennoch interessant sein. Zum Beispiel wird massiv unterschätzt, welche Bedeutung jene Spieler haben, die die Bälle annehmen.

Beim Thema Fußball ist Stefan Reinartz in seinem Element.
Schon als aktiver Spieler war Stefan Reinartz ein taktisch versierter Mittelfeldstratege.

Jeder Passgeber braucht einen Mitspieler, der zuvor in einen wichtigen Raum vorgedrungen ist. Das ist eine Fähigkeit, auf die Trainer vermehrt achten werden. Thomas Müller ist da ein gutes Beispiel. Nicht umsonst nennt man ihn auch den Raumdeuter. Leider war er bei der EM ungewohnt schwach. Mesut Özil wäre ein anderes Beispiel.

Özil …?

Ja, ich weiß. Özil polarisiert. Dabei war er einer der besten Spieler bei der EM, was das Raumverhalten betrifft. Viele sehen nur, wenn er einen Fehlpass spielt. Dafür zieht er aber häufig das komplette Spiel nach vorne und bekommt fast immer in spannenden Situationen den Ball.

Was ist Ihre Prognose für die kommende Saison?

Bayern München und Borussia Dortmund werden die Liga dominieren. Ich hoffe, dass Bayer Leverkusen vielleicht oben mitmischen kann. Bei Borussia Mönchengladbach muss man schauen, wie sie den Weggang von Granit Xhaka nach Arsenal London verkraften, der in der letzten Saison den besten Packing-Wert der Liga hatte.

Packing anschaulich in einem Video erklärt.

Die Packing-Methode von Impect.
Mit seiner Firma Impect gelingt Stefan Reinartz der Abschied vom Profisport.
Eine neue Art der Fußball-Analyse
  • Was ist Packing? Der Grundgedanke ist, zu messen, wie viele Gegner mit einem Pass überspielt werden. Auf diese Weise fügt die Methode der bereits bekannten Fehlpassquote einen qualitativen Aspekt hinzu. Aus dem Packing-Wert lässt sich auch die Stärke des Passempfängers ablesen. Auch Ballgewinne in der Defensive nehmen Gegner aus dem Spiel und werden gezählt.
  • Wer hat’s erfunden? Im Januar 2014 entwickelten Stefan Reinartz und sein damaliger Teamkollege bei Bayer 04 Leverkusen Jens Hegeler, der heute für Hertha BSC spielt, ihre Packing Analyse. Im November desselben Jahres stellten die beiden ihr Konzept erstmals bei Bayer vor. „Die Idee kam aus der eigenen Wahrnehmung im Spiel heraus“, erklärt Reinartz.
  • Wer bietet es an? Reinartz und Hegeler haben 2014 die Firma Impect mit Sitz in Köln-Ossendorf gegründet, die die neue Technik weiterentwickelt, Daten sammelt und für Medien und Vereine aufbereitet. Mit den Kennzahlen lassen sich Spielergebnisse nachvollziehbarer bewerten und individuelle Leistungen besser einschätzen.
  • Wer ist Stefan Reinartz? Der 27-Jährige aus Overath stieg 2009 mit dem 1. FC Nürnberg in die erste Liga auf und spielte anschließend 163 Bundesligapartien bei Bayer Leverkusen und Eintracht Frankfurt sowie drei Spiele in der Nationalmannschaft. Verletzungen zwangen ihn 2016 zum frühzeitigen Karriereende. Heute wohnt er mit seiner Frau in Köln.

Fotos: © Jens Pussel