18. Juni 2018
Lifestyle | Rhein-Ruhr

Go Underground
Coole Locations in Düsseldorf

Tanzen unter einer Rheinbrücke, zeitgenössische Kunst in einem Tunnel und Ausstellungen in einer ehemaligen Toilettenanlage. Gibt's nicht? Gibt's doch – aber nur in Düsseldorf.

Es gibt Räume, die sind eigentlich gar keine. Sie verstecken sich in den Ecken und Winkeln der Stadtlandschaft oder liegen verborgen unter Beton und Asphalt. Den meisten fallen sie gar nicht auf. Bei Daniel Fritschi ist das anders. „Ich bin praktisch ganz Düsseldorf abgelaufen und habe nach Räumen gesucht, die nicht erschlossen sind“, erklärt der 46-Jährige. Fritschi, der Industriedesigner und im Hauptberuf IT-Administrator ist, hat mit seiner Leidenschaft für coole Locations schon einiges für Düsseldorf und seine progressive Kulturszene getan.

Zum Beispiel im Reinraum im Zentrum von Düsseldorf, wo er vor vielen Jahren Platten aufgelegt hat. Er erinnert sich noch heute an „krasse Partys“. Die waren allein schon deshalb denkwürdig, weil die Miniräume der ehemaligen Toilettenanlage so gut besucht waren, dass Tanzen nur mit angelegten Armen möglich war.

Golzheim, der Club unter der Brücke – eine der coolen Locations in Düsseldorf
Die Nacht kann starten. Ambiente des Golzheim unter der Theodor-Heuss-Brücke in Düsseldorf
Daniel Fritschi, Gründer und Betreiber des Golzheim, eine der coolen Locations in Düsseldorf.
Daniel Fritschi, Gründer und Betreiber des Golzheim, dem etwas anderen Club in Düsseldorf.

Reinraum, Ego-Club, Foyer

Den Veranstaltungsort mit dem außergewöhnlichen Ambiente gibt es immer noch. Er liegt unterhalb des Jahnplatzes, ganz in der Nähe der Kö und des K21 Ständehauses der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Der Reinraum wird von einem Verein betrieben, der hier regelmäßig Ausstellungen, Events und Konzerte organisiert. Oben auf dem Jahnplatz baumeln über einigen Biertischen bunte Lampen. Getränke kann man sich unten in der Bar besorgen. Die Atmosphäre erinnert an Berlin-Mitte in den 2000er-Jahren.
Für Daniel Fritschi war der Reinraum nur einer von mehreren geheimen oder wenn man so will „stillen Orten“ in Düsseldorf, in denen er aktiv wurde.

In den Gebäuden der ehemaligen Paketpost am Hauptbahnhof gehörte er zum Kreis derer, die dort ein offenes Kunst- und Musikprojekt auf die Beine stellten. Es gab mehrere Ateliers und den schon fast legendären Ego-Club. Zwischen 2010 und 2013 folgte das Foyer am Worringer Platz. Auch in dieser temporären Location ging es Fritschi um die Symbiose von Kunst, Ambiente und Musik – und um eine ungewöhnliche Location jenseits banaler Events. Das Foyer befand sich in einem ehemaligen Kino und Theater, welches lange als Baumarkt und danach für gelegentliche Ausstellungen genutzt wurde.

Coole Locations in Düsseldorf – Ausstellungsraum des KIT Kunst im Tunnel. Installationsansicht von
Installationsansicht „Meeting the Universe Halfway“ im KIT – Kunst im Tunnel.

Leidenschaft für einen Tunnelrestraum

Dieser Drang, aus vergessenen und übersehenen Räumlichkeiten coole Locations zu machen, liegt wohl in der Familie. Daniels Vater, Niklaus Fritschi, hat mit seinen Büropartner Benedikt Stahl und Günter Baum nicht nur die Düsseldorfer Rheinuferpromenade entlang der Altstadt entworfen. Dem Architekten ist auch das KIT – Kunst im Tunnel zu verdanken. Die Ausstellungshalle nutzt einen Hohlraum, der zwischen den beiden Tunnelröhren beim Bau des neuen Rheinufers entstand. Statt ihn mit Erdreich aufzufüllen, kämpfte Fritschi darum, ihn zu einem einzigartigen Kunstort zu machen. 2007 wurde KIT – Kunst im Tunnel eröffnet.

„Das Besondere daran ist, dass aus einem Off-Space in einem Tunnelrestraum ein städtisch geförderter Ort für Nachwuchskünstler wurde“, erklärt Gertrud Peters. Für die künstlerische Leiterin gehört zum KIT-Erlebnis auch das oberirdische KIT Café. „Mit einem tollen Musikprogramm im Angebot.“

„Die Kunstwerke müssen mit dem Raum in Dialog treten, sonst gehen sie unter.“Gertrud Peters

Besondere Räume stellen auch besondere Herausforderungen an die Künstler, die dort ihre Werke zeigen wollen. „Sie müssen sich intensiv mit dem Raum und all seinen Unebenheiten und Verjüngungen auseinandersetzen“, erklärt Peters. „Die Kunstwerke müssen mit dem Raum in Dialog treten, sonst gehen sie unter.“

Während unten, im U-Boot-förmigen Ausstellungsraum, zwischen Kunst und Architektur eine konzentrierte und spannungsvolle Atmosphäre entsteht, herrscht oben im beliebten KIT Café in der Regel ein buntes Treiben. Der Ort ist perfekt, um das Panorama aus Rhein, Funkturm, Rheinkniebrücke und ein bisschen vom Medienhafen auf sich wirken zu lassen. Unterhalb der Rheinkniebrücke leuchtet in hellen Lettern „Roncalli’s Apollo Varieté Theater“. Das Theater unter der Brücke stammt ebenfalls aus dem Architekturbüro „Fritschi + Stahl“. Man hätte es sich fast denken können.

Coole Locations in Düsseldorf. KIT Kunst im Tunnel an der Düsseldorfer Rheinpromenade.
Im beliebten KIT Café fahren Besucher mit einem Aufzug in den Kunsttunnel.

Der Club als Gesamtkunstwerk

Zwei Brücken weiter, nämlich unter der Theodor-Heuss-Brücke, hat Sohn Daniel nach langen Wanderungen durch Düsseldorf die passenden Räumlichkeiten gefunden. Das Golzheim ist einer der coolsten Clubs der Stadt. Jeden Samstag und meistens auch freitags öffnet er um 23:30 Uhr seine Tore. Genauer gesagt ist es eine schlichte Stahltür, die eher wie der Zugang zu einem Versorgungsschacht aussieht. Eigentlich ist die Location ein Un-Ort. Die Stadtwerke Düsseldorf wollten hier ursprünglich ein Umspannwerk unterbringen. Dazu kam es aber nie.

Die Lounge, die Bar und vieles mehr hat Fritschi mit Freunden und Bekannten selbst gebaut. Das Material fand er teilweise in Abrisshäusern in Düsseldorf und Umgebung. Damit entstand eine Location, die sowohl von außen als auch von innen alles andere als gewöhnlich ist. „Eine Art Gesamtkunstwerk“ nennt er den Club in der Uerdinger Straße 45. Dazu gehört auch, dass fast nur Vinylplatten aufgelegt werden. „House bis Techno aber immer in anspruchsvollen Spielarten, wie z.B. Detroit-Techno“ nennt Fritschi, der mit Level Records auch ein eigenes Label betreibt, im Groben die Ausrichtung der Samstage im Club, Freitags ist die Klammer musikalisch weiter gefasst.

Manchmal kann er kaum glauben, dass es seinen Club wirklich gibt: „Einen Raum zu erschließen praktisch aus dem Nichts, und das an einem so zentralen Standort in Düsseldorf, das ist eigentlich unmöglich.“ Man könnte auch sagen, ungewöhnliche Locations wie das Golzheim, aber auch den Reinraum und die Ausstellungshalle KIT – Kunst im Tunnel gibt es nur, weil es Menschen wie Fritschi gibt.

 

Coole Locations in Düsseldorf: Ein Raum wie ein U-Boot. Ausstellungsfläche des KIT Kunst im Tunnel. Raum wie ein U-Boot.
Ein Raum wie ein U-Boot. Ausstellungsfläche des KIT – Kunst im Tunnel.