04. Mai 2018
Lifestyle | Mannheim-Heidelberg-Landau

Handlettering
Schreiben wie gemalt

Wer schreibt heute noch mit dem Füller? Sehr viele, weiß man beim größten Hersteller für Füllhalter in Deutschland – bei Lamy. Aber es geht nicht nur ums Schreiben, sondern auch um die Lust am Gestalten. So wie bei Alicia Aradilla: Die spanische Illustratorin reist um die Welt und hält ihre Eindrücke mit Füller und Farbe fest.

Wer ihre Bilder sieht, hat keine Lust mehr auf die üblichen Handy-Urlaubsfotos. Ja, man möchte das Handy oder die Fotokamera am liebsten zu Hause lassen und stattdessen einen Füller und ein Skizzenbuch einpacken – wenn man denn so gut zeichnen könnte wie Alicia Aradilla. Die kolorierten Reiseskizzen, die die 29-Jährige mit leichter Hand in ihr Notizbuch zaubert, lassen die tausendfach gesehenen digitalen Bildwelten ganz schön alt aussehen.

Vor einem Jahr hat sich die Designerin und Illustratorin eine Auszeit genommen, um sich ihren Traum zu erfüllen. „Um die Welt reisen und sie in meine Hefte zeichnen“, erklärt die aus Madrid stammende Globetrotterin ihr Projekt. Ihren geliebten gelben Lamy-Safari-Füller, einen Aquarellkasten, ein Skizzenbuch und die Zeit, sich auf einen Ort einzulassen, mehr braucht sie nicht. Mit dieser Leidenschaft ist Aradilla nicht allein auf der Welt. Instagram-Hashtags wie #lamy, #handlettering und #kalligraphie zeigen Hunderttausende Kunstwerke. Mit der Hand zu schreiben, egal ob mit Pinsel, Feder, Filzstift oder Füller, ist ein Megatrend.

500 Zeichnungen aus 15 Ländern

In Zeiten, in denen digitale Gerätschaften immer mehr über Sprachsteuerung bedient werden, also selbst das Schreiben über Tastaturen seltener wird, ist das Revival des Schreibens mit der Hand erst einmal erstaunlich. Ist Handlettering, wie der Trend gerne genannt wird, wirklich eine Gegenbewegung zur Digitalisierung?

„Zeichnen anstelle des Fotografierens ermöglicht mir, den Ort länger zu genießen und das Leben besser kennenzulernen.“Alicia Aradilla

Nicht ganz, denn die analogen Werke von Aradilla und anderen Handlettering-Künstlern werden millionenfach übers Internet geteilt. Auch Aradilla teilt ihre Reiseskizzen auf ihrem Instagram-Kanal a.aradilla. Auf dem Youtube-Kanal „Travel Sketch“ kann man ihr sogar bei der Arbeit zusehen, die für sie reines Vergnügen ist. Aradilla hat in den vergangenen Monaten bereits 15 Länder bereist und zehn Skizzenbücher mit über 500 Zeichnungen angefertigt. Wenn sie wieder nach Madrid zurückkehrt, will sie das Material digitalisieren und einen Onlineshop eröffnen.

Das Analoge und das Digitale gehen also Hand in Hand bei diesem DIY-Trend. Für die Künstlerin geht es bei ihren „Travel Sketches“ aber noch um etwas anderes: „Zeichnen anstelle des Fotografierens ermöglicht mir, den Ort länger zu genießen und das Leben besser kennenzulernen. Das ist eine ganz andere Perspektive als die, die ein Tourist normalerweise einnimmt. Ich lerne dabei sehr viel“, sagt Aradilla. Den Moment intensiver erleben, indem man Dinge selbst tut, indem man wenigstens zeitweise die Komplexität der Welt ausblendet, auch das macht das Handlettering so populär.

Handlettering mit dem Kultfüller

Aradillas Modell, der Lamy Safari, erfreut sich bei der wachsenden Fangemeinde großer Beliebtheit. Mit seinem geschwungenen Metallclip, den markanten Griffmulden und den kräftigen Farben hat er sich in die Erinnerungen der späten Babyboomer und der Generationen X, Y und Z gebrannt. Viele von ihnen haben mit so einem Füller die Schulbank gedrückt.

„Das Schreibgerät ist in gewissem Sinne der Mittler zwischen Kopf, Herz und Hand.“Bernhard M. Rösner, geschäftsführender Gesellschafter der C. Josef Lamy GmbH

Und wie erklärt man sich am Stammsitz des Schreibgeräteherstellers in Heidelberg das Vergnügen am schönen Schreiben, das Revival der Kalligrafie und den Trend des Handletterings? „Gerade weil es im Alltag die Ausnahme ist, bekommt es wieder neue Bedeutung. Heute schreiben die Menschen bewusst von Hand, weil sie Freude daran haben oder wenn sie einer Botschaft besondere Bedeutung verleihen wollen“, ist Bernhard M. Rösner, der geschäftsführende Gesellschafter der C. Josef Lamy GmbH, überzeugt. Der Geschäftsmann sieht im Schreiben und Zeichnen von Hand auch eine tiefer gehende Qualität, die digitale Techniken bisher nicht ersetzen konnten: „Die körperliche und sinnliche Komponente des Schreibens von Hand ist ein nicht zu unterschätzender Faktor für Kreativität. Nicht umsonst werden viele Skizzen und Ideen noch immer am liebsten zuerst auf dem Papier entworfen. Das Schreibgerät ist in gewissem Sinne der Mittler zwischen Kopf, Herz und Hand.“

Das Einfache ist das Schöne – solange es von Hand gemacht wurde. Das gilt auch beim DIY-Trend Handlettering.