08. Mai 2017
Lifestyle | Rhein-Ruhr

Schaufenster 4.0

Künstlerinnen, aus Mode ein Spiel machen, und ein Schaufenster, bei dem das Sehen zum interaktiven Happening wird. Der Multimedia-Künstler Peter Kogler und die Kunststudentinnen Sara Chaparro und Linnéa Schwarz zeigen beim Lifestyle-Kaufhaus Breuninger ihre Ideen eines vernetzten Kunstraums.

1929 in der Fifth Avenue in New York. Im exklusiven Kaufhaus Bonwit Teller hat man sich etwas Neues, noch nie Gesehenes ausgedacht. Der Surrealist Salvador Dalí soll die Gestaltung eines Schaufensters übernehmen. Das Schaufenster wird zur Schnittstelle zwischen Kunst, Mode und Öffentlichkeit. 2017 schreiben der Künstler Peter Kogler, das Lifestyle-Kaufhaus Breuninger und die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen an dieser Story der Kunstgeschichte weiter: #Youbiquitous nennt sich das Projekt. Es ist ein Fenster, das einen anschaut, wenn man davorsteht und hineinschaut. Eine Bühne für eine Live-Performance. Ein Kunst-, Lebens- und Arbeitsraum für Linnéa Schwarz und Sara Chaparro, die den konzeptionellen Rahmen von Peter Kogler mit Leben füllen. Es ist ein Work in Progress, hier am Düsseldorfer Kö-Bogen und zeitgleich überall dort, wo User #Youbiquitous folgen.

Was bedeutet Youbiquitous?

Linnéa Schwarz: Youbiquitous setzt sich zusammen aus You und ubiquitous. Ubiquitous heißt allgegenwärtig und You ist eine Anspielung auf die Social-Media-Geschichte, die wir hier machen.

Was ist das für eine Social-Media-Geschichte?

Linnéa Schwarz: Kommunikation zwischen innen und außen, zwischen dem, was hinter dem Schaufenster passiert, und der Außenwelt.

Wie sieht Ihre Aktion aus, was machen Sie?

Sara Chaparro: Ich entwickele Zeichnungen mit einem Eye-Tracker, also das, was ich draußen sehe, wird durch Augenbewegungen zu einer Zeichnung. Das ist auch so ein innen und außen: Was ich im Kopf habe, kommt heraus, ist von außen zu sehen.

Die Münchner Künstlerin Linnéa Schwarz bei der Kunstperformance #Youbiquitous
Immer online und jeden Tag ein anderer Look: Linnéa Schwarz macht aus dem Künstler-Schaufenster eine Live-Performance.
Mit dem Auge zeichnen: Die spanische Künstlerin Sara Chaparro überträgt mit einem Eye-Tracker ihre Augenbewegungen auf einen Bildschirm, den die Passanten sehen können.
Mit dem Auge zeichnen: Die spanische Künstlerin Sara Chaparro überträgt mit einem Eye-Tracker ihre Augenbewegungen auf einen Bildschirm, den die Passanten sehen können.

Die beiden Künstlerinnen sitzen an Schreibtischen im Schaufenster. Auf dem Tisch: viel Technik, Kabel, die über den Boden führen. Über die Wände zieht sich eine Rasterstruktur von Peter Kogler. Sie wirkt flexibel, verwirrt die Orientierung: Der Raum verliert seine festen Konturen, fast virtuell das Ganze, was die wellenförmige Architektur des Daniel-Libeskind-Gebäudes unterstützt. An der Rückwand des Schaufensters sind zwei große Flat-Screen-Monitore montiert, auch sie zeigen das Raster von Kogler.

Zu Hause im Schaufenster

Jeden Morgen geht Linnéa Schwarz mit ihrem Smartphone durch das Kaufhaus Breuninger. Sie sucht sich einen Look für den Tag aus, bekommt ein professionelles Styling und Make-up. Alles wird gefilmt. Alles ist Teil des Projekts. Sara Chaparro trägt einen schwarzen Herrenanzug, der für sie angepasst wurde. Mit dem kurzen Haar und der roten Krawatte wirkt sie androgyn. Eine Spiel mit den Rollenmodellen der Mode? Zwei Wochen lang dauert die Performance. „Das Schaufenster ist sozusagen unser Wohnzimmer“, sagt Linnéa Schwarz.

Fashion, Kunst und was passiert hier?

Vor der Glasfront stehen Passanten, einige machen Fotos mit ihren Smartphones. Linnéa filmt sie auch und hält ihnen ein Tablet entgegen. Es ist das, was sie mit ihrer Kamera sieht. Die Passanten sehen sich selbst, wie sie sich auf dem Tablet-Screen anschauen. Sie lachen, posieren. Alles ist doppelt, vielfach, entgrenzt. Auf eine unbestimmte Art leicht und subtil. Kunst, Mode, Kommunikation – es ist alles eins.

Kunst-Kooperation

Andreas Rebbelmund, der Managing Director von Breuninger, kommt dazu. Er erklärt, dass #Youbiquitous bereits die dritte Künstler-Kooperation in dieser Richtung ist. Rebbelmund wird von Peter Kogler begleitet, dem Multimedia-Künstler, Documenta-Teilnehmer und Professor der Akademie für Bildende Künste in München. Er hat den Rahmen, das Konzept entwickelt.

Wie kam es eigentlich zu dem Schaufensterprojekt?

Es gab eine Einladung von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Ich wollte aber nicht nur ein Fenster dekorieren, mich interessierte vor allem, ein Schaufenster als Projekt zu verstehen. Es ist ein exponierter Platz zwischen dem Außenraum, dem öffentlichen Raum und diesem abgeschlossenen Ambiente.

Neben dem Schaufenster haben Sie im Museum K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen auch einen Künstlerraum geschaffen. Was macht für Sie den Unterschied aus?

Das eine findet im Museum statt, das andere im öffentlichen Raum. Das sind jeweils gänzlich andere Situationen mit einem anderen Publikum und einem anderen Kontext.

Im Vergleich zum Kunstraum, wo man eine Art digitales Spiegelkabinett betritt, wirkt das Schaufenster eher reduziert, weshalb?

Das hat damit zu tun, dass im Lauf des Projektes von den Künstlerinnen Linnéa Schwarz und Sara Chaparro Arbeiten dazukommen werden. Das Schaufenster wirkt eher wie ein Büro, was es in Wirklichkeit auch ist, weil es die beiden als Studio nutzen.

Ihre Arbeiten haben oft etwas Labyrinthisches, man verliert die Orientierung im Raum. Warum eigentlich?

Ich arbeite seit den frühen 1980ern mit Computern. Praktisch alle Projekte, die seit dieser Zeit entstanden sind, wurden von diesem Medium gefiltert. Daraus resultiert ein bestimmtes visuelles Vokabular. Zum einen ist es für mich ein Medium zum Zeichnen, zum anderen hat es einen großen Einfluss auf unsere Alltagserfahrung. Der Computer ist eine Erfindung, die zu einer enormen Komplexität geführt hat.

Der Wiener Multimedia-Künstler Peter Kogler hat das Konzept des Breuninger-Schaufensters entwickelt.
Der Wiener Multimedia-Künstler Peter Kogler
In Ihren Arbeiten könnte man auch eine Verbindung von analogem Raum und virtuellem Raum sehen ...

Das ist enthalten, wobei sich die Arbeitsweise über die Jahre stark verändert hat. In den 1990er-Jahren waren es vor allem tapezierte Räume, in den 2000er-Jahren konnte man das Ganze in Bewegung setzen mit Projektionen oder – wie jetzt im K21 zu sehen – mit Monitoren, die einen ganzen Raum auskleiden.
Das Verhältnis von flachen illusionistischen Wänden zum realen Raum, in dem man sich befindet, das ist auch im Schaufenster ansatzweise sichtbar durch die Schaufenster-Architektur, durch die Netzstruktur, die die Raumwahrnehmung doch in einer signifikanten Weise beeinflusst.

K21 Ständehaus der Kunstsammlung NRW

K21 Ständehaus

Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen

Ständehausstraße 1
40217 Düsseldorf

www.kunstsammlung.de