21. März 2017
Lifestyle | Mainz

Neue
Bierkultur

Nie wieder „Einheitsbier“: Leonidas Lazaridis und Philip Vogel eröffnen die Mainzer Freiluft-Biersaison mit ihrem handgemachten Craft Beer „Eulchen“. Wie aus einer Bachelorarbeit ein erfolgreiches Start-up wurde.

Mit den ersten Sonnenstrahlen erwacht auch das Leben rund um die kleine Trinkhalle in der Mainzer Neustadt. Nach der Winterpause freuen sich Leonidas Lazaridis und Philip Vogel ganz besonders auf ihre Gäste: Einer bunten Schar von Studenten, Rentnern und Nachbarn reichen sie gut gelaunt ein kühles „Eulchen“ über den Tresen. Das von den beiden Jungunternehmern gebraute Craft Beer sorgt in Mainz für Furore. Für die beiden „Eulchen“-Gründer ist kein Ort besser geeignet, andere an ihrer Leidenschaft teilhaben zu lassen, als diese schmucke Trinkhalle im Mainzer Norden. Für ihr Bier ist das historische Wasserhäuschen, das sie 2004 pachten konnten, als Ausschankort ein Glücksfall. In kurzer Zeit wurde die „Eulchen-Trinkhalle“ zum coolen Treffpunkt und zum Symbol einer neuen Mainzer Bierkultur.

Aus Theorie wird Praxis

Die Erfolgsgeschichte von Eulchen Bier begann 2013. Damals schrieben die beiden Kommunikationsdesign-Studenten an ihrer Bachelorarbeit mit dem süffigen Titel „Rebellion gegen Einheitsbier“. Auf ihrer Erkenntnisreise zurück zu den Wurzeln des Mainzer Biergeschmacks recherchierten sie unzählige Rezepte und verkosteten in ganz Deutschland über 300 Sorten Bier, bevor sie in einer Gasthausbrauerei ihr erstes eigenes Bier in Handarbeit brauten: ein untergäriges, ungefiltertes Märzenbier, bernsteinfarben, leicht malzig mit frischer Hopfennote.

Neben dem Märzen haben die Jungbrauer mittlerweile drei weitere Sorten im Programm: ein herb-würziges Helles, ein fruchtiges Weißbier und ein starkes, malziges Doppelbock. Alle Flaschen tragen das auffällige „Eulchen“-Etikett. „Wir versuchen, das Beste, was es auf dem deutschen Biermarkt schon gibt, zu kombinieren und neu zu interpretieren.“ Dabei fühlen sie sich der uralten Brautradition vor allem auch geschmacklich verpflichtet. So sind auch der Name „Eulchen“ und die wappenähnliche Gestaltung der Flaschenetiketten als konsequente Fortführung der mittelalterlichen Gasthaustradition zu sehen.

Eulchen Craft Beer im Bierglas
Das erste Eulchen Bier hatte ein fantastisches Debüt: Nach einer Woche waren alle 2.000 Flaschen verkauft. Inzwischen ist es zum Mainzer Kultgetränk geworden und wird in rund 100 Lokalen und Clubs im Rhein-Main-Gebiet angeboten. Auch einige Getränkemärkte haben das Craft Bier im Sortiment.
Die Brauer im Bierkeller
Philip Vogel (links) und Leonidas Lazaridis knüpfen an die überlieferte Brautradition an und setzen mit ihrem Eulchen Bier auf individuelle Geschmacksnoten und nachhaltige Zutaten.

Mehr Hopfen für den Geschmack

Wenn Leonidas und Philip beschreiben, was ihre Biere auszeichnet, fällt immer wieder der Begriff „hopfengestopft“. Soll heißen, dass in den Eulchen Bieren viel mehr Hopfen steckt als in herkömmlichen Sorten. So verwenden sie für ihr Helles zwei Hopfensorten, die dem Getränk eine eigene Note von grünen Kräutern und Orangenschalen verleihen. „Ein solch individuelles Aroma lässt sich mit dem gängigen Hopfenextrakt, den die großen Bierkonzerne verwenden, nicht erzeugen.“ Das kommt bei Biergenießern an. Und obwohl der Zuspruch vor Ort ungebrochen ist, sind die beiden Jungunternehmer auf vielen Messen und Events in der ganzen Republik unterwegs. Craft Beer ist eben eine trendige überregionale Angelegenheit, wenngleich Mainz Herz und Heimat der „Eulchen“ bleibt.

Märzen

Um bis zur nächsten Brausaison nicht ohne Bier zu sein, braute man im März ein besonderes haltbares Bier, das Märzen. Dies erreichte man durch Erhöhung des Gehalts an Stammwürze und Alkohol und durch eine stärkere Hopfung. Das Eulchen Märzen ist ein ungefiltertes, bernsteinfarbenes, leicht malziges Bier mit einer frischen Hopfennote.

Craft Beer – ein kleiner Überblick

Als „Craft Beer“ werden alle mit Aromahopfen auf traditionelle Weise handwerklich gebrauten Biersorten bezeichnet. Zwischen den einzelnen Bierstilen, wie zum Beispiel dem Bockbier, gibt es jedoch große Unterschiede bei Zutaten und Brauart. Jedes hat seinen eigenen, ganz besonderen Charakter: Einige sind frisch und spritzig, andere vollmundig und schwer, manche fruchtig, manche bitter.
Die Auswahl ist schier unbegrenzt – und entsprechend schwierig der Einstieg in das komplexe Thema. Im Folgenden werden einige der wichtigsten Bierstile kurz erläutert.

Obergärig oder untergärig?

Grundsätzlich wird zwischen obergärigen und untergärigen Bierstilen unterschieden. Obergärige Hefen sind in der Regel aromastärker in ihren geschmacklichen Eigenschaften. Sie produzieren während der Gärung mehr geschmacksbildende Komponenten. Diese Eigenschaft ist zum einen auf die genetische Beschaffenheit zurückzuführen. Zum anderen wird die Gärung mit ihnen bei höheren Temperaturen durchgeführt. So werden obergärige Biere (zum Beispiel Alt, Kölsch, Pale Ale, IPA) oft durch ihre Hefe aromenreicher als die untergärigen Biere. Untergärige Bierstile sind zum Beispiel Pils und Bockbier, Export und Lager. Untergärige Hefen werden bei niedrigeren Temperaturen verwendet. Die Gärung erzeugt andere Aromen als obergärige Hefen.

Kölsch wird in der 0,2-Liter-Stange, Pils meist in einer Tulpe serviert.
Pils und Lager

Lagerbiere sind helle oder dunkle Vollbiere. Ihr Charakter ist süffig und leicht malzig. Das berühmteste seiner Art ist das Pilsener, ein hopfiges und klarherbes Bier. Bei geringen Temperaturen eingebraut, muss das untergärige Pilsener wie jedes Lager lange lagern – daher der Name. Pilsener ist in ganz Deutschland der beliebteste Bierstil und in der Craft-Beer-Szene mit verschiedenen Marken vertreten.

Bockbier

Es gibt das würzige Bockbier in Hell und in Dunkel, als Winter- oder Mai-Edition und sogar als Weizenbock. Eines haben sie jedoch alle gemeinsam: Die Starkbiersorte ist mit etwa 16 Prozent Stammwürze (Doppelbock sogar 18 Prozent) ausgesprochen schwer. Das liegt am verringerten Wassergehalt und der sämigen Maische. Röstmalzaromen, Noten von Honig und Karamell sowie Einschläge roter Früchte bestimmen das Geschmacksprofil.

Manche Brauereien schenken ihr Pils auch in längeren Gläsern aus.
Pale Ale

Mitte des 18. Jahrhunderts erfand der Brite George Hodgson einen Bierstil, der bis heute polarisiert: das Pale Ale. Ein starkes Ale mit ausgeprägter Hopfenfruchtigkeit, das trotz hoher Bitterwerte sehr blumig und aromatisch schmeckt. Der Körper ist voll und weich, denn neben einer doppelten Ladung Hopfen sind eine subtile Malzsüße und ordentlich Stammwürze stilprägend. In Deutschland sind die beiden Brauarten Kölsch und Altbier dem Pale Ale sehr verwandt.

India Pale Ale (IPA)

Im 19. Jahrhundert modifizierten Schotten und Engländer die Pale-Ale-Rezeptur, um das Bier für den Schiffstransport in die indischen Kolonien zu konservieren. Dazu diente ein erhöhter Alkoholgehalt von etwa 7 oder 8 Prozent. Zusätzlicher Aromahopfen gab Bitterkeit, Aroma und Haltbarkeit gegen bakterielle Infektionen. Das Bier reifte in den Fässern und kam so zur Spitze seiner geschmacklichen Qualität in Indien an.

Pale Ale und India Pale sind klassische Craft-Beer-Stilrichtungen.
Imperial Stout

Imperial Stouts sind die dunkelsten aller Biere. Sie sind opaque, also undurchsichtig, ihr Kohlensäuregehalt ist gering und ihr Schaum samtig weich. Um ihre ganze Komplexität voll zur Geltung zu bringen, sollten Imperial Stouts mit einer Temperatur von etwa 12 Grad serviert werden und es schadet auch nichts, wenn das Bier im Glas während des genussvollen Trinkens noch ein bisschen wärmer wird. Dabei entfaltet sich das Aroma, das oft in Richtung Kaffee und Kakao tendiert, noch deutlicher.

Amber Ale

Ein Amber Ale ist bernsteinfarben bis rötlich und wird obergärig gebraut. Der Alkoholgehalt bewegt sich meist zwischen 5 und 7 Prozent. Die Färbung ist den verarbeiteten Malzsorten zuzuschreiben. Meist finden Karamellmalze Verwendung. Amber Ales sind oft malzbetont, es gibt aber auch Varianten mit einer intensiven Hopfenaromatik.

Bei einem Imperial Stout kommen Kaffeenoten im Aroma vor.
Ein „Eulchen“ im Schloss-Biergarten genießen.

Eulchen Bier

Eulchen Schloss-Biergarten
Peter-Altmeier-Allee 1
55116 Mainz (Zugang über Große Bleich)

www.eulchen-bier.de