09. Oktober 2017
Lifestyle | Reutlingen/Tübingen

Schatzsuche 2.0

Über 37.353 „Schätze“ in 30 Ländern haben Erika und Ernst Flegler aus Metzingen bereits gesucht. Und gefunden. Reich sind sie dadurch nicht geworden, aber glücklich. Geocaching – die Schnitzeljagd mit GPS – ist nicht nur die ideale Möglichkeit, spannende Abenteuer in der Natur zu erleben, ganz nebenbei tut man auch viel für seine Fitness. Im Interview mit dem Mercedes-Benz Kundenmagazin spricht das Ehepaar über ein ungewöhnliches Hobby und die Geocaches, die man in der Region unbedingt mal gemacht haben sollte.

Was ist Geocaching?

Bei der modernen Schnitzeljagd mit GPS geht es darum, verschiedene Aufgaben allein oder im Team zu lösen. Mal sind es die sogenannten „Tradis“, die direkt an den angegebenen Koordinaten versteckt sind, mal sind es „Multis“, bei denen bestimmte Aufgaben an mehreren Stationen bewältigt werden müssen, um die Koordinaten für die jeweils nächste Station zu erhalten. Bei „Mysteries“ gilt es vorab Rätsel zu lösen, um die Koordinaten errechnen zu können. Sinn jeder Schatzsuche ist es, ans sogenannte Final zu gelangen, bei dem es sich oft um eine versteckte Plastikbox mit einem Logbuch darin handelt. In dieses trägt man sich mit seinem Geocacher-Nickname ein. Im Anschluss wird der Fund auch online geloggt: Groundspeak stellt dabei das größte Portal für Geocacher dar. Da der Kreativität beim Geocaching so gut wie keine Grenzen gesetzt sind, variiert die Art der Rätsel, Stationen und Finals stark. Mittlerweile gibt es etwa drei Millionen Geocaches weltweit, allein circa 360.000 davon liegen in Deutschland versteckt.

Einloggen und los gehts: Weltweit sind etwa drei Millionen Geocaches versteckt, im Video wird gezeigt, wie man sie finden kann.

Andere Paare gehen gemeinsam spazieren oder gucken Fernsehen Wie sind Sie dazu gekommen, Ihre Freizeit hauptsächlich mit Geocaching zu verbringen?

Erika Flegler: Ich suchte nach einem Geschenk für Ernst zu seinem 50. Geburtstag und erhielt von einem Bekannten den Tipp, es doch mit Geocaching zu versuchen. Also kaufte ich unser erstes GPS-Gerät und legte bei Groundspeak, dem größten Geocaching-Portal, einen Account an. Uns ging es darum, aktiver zu sein. Doch das wollte uns im Alltag nie so richtig gelingen: mal zu kalt, mal zu heiß, mal zu nass und immer derselbe Weg … Seit wir unser Hobby entdeckt haben, sind wir bei jedem Wetter draußen und es macht immer Spaß!

Geocaching für die Fitness also?

Ernst Flegler: Genau, wir sind dadurch viel mehr in Bewegung als früher und tun so ganz nebenbei auch noch eine Menge für unsere Gesundheit. Aber auf spielerische Weise, man nimmt manche Anstrengung gar nicht wahr, weil man so vertieft ist. Es gibt ja öfter weitere Strecken, die beim Spiel zurückgelegt werden, oder man steigt Berge rauf und runter.

Wie hat Geocaching sonst noch Ihr Leben verändert?

Erika Flegler: Seit wir geocachen sind wir, sofern wir nicht von widrigen Umständen ausgebremst werden, fast pausenlos in unserer Freizeit unterwegs. Dabei haben wir die tollsten Locations entdeckt, die wir ohne Geocaching sicherlich niemals gesehen hätten. Wir unternehmen keinen Ausflug und keine Reise, ohne uns zuvor genau darüber zu informieren, welche Geocaches hierbei gesucht werden können und ob nicht das ein oder andere Dösle am Wegesrand zu finden ist.

Sie suchen also danach Ihr Urlaubsziel aus?

Ernst Flegler: Ja, wir fahren im Urlaub oft speziell zu Zielen, an denen wir besonders viele, schöne und interessante Geocaches finden könnten. Oder um Geocaches zu suchen, die uns noch zur Erfüllung einer bestimmten Challenge fehlen.

Es gibt ja viele unterschiedliche Rätsel und Themen beim Geocaching. Was war das Außergewöhnlichste, das Ihnen passiert ist?

Erika Flegler: Da gab es zum Beispiel mal einen Cache, der hieß „Shining“ – wie der Film von Stephen King. Die Koordinaten führten uns zu einem sogenannten Lost Place, also einem verlassenen Ort. Dabei handelte es sich um ein altes Hotel, das mittlerweile geschlossen hatte und vor sich hinmoderte. Man musste dann auf mehreren Etagen verschiedene Rätsel lösen, zum Beispiel versteckte Inschriften an Wänden oder im Aufzugsschacht, die sich nur mit einer UV-Licht-Lampe entdecken ließen. Am Ende galt es, einen Schlüssel zu suchen. Der war im Keller in einem alten Weckglas versteckt. Außer dem Schlüssel befand sich im Glas aber auch noch eine glibberige Masse. Da haben die Leger des Geocache wirklich viel Kreativität bewiesen.„I use billion dollar satellites to find Tupperware in the woods. What’s your hobby?“Redewendung unter Geocachern

Erika und Ernst Flegler beim Geocachen in den USA – ein Hobby, das ganz nebenbei die Fitness steigert.
Teamerfolg: Erika und Ernst Flegler lassen keine Gelegenheit aus, ihrem Hobby nachzugehen. So auch während ihres USA-Urlaubs. Allein entlang der Route 66 erstreckt sich eine Serie mit 800 Geocaches.
Das klingt ein bisschen unheimlich. Was waren schöne Überraschungen?

Erika Flegler: Auch da gab es viele. Es ist einfach immer wieder beeindruckend, wie viel Mühe sich Cacher bei der Erstellung ihrer Geocaches machen. Wir haben zum Beispiel mal eine Streugutkiste gefunden, da hatte der Leger des Geocaches eine komplette Landschaft reingebaut, bei der sich die Figuren bewegten und eine Geschichte erzählt wurde, ähnlich wie bei einer Modelleisenbahn.

Bei manchen Geocaches muss man ja sehr schwierige Rätsel lösen, bevor man die Startkoordinaten erhält. Wie geduldig sind Sie da?

Ernst Flegler: Genau, diese Geocaches nennen sich „Mysteries“. Wir lieben Rätsel. Es gab mal einen ganz tollen Mystery-Geocache, da haben wir wochenlang am Rechner gesessen, um das Rätsel zu lösen. Das bestand teilweise aus zahlreichen Videosequenzen. Als wir dann vor Ort waren, fanden wir einen Schuppen, voll mit Gegenständen, die wir zuvor am Rechner schon in den Videosequenzen gesehen hatten. Um die Schatztruhe mit Logbuch zu öffnen, brauchte man einen Code, der sich nur über eine alte Schreibmaschine generieren ließ, die dort rumstand. Deren Tastatur war so umgebaut worden, dass man mit ihr eine Art Geheimsprache tippte, zum Beispiel A ergibt B und so weiter … Einfach genial!

Welche Regeln gibt es unter Geocachern?

Erika Flegler: Es ist tabu, den Muggels die Verstecke zu zeigen. Mit Muggels meinen wir in der Szene Nicht-Geocacher. Da sich die Geocache-Leger immer sehr viel Mühe mit den einzelnen Stationen und Finals geben, wäre es schade, wenn diese zerstört würden. Deswegen sollten Spaziergänger im besten Fall auch nicht merken, dass man gerade etwas sucht. Eine gute Tarnung ist alles. In Naturschutzgebieten darf man die Wege nicht verlassen und generell sollte man natürlich nichts kaputt machen und keinen Müll hinterlassen.

Was sollte ein Geocacher immer dabeihaben?

Ernst Flegler: Einen Plan, wo sich das Suchen lohnt und was man machen will beziehungsweise je nach persönlichen Fähigkeiten und Kenntnissen auch machen kann. Die richtige Bekleidung und das optimale Schuhwerk. Dies kann je nach Witterung und der Gegend, in der man Geocaches suchen will, sehr unterschiedlich sein. Selbstverständlich verlangen auch die einzelnen Geocaches, je nach Schwierigkeit und Terrain, ganz unterschiedliche Ausrüstungsgegenstände, wie zum Beispiel eine gute Taschen- oder Stirnlampe mit oder ohne Infrarot, eine Leiter, Kletterausrüstung, Taucherausrüstung, Schlauchboot und vieles mehr. Ich erwähnte ja schon, dass Geocaching die Fitness trainiert, ohne dass man es merkt. Zu guter Letzt natürlich ein gutes GPS-Gerät.

Haben Sie Tipps für Einsteiger?

Erika Flegler: Anfängern würden wir empfehlen, erst einmal mit einfachen Geocaches zu beginnen, die keine großen „Difficulty“- und „Terrain“-Wertungen haben und bei denen es keine allzu große Wegstrecke zu bewältigen gibt. Sonst steigt der Frust mit jedem Meter, falls der Geocache doch nicht gefunden wird. Viele verlieren dabei schnell wieder das Interesse. Mit etwas mehr Erfahrung und einem geschulteren Blick wäre dasselbe Versteck problemlos zu entdecken. Familien sollten im Listing und auch in den Vorlogs aufmerksam nach Begriffen wie zum Beispiel „familientauglich“, „kindertauglich“, „Wege für Kinderwagen geeignet“ und so weiter suchen. Auch die „Attribute“ in den Listings geben wertvolle Hinweise.

Verraten Sie uns, welche Geocache-Touren man in der Umgebung nicht verpassen sollte?

Erika Flegler: Eine nette Runde über sechs Kilometer ist „Auf dem Weg der Hohenzollern“. Sie soll dazu einladen, etwas über den schönen Hohenzollernweg zu wandern. Uns hat außerdem Auf gehts zum K3 sehr gut gefallen, die ist allerdings nicht für Kinder unter drei Jahren geeignet. Die Tour ist etwas anstrengend, da es viel bergauf geht, womit wir wieder beim Thema Fitness wären …

Ist Metzingen ein Paradies für Geocacher?

Ernst Flegler: Ja, auf jeden Fall. Die Region bietet sich mit der wunderbaren Landschaft einfach perfekt dafür an. Wir liegen eingebettet zwischen Neckarraum und Schwäbischer Alb, es gibt hier Natur pur. Kein Wunder also, dass die ganze Region mit Geocaches vollgepflastert ist. Darunter sind auch viele bestens für Anfänger geeignet.

Die Sie sicher schon alle gefunden haben?

Ernst Flegler: Nein, zum Glück nicht! Allein vor unserer Haustür sind in einem Radius von ca. 20 Kilometern noch etwa 1.500 Geocaches übrig. Die meisten Menschen wissen nur nicht, dass es sie überhaupt gibt …

Wie Geocaching entstand
  • Am 1. Mai 2000 kündigte Präsident Clinton das Abschalten der künstlichen Verrauschung (selective ability, kurz: SA) des GPS-Signals für private GPS-Empfänger an, welches die Ortsbestimmung per GPS auf etwa 100 Meter Genauigkeit begrenzte. Kurz darauf versteckte ein US-Amerikaner namens Dave Ulmer einen Eimer mit folgendem Inhalt: 
ein Computerprogramm, Videos, Bücher, eine Dose Bohnen, ein wenig Geld und eine Steinschleuder. Dann gab er die Koordinaten N 45 17.460 W 122 24.800 in einem Forum im Internet bekannt. Am 4. Mai 2000 wurde das Versteck zum ersten Mal gefunden – Geocaching war geboren.