11. Juli 2016

Die Gazellen sind los:
Mercedes schickt eine Ärztin in die Wüste

„Auf Schlappen fährt sich's besser!“ – Eva Holzhäuser weiß, wie man einen riesigen Van offroadtauglich macht, durch Sanddünen manövriert und mit welchen kleinen Tricks frau sich bei der Rallye Aïcha des Gazelles ohne GPS orientieren kann.

Was vor 26 Jahren als Imagekampagne für Frauen in der Männerdomäne Rallye begann, ist heute eines der wichtigsten Motorsport-Events in Frankreich/Marokko: die Frauenrallye Aïcha des Gazelles. Jedes Jahr gehen knapp 160 Teams an den Start und liefern sich über neun Tage und 2.500 Kilometer ein staubiges Wüstenbattle. Zu gewinnen gibt’s hier nichts: Mit den Startgeldern finanziert Dominique Serra, Chefin der veranstaltenden Agentur „Maienga“, das „Coeur des Gazelles“ (Herz der Gazellen) – mobile Ärzteteams, die hilfsbedürftige Bewohner im Süden Marokkos medizinisch versorgen.

Die Aïcha des Gazelles

Ziel der Rallye ist es, nicht das schnellste Team zu sein, sondern das geschickteste. Wer am besten navigiert und dabei die kürzeste Strecke zurücklegt, gewinnt diese Challenge. Das heißt: möglichst nah an der Ideallinie zu fahren und so wenige Strafkilometer wie möglich zu sammeln. Allerdings ist die kürzeste Entfernung zwischen zwei Checkpoints nur selten eine Straße ...

Aicha des Gazelles Mercedes Rallye alle Fahrzeuge
Bei der Aïcha des Gazelles werden die Teams in vier Kategorien eingeteilt: Quads & Buggys, Crossover, 4x4-Fahrzeuge und Experts.
Frau Dr. Holzhäuser, wie manövriert man denn so ein Wüstenschiff durch die riesigen Sanddünen?

Auf jeden Fall manuell schalten und ESP ausschalten. Der Reifendruck muss dem Terrain angepasst werden: Auf steinigem Untergrund fahren wir mit 2 bis 2,5 Bar, auf sandigem wird der Reifendruck auf bis 0,5 Bar abgepumpt. Da hatte der Vito zwar richtige Schlappen, aber für das Manövrieren im Sand war das optimal. Als wir uns festgefahren haben, hat es manchmal sogar gereicht, einfach nur Druck abzulassen.

Gab es eine Sonderausstattung?

Eher im Gegenteil (lacht): Wir durften nur den Tripcounter, einen Kompass, zwei Landkarten in den Maßstäben 1:100.000 und 1:250.000 und Lineale zum Einzeichnen als Hilfsmittel nutzen. GPS ist strengstens verboten. Unsere Sonderausstattung bestand aus zwei Kompressoren (zum Aufpumpen), zwei Schaufeln, Werkzeug, Wagenheber, Airjack und zwei Ersatzrädern!

Und kam von Ihrer Ausrüstung etwas zum Einsatz?

Alles. Ganz ehrlich: Ohne das Fahrtraining in Horstwalde hätten wir keinen Tag in der Wüste überstanden! Wir sind mehrfach in Kamelgrashügeln steckengeblieben und mussten uns freischaufeln. Die Reifen mussten wir wegen Rissen im Mantel abends wechseln lassen und der Stoßdämpfer ging zum Schluss kaputt – verkraftbar (lacht). Reparieren mussten wir selbst aber zum Glück nichts – die Vans waren sehr zuverlässig und im Vergleich zu anderen sehr stabil. Einige Teams wurden abgeschleppt.

Wie sah die Versorgung aus?

Wir hatten Verpflegungspakete vom marokkanischen Militär dabei, Lebensmittel in Dosen, Müsliriegel, Kakaopäckchen. Jeden Abend zwischen 19 und 20 Uhr sind dann alle Teams bei den Biwaks eingetrudelt, jeder hat sein Zelt aufgebaut und wurde mit Essen versorgt. Es gab natürlich auch Duschwagen – ich habe es nach dem zweiten Mal aber drangegeben: Innerhalb von einer halben Stunde war man wieder genauso dreckig wie zuvor (lacht)!

Aicha des Gazelles Mercedes Rallye Eva Holzhäuser vor Vito
Mussten Sie auch mal in der Wüste übernachten?

Ja. Es gab insgesamt zwei Marathonetappen, die über zwei Tage gingen. Einmal hat uns die Dunkelheit überrascht, bevor wird den letzten Checkpoint erreichen konnten. Wir haben unterwegs aber noch ein zweites Team gefunden, mit dem wir uns dann zusammengetan und unser Zelt gemeinsam vor einer wunderschönen Felskulisse aufgeschlagen haben.

Gab es brenzlige Situationen? Grenzerfahrungen?

Als die Sichtweite unter 10 Meter ging, mussten wir den Sturm abwarten, denn dann wird man total orientierungslos. Schlimmer noch war, als wir versucht haben, uns durch die Düne zu schlängeln, aber die Kämme immer größer wurden. Wir mussten umkehren. Das Problem: Unsere Spuren waren auf Anhieb verweht. Wir wussten nicht mehr, wo wir hergekommen sind. Das ist das schlimmste Gefühl – diese Orientierungslosigkeit. Das kennen wir aus unserem normalen Alltag überhaupt nicht mehr. Man lernt sich selbst unter ganz neuen Bedingungen kennen.

Frau Dr. Bleifuß

„Klar, als Ärztin hat mich der medizinisch-humanitäre Hintergrund doppelt motiviert, an der Rallye teilzunehmen!“ Als Tochter von Autohausbetreibern/Ingenieuren und kleine Schwester von Hobbyrennfahrern hat Dr. Eva Holzhäuser das Benzin einfach im Blut. „Ich wollte schon mein Skateboard mit einem Rasenmähermotor aufbrezeln, nur um schneller zu sein“, lacht die 32-Jährige, die jetzt, als großer Mercedes-Enthusiast, täglich mit ihrem C 63 AMG Coupé zur Uniklinik fährt: „DAS ist jetzt mein tägliches persönliches Motorsport-Ereignis – selbstverständlich alles im Rahmen der Verkehrsordnung!“

Aicha des Gazelles Mercedes Rallye Team am Ziel
Nicole Marquardt und Dr. Eva Holzhäuser haben die Aïcha des Gazelles mit ihrem Vito gemeistert und sind nur 9,5 Strafkilometer vom dritten Platz entfernt.
Dr. Eva Holzhäuser
Dr. Eva Holzhäuser
  • Zur Person: Geboren 1984, wohnhaft in Bad Kreuznach
  • Beruf: Ärztin für Radioonkologie und Strahlentherapie
  • Motorsport: Zu Studienzeiten ist Eva Holzhäuser GTC (Kart-Langstreckenrennen) gefahren – offroad war die Aïcha des Gazelles ihr Debüt. Regelmäßiger Rennsport ist aber mit dem medizinischen Beruf nur schwierig zu vereinbaren.
  • Aïcha des Gazelles: Eva Holzhäuser hat sich über einen Facebook-Aufruf von „mercedes-fans.de“ beworben und wurde nach dem Auswahltraining mit Navigatorin Nicole Marquardt ins Rennen geschickt.
  • Weitere Events: September: das „Schöne Sterne-Treffen“ in Hattingen. November: Das Mercedes-Team darf mit dem Vito auf die „Essen Motor Show“.

Fotos: © Maienga, © Thomas Küppers, © Dr. Eva Holzhäuser

Aicha des Gazelles Mercedes Rallye Team am Ziel

Die Rallye Aïcha des Gazelles

Start: Die Wüstenrallye startet in Erfoud im östlichen Marokko am Rande der Sahara. Über sechs Tages- und zwei Marathonetappen (mit Übernachtung) geht es durch das marokkanische Hinterland, durch Steppe, Wüste und über Gebirgsketten. Täglich sind sechs bis acht Checkpoints nacheinander zu finden. Bei Auslassen oder Abweichungen von der Ideallinie erhält das Team entsprechende Strafkilometer.

Die Rallye Aicha des Gazelles

Ziel: Die Rallye endet in der Hafenstadt Essaouira an der Atlantikküste. Mitfahren kann jeder, der sich das hohe Startgeld leisten kann oder Sponsoren findet. Das Navigationstraining in Avignon ist allerdings Pflicht für die Teilnehmer.