24. Juli 2017

Berthas großes Abenteuer

Die erste Frau am Steuer schrieb mit ihrer Fahrt von Mannheim nach Pforzheim Geschichte. Die Rede ist von Bertha Benz, der Frau von Erfinder und Ingenieur Carl Benz. Die Oldtimer-Rallye „Bertha Benz Fahrt“ geht auf Spurensuche und erinnert an die erste Fernfahrt der Automobil-Geschichte.

Die erste Frau am Steuer, sie hieß Bertha Benz. Diese legte nicht nur die erste Überlandfahrt der Automobil-Geschichte zurück, sondern stellte auch die Weichen für eine neue Zukunft. Wer weiß, wie die Geschichte des Automobils ohne sie verlaufen wäre? Es war eines frühen Augustmorgens 1888, als Bertha Benz heimlich, ohne es ihrem Ehemann Carl Benz zu sagen, auf seinem 1886 patentierten Motorwagen Platz nahm und sich gemeinsam mit ihren Söhnen Eugen und Richard auf den Weg machte. Die Strecke war rund 100 Kilometer lang und führte von Mannheim nach Pforzheim. Bertha Benz wollte der Welt beweisen, dass der Erfindung ihres Mannes die Zukunft gehört.

Die erste Autofahrt war geglückt

Kein richtiges Lenkrad, eine schmale Sitzbank, nur drei Räder, keine Karosserie: Die Fahrt auf dem Patent-Motorwagen war nicht einfach – und die Sensation gelang nur, weil Bertha Benz die verstopfte Benzinleitung mit der eigenen Hutnadel reinigte, die Bremsen mit Schuhsohlenleder wieder belegen konnte und die kaputte Zündung mit einem Strumpfband reparierte. Pragmatisch war Bertha schon immer. Getankt wurde in einer Apotheke in Wiesloch. Das Fahrzeug machte einen Höllenlärm. Es knatterte, rauchte und zischte. Doch die Fahrt gelang. Noch am gleichen Abend ging ein Telegramm in Mannheim ein: „Fahrt nach Pforzheim gelungen. Wir sind bei der Oma angekommen.“ Die erste Autofernfahrt war geglückt.

Das Brautpaar Bertha Benz und Carl Benz
Der Ingenieur und seine Frau Bertha Benz: Carl Benz baute das erste Auto der Welt, aber ohne den Alleingang seiner Frau wäre es kein Erfolg geworden.

Es zischt, es knattert auf der Strecke

Heute erinnert die Touristik-Strecke – die Bertha Benz Memorial Route – an die historische Fahrt. Auf der Route zwischen Mannheim und Pforzheim hören es Anwohner und Besucher immer im August wie einst im Jahre 1888, laut knattern und zischen. Dann sieht man Automobil-Enthusiasten mit Hüten und in Tweed, mit Brillen und Ledermützen in Oldtimern vorbeifahren. „Die zischenden Geräusche kommen von den Ein-Zylinder-Motoren. Die Schnüffelventile sorgen für das sogenannte Dahinschnauferln“, erklärt Wolfgang Presinger vom Allgemeinen Schnauferl-Club (ASC). Der ASC lädt gemeinsam mit dem Automuseum Dr. Carl Benz alle zwei Jahre zur dreitägigen „Bertha Benz Fahrt“ ein. „Mit dieser Veranstaltung huldigen wir der Automobil-Pionierin“, so Presinger. In diesem Jahr fahren rund 70 Teilnehmer-Teams von Mannheim nach Pforzheim und wieder zurück. „Die Vielzahl der Messing-Fahrzeuge wurde bis 1918 gebaut. Keiner der Oldtimer darf nach 1930 gebaut worden sein.“

Teilnehmerin Bastian im Oldtimer
Die Mannheimerin Stefanie Bastian (l.) ist die „Bertha Benz Fahrt“ schon einige Mal mitgefahren. Auch in diesem Jahr geht sie mit einem offenen Benz-Tourenwagen 8/20, Baujahr 1913, wieder an den Start. Mit im Bild sind Tochter Lara und Mutter Gitte Presinger.

Beide Hände am Steuer!

Das große Bertha-Benz-Abenteuer will sich auch die Mannheimerin Stefanie Bastian nicht nehmen lassen. Mit ihren beiden Kindern (4 Jahre und 9 Monate) und ihrem Mann geht sie dieses Jahr wieder mit ihrem offenen Benz-Tourenwagen 8/20, Baujahr 1913, an den Start. „Mit diesem waren wir bereits 2015 dabei, damals allerdings mit drei Generationen an Bord: der Oma, meiner Tochter und mir. Bertha Benz war auf jeden Fall eine sehr mutige Frau“, sagt die 37-Jährige. Eine Fahrt mit einem Oldtimer ist nicht gerade eine Spazierfahrt. „Das ist körperliche Arbeit. Auf einem Gefährt dieses Baujahres wird man richtig durchgerüttelt – und das rund vier bis fünf Stunden lang“, sagt Bastian. „Da heißt es, beide Hände am Steuer zu halten, und das die ganze Fahrt lang.“ Um die Hände zu schonen und das Lenkrad stets gut im Griff zu haben, ist das Tragen von Handschuhen für den Fahrer fast schon Pflicht. Und auch die Kopfbedeckung darf nicht fehlen. „Die Autos haben fast alle kein Verdeck. Wir sind Wind und Wetter ausgesetzt.“ Auch ohne den Beifahrer geht es bei dieser Fahrt nicht, denn der kümmert sich um das Fahrtenbuch. Vor allem auf die historischen Plätze, die sie bei der „Bertha Benz Fahrt“ ansteuern werden, freut sich die 37-Jährige. Dazu gehören unter anderem das Museum in Ladenburg und das Wohnhaus von Carl Benz.

Benzingespräche am Abend

„Am Freitag, dem ersten Veranstaltungstag, treffen sich alle Teilnehmer in Mannheim und kommen zur Auftaktveranstaltung zu sogenannten Benzingesprächen zusammen. Am Samstagmorgen fällt der Startschuss an der Mercedes-Benz Niederlassung in Mannheim. Es wird im Pulk in Richtung Ladenburg losgefahren und damit zum ersten historischen Streckenabschnitt“, schildert Veranstaltungsleiter Presinger. „Zeitvorgaben gibt es nicht. Am frühen Nachmittag in Pforzheim angekommen, erwartet die Teilnehmer dann wieder ein Riesenauflauf an Menschen. Weiter geht es bis zum Kloster Maulbronn zu der Abendveranstaltung. Am Sonntag führt die Fahrt wieder zurück nach Mannheim, allerdings auf einer etwas anderen Strecke.“

Stimmung und echtes Bertha-Benz-Feeling

„Ich bin schon einige Rallyes in anderen Städten mitgefahren, aber die Bertha Benz Fahrt hat eine ganz besondere Stimmung: als Mitfahrerin, Teilnehmerin und auch für die Besucher an der Strecke. Das Bertha-Benz-Feeling ist etwas für alle Altersgruppen. Egal, wo man langfährt, die Menschen an der Strecke und im Fahrerpulk reißen einen mit. Sie winken, grüßen und freuen sich über die Liebhaberstücke“, erzählt Bastian. Genauso wie die Teilnehmer. Denn: „Es kommt nicht darauf an, der oder die Schnellste zu sein, sondern es geht nur ums Ankommen.“ Besser hätte das Bertha Benz auch nicht formulieren können.

Organisatoren Wolfgang Presinger und Winfried Seidel sitzen auf einem Oldtimer.
Wolfgang Presinger (links) organisiert die „Bertha Benz Fahrt“ als Mitglied und für den ASC (Allgemeiner Schnauferl-Club) seit 1978. Winfried Seidel (rechts) stieß 1988 dazu. Er ist Eigentümer und Betreiber des Automuseums Dr. Carl Benz in Ladenburg. Beide Organisationen zusammen veranstalten heute die „Bertha Benz Fahrt“.
Die Strecke der „Bertha Benz Fahrt“ 2017
Bertha Benz Fahrt 2017: 4. bis 6. August
  • Die Hinfahrt: Die Hinfahrt führt in südlicher Richtung über etwa 104 Kilometer von Mannheim nach Pforzheim. Die Stationen sind: Mannheim, Feudenheim, Ilvesheim, Ladenburg, (Schriesheim, Dossenheim, Heidelberg, Rohrbach,) Leimen, Nußloch, Wiesloch, Mingolsheim, Langenbrücken, Stettfeld, Ubstadt, (Bruchsal), Untergrombach, Weingarten, Grötzingen, Berghausen, Söllingen, Kleinsteinbach, Wilferdingen, Königsbach, Stein, Eisingen, Pforzheim.
  • Die Rückfahrt: Die Rückfahrt führt auf anderer Strecke in nördlicher Richtung über 90 Kilometer von Pforzheim zurück nach Mannheim über folgende Stationen: Pforzheim, Bauschlott, Bretten, Gondelsheim, Helmsheim, Heidelsheim, Bruchsal, Forst, Hambrücken, Wiesental, Kirrlach, Reilingen, Hockenheim, Talhaus, Ketsch, Schwetzingen, Friedrichsfeld, Seckenheim, Mannheim. Zielpunkt ist dort das Wahrzeichen Mannheims: der Wasserturm.
  • Website: www.bertha-benz-fahrt.de