02. November 2018
Menschen | Darmstadt

DARZ: Ein sicherer Ort für
Computer und Kunst

Sergey Mirochnik hat gut lachen: Der gebürtige Russe war schon Polargeologe und Unternehmer, ehe er in Darmstadt erfolgreich seine dritte Karriere startete. Mit dem DARZ hat er ein Hochsicherheitsrechenzentrum geschaffen, in dem Daten so sicher lagern wie Geld in einer Bank. Doch in dem ehemaligen Tresorgebäude der hessischen Landeszentralbank werden noch andere Werte bewahrt.

Daten in einem Tresor sichern? Klingt eigentlich logisch, wenn man ein wenig darüber nachdenkt. Schließlich sind Daten die neue Währung im Zeitalter der Digitalisierung. Sergey Mirochnik geht sogar so weit zu behaupten: „Daten sind wertvoller als Geld.“ Dennoch ist vor ihm niemand auf die Idee gekommen, das ehemalige Tresorgebäude der Landeszentralbank in Darmstadt als Rechenzentrum zu nutzen. Vier Jahre stand das für seine Architektur mehrfach ausgezeichnete Gebäude in der Nähe des Klinikums leer. Der unzerstörbare Tresorraum, in dem von 1988 bis 2005 die Bargeld- und Goldreserven des Landes Hessen aufbewahrt wurden, machte es unverkäuflich. Dann entdeckte es 2009 der russische Unternehmer und entschloss sich, ein Rechenzentrum daraus zu machen. Die Kombination aus Sicherheit und der Nähe zum Internetknotenpunkt in Frankfurt machen es einmalig. Viele Unternehmen und Verwaltungen – darunter die Digitalstadt Darmstadt – lassen bei DARZ ihre Daten sicher lagern.

Symbiose von Technologie und Kultur

Doch darüber hinaus gibt es in dem Gebäude noch weitere Werte, die es wert sind, bewahrt zu werden. In Zusammenarbeit mit der Galerie Lattemann präsentiert Mirochnik in den zugänglichen Räumen und dem Außenbereich eine Dauerausstellung zeitgenössischer Kunst von Helmut Lander. Der in Weimar geborene Künstler lehrte ab 1971 an der Technischen Hochschule Darmstadt. Im DARZ sind über 50 Kunstwerke zu sehen, vor allem viele Varianten von Köpfen, die ab Mitte der 70er-Jahre Landers Werk bestimmten. Seine bevorzugten Materialien waren Eisen, Aluminium, Bronze, Acryl und Holz. Darüber hinaus sind im Tresorgebäude – verteilt auf drei Etagen – mehr als 120 Gemälde von Pierre Kröger zu sehen. Der 1938 in Darmstadt geborene Maler und Grafiker lebt und wirkt bis heute in seiner Geburtsstadt. „Wir sind fest davon überzeugt, dass äußere Einflüsse, vor allem aus dem kulturellen Bereich, neues Denken hervorbringen und damit die Technik beflügeln“, begründet Mirochnik sein Engagement als Kunstmäzen. Um diesen Austausch zu fördern, hat er das Tochterunternehmen DARZ art gegründet.

Der in Weimar geborene Künstler lehrte später an der Technischen Hochschule in Darmstadt, wo er 2013 verstarb.
Computer trifft Kunst: In dem ehemaligen Tresorgebäude zeigt DARZ eine Dauerausstellung zeitgenössischer Kunst von Helmut Lander.
Die Fläche von 2.400 Quadratmetern im DARZ bietet Platz für bis zu 1.000 Server Racks.
Schöne neue Welt: Was aussieht wie moderne Kunst, ist die Oberfläche eines Servers.

2016 – zum 70. Geburtstag des Landes Hessen – machte der aus St. Petersburg stammende Mirochnik seiner Wahlheimat ein besonderes Geschenk: Durch seine Vermittlung gastierte das Akademische Staatsballett St. Petersburg von Leonid Jakobson erstmals in Hessen. Das mehrfach prämierte Ensemble gehört zu den besten und meistbewunderten Formationen seiner Art in Russland. Erst im März 2018 sponserte DARZ einen weiteren Auftritt der Ballettgruppe im Darmstadtium. Im Interview verrät er, was ihn zu seinem Rechenzentrum inspirierte, welche seiner persönlichen Daten er lieber für sich behält und was ihm in Darmstadt besser gefällt als in St. Petersburg.

Das Hochsicherheitsrechenzentrum von DARZ in Darmstadt verfügt über einen baulichen Schutzstandard, der seinesgleichen sucht.

Herr Mirochnik, wie kommt ein Polargeologe aus St. Petersburg dazu, ein Rechenzentrum in Darmstadt zu eröffnen?

Als Michail Gorbatschow Mitte der 80er-Jahre die Perestroika einleitete und Forschungsbudgets gekürzt wurden, habe ich gemeinsam mit deutschen Partnern ein Unternehmen gegründet, das Autoschilder produziert. Diese Tätigkeit führt mich seit 25 Jahren regelmäßig nach Darmstadt. Bei dieser Gelegenheit bin ich zufällig an diesem Gebäude vorbeigekommen …

… dem ehemaligen Tresorgebäude der Landeszentralbank Hessen.

Genau. Das Gebäude stand seit 2005 leer. Das Problem war der Tresorraum, in dem früher das Gold und die Bargeldreserven lagerten. Die Wände sind einen Meter dick. Ich habe den Architekten gefragt, ob man den Raum sprengen kann. „Njet!“ Mein Schwiegersohn hat mich auf die rettende Idee gebracht: „Mach ein Rechenzentrum daraus!“ Damals wusste ich noch gar nicht, was das ist.

Können Sie es jetzt erklären?

Es ist ein Hotel für Daten. Unsere Kunden können unterschiedliche Leistungen buchen. Das reicht von Colocation-Lösungen, bei denen die Kunden ihre eigene IT mit eigenem Personal in unserem Rechenzentrum betreiben, bis zu individuellen Cloud-Lösungen. Weder wir noch andere Cloud-Provider können auf die Daten zugreifen. Das kann nur der Kunde.

Sozusagen der All-inclusive-Aufenthalt für Daten. Was unterscheidet Sie von Mitbewerbern?

Wir sind Spezialisten für IT-Infrastrukturen und verfügen über ein eigenes Hochsicherheitsrechenzentrum. Das ist eine seltene Kombination, die es ermöglicht, Kunden komplette IT-Lösungen aus einer Hand anzubieten. Dadurch sind Kunden in der Lage, ihre IT effizienter, skalierbarer, sicherer und günstiger zu betreiben, als es bisher möglich war.

Thema Datensicherheit: Braucht man dafür einen Tresorraum, der sogar Erdbeben überstehen würde?

Die Sicherheit von Daten ruht auf vier Säulen. Neben der kybernetischen Sicherheit – also dem Schutz vor Hackerangriffen –, zuverlässigen Prozessen und der Gewährleistung des Datenschutzes gehört auch die physikalische Sicherheit dazu. Damit die Daten sicher lagern, müssen Server vor materiellen Schäden durch Brände oder starke Erschütterungen geschützt sein. Braucht man dafür unbedingt zwei Meter dicke Wände? Vermutlich nicht. Der eigentliche Tresorraum macht allerdings auch nur einen Teil der 2.500 Quadratmeter Netto-IT-Fläche aus, die für die Server zur Verfügung stehen.

Würden Sie also sagen, Daten sind sicher – zumindest in Deutschland?

Ja. Man braucht keine Angst um seine Daten zu haben. Allerdings wäre ich selbst vorsichtig mit persönlichen Informationen von mir, die ich nicht im Radio hören möchte (lacht).

DARZ bietet den Kunden unterschiedliche Cloud-Services an, d. h. die Daten lagern auf Rechnern im ehemaligen Tresorgebäude der hessischen Landeszentralbank in Darmstadt.
Up in the Clouds: Die Lampen im Treppenhaus des DARZ symbolisieren die Datenwolke.
Trotz solcher Sicherheitsvorkehrungen haben viele Menschen noch immer ein ungutes Gefühl, wenn ihre Daten nicht auf dem eigenen Rechner, sondern in der Cloud auf zentralen Servern lagern.

Das stimmt. In Deutschland werden Cloud-Services noch relativ zurückhaltend angenommen – nicht nur von Privatleuten, sondern auch von Unternehmen. Sie wollen sicherstellen, dass ihr Know-how nicht in fremde Hände gerät. Aber das ändert sich zunehmend. Es ist ein wenig wie mit der Mobilität: Früher wollte jeder ein eigenes Auto besitzen. Heute mieten die Menschen zunehmend genau die Mobilitätsdienstleistungen, die sie gerade brauchen.

Wo wir gerade beim Thema sind: Welche Rolle spielt Sicherheit für Sie beim Autokauf?

Eine sehr große. Deshalb habe ich mich – neben dem Aspekt Fahrkomfort – zuletzt wieder für die Mercedes-Benz S-Klasse entschieden. Daneben werden auch im Fahrzeug heute immer mehr Daten produziert. Ich selbst freunde mich gerade mit den Konnektivitätsdienstleitungen von Mercedes me connect an. Auch ich lerne noch immer dazu.

Sie haben viele Jahre Ihres Lebens in Ihrer Geburtsstadt St. Petersburg verbracht. Warum haben Sie sich vor zehn Jahren entschieden, in Darmstadt zu bleiben?

Ich mag Darmstadt. Die Stadt hat kulturell viel zu bieten, was wichtig für mich ist. Sie ist sehr grün und in einem positiven Sinne provinziell. Wissen Sie, mein Herz hängt auch an St. Petersburg. Aber dort steht man ständig im Stau und kann nur einen Termin am Tag wahrnehmen. Das ist nichts für einen energiegeladenen Menschen wie mich.

Das Schutzniveau im ehemaligen Tresorgebäude entspricht laut DARZ dem Sicherheitsniveau eines Rechenzentrums in den Schweizer Bergen.
Sergey Mirochnik
  • Geboren:

    1956 in St. Petersburg, Russland

  • Ausbildung:

    studierter Polargeologe

  • Werdegang:

    20 Jahre war er stellvertretender Geschäftsführer eines Instituts für geologische Forschungen. Später beteiligte er sich an einem Gemeinschaftsunternehmen mit der Utsch AG aus dem nordrhein-westfälischen Siegen, einem Hersteller von Autoschildern. Im Juli 2014 eröffnete Mirochnik das Hochsicherheitsrechenzentrum im ehemaligen Tresorgebäude der hessischen Landeszentralbank.

  • DARZ:

    Das Rechenzentrum hat in seiner kurzen Geschichte zahlreiche Preise und Zertifikate erhalten – unter anderem den Deutschen Rechenzentrumspreis in der Kategorie „Gesamtheitliche Energieeffizienz“ sowie das Zertifikat nach Technischen Richtlinien des Bundesamts für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI), das besonders hohe Standards gewährleistet.

Blick in einen Gang mit Serverracks im DARZ, die mit weißen Türen mit feinmaschigen Gittern gesichert sind.

DARZ GmbH

Julius-Reiber-Str. 11
64293 Darmstadt
www.da-rz.de