14. September 2018
Menschen | Dortmund

E-Sport
Kai und die Kiste

Von Dortmund aus haben schon einige Fußballer den Sprung in ausländische Ligen gewagt. Zu ihnen hat sich kürzlich auch Kai „deto“ Wollin gesellt. Der 29-jährige Weltmeister von 2017 ist seit März bei Manchester City unter Vertrag – in der E-Sport-Abteilung.

Hallo Kai, du kommst gerade vom FIFA eWorld Cup 2018 in London. Nach deinem Titel 2017 auf der Playstation war diesmal leider schon in der Vorrunde Schluss. Woran lag es?

Es kam in diesem Jahr so einiges zusammen. Das größte Problem war sicherlich, dass in den ersten beiden Begegnungen an meinem Controller die Option „Schusshilfe“ auf „semi“ eingestellt war. Keine Ahnung, wie das passiert ist.

Was bedeutet das?

Normalerweise haben alle Spieler, auch die Profis, die Schusshilfe „voll“ eingeschaltet. Hat man das nicht, werden die Schüsse aufs Tor sehr unpräzise. Daher ging bei mir viel an den Pfosten oder knapp daneben (siehe Video, d. Red.). Das hat mich mindestens vier Punkte gekostet. So stand ich nach zwei Spielen mit nur einem Punkt da. Und dann wird es natürlich schwierig, die Vorrunde noch zu überstehen.

Wie groß war die Enttäuschung?

Das hat mich schon runtergezogen. Aber inzwischen bin ich wieder motiviert, nächstes Jahr voll anzugreifen. Schließlich gehörte ich 2018 zu den konstantesten Spielern und war bei allen Qualifikationsturnieren für den FIFA eWorld Cup unter den besten vier oder acht.

Seit März 2018 bist du bei Manchester City unter Vertrag. Was bringt das Leben als offizieller Vereinsspieler mit sich?

Ich fliege ungefähr einmal im Monat nach Manchester, um dort zum Beispiel Videos für die sozialen Medien zu produzieren oder Gespräche zu führen. Daneben versuche ich, den Verein so gut ich kann bei Terminen zu repräsentieren. Die dürfen gerne in Deutschland sein, denn ich fliege nicht so gerne. Lieber fahre ich mit meiner neuen A-Klasse. Besonders gut gefällt mir die Sprachsteuerung MBUX. Sehr cool ist auch die Kühlfunktion der Sitze.

Wie sieht denn ein normaler Tag bei dir aus?

Nach dem Aufstehen gehe ich an die frische Luft, danach frühstücke ich und spiele so ungefähr zwei Stunden. Dann Mittagessen und anschließend Sport, meistens im Fitnessstudio. Am Nachmittag mache ich Termine oder treffe mich mit Freunden. Abends spiele ich dann noch mal zwei Stunden.

Und vor dem FIFA eWorld Cup?

Da habe ich mein Trainingspensum quantitativ erhöht und auch gezielter trainiert, also gegen verschiedene Stile gespielt, damit man im Turnier nicht von Aufstellungen oder Taktiken überrascht wird.

Kai Wollin hat am FIFA eWorld Cup teilgenommen.
In Asien sind E-Sport-Turniere Großereignisse. Auch Kai „deto“ Wollin hat dort schon vor rund 10.000 Zuschauern gespielt. Die Streamingzahlen gehen sogar in den sechsstelligen Bereich.
Hast du als Playstation-Spieler auch auf der Xbox trainiert?

Nein, es ist schon schwer genug, auf der Playstation gegen die Besten der Welt zu bestehen. Deshalb konzentriere ich mich voll darauf. Wenn ich auch Xbox trainieren würde, hätte ich Sorge, auf der Playstation den entscheidenden Tick schlechter zu werden. Das Spiel – und vor allem der Controller – unterscheidet sich bei den beiden Konsolen schon sehr.

Wie muss ich mir ein Training vorstellen? Wird nur gezockt oder gibt es noch irgendwelche speziellen Übungen?

Mein Training besteht hauptsächlich daraus, gegen möglichst starke Gegner zu spielen. Neu sind seit diesem Jahr Videoanalysen. Wenn ich in Manchester bin, schauen wir uns an, welche Spielzüge die Top-Spieler bevorzugen. Ich bin gespannt, wie uns das weiterbringt. Daneben mache ich Ausgleichssport und achte auf meine Ernährung. Denn nur wenn ich fit bin, kann ich meine Konzentration lange genug aufrechterhalten. Dazu darf ich bei Manchester City alle Einrichtungen des Vereins nutzen – von der Kantine bis zum Fitnessraum.

Hast du dort auch Kontakt mit den Fußballern?

Hin und wieder ja. Ich habe zum Beispiel kürzlich ein Video mit Ilkay Gündogan gedreht. Ich freue mich schon darauf, was noch alles kommt.

FIFA eWorld Cup

Die offizielle Fußball-Weltmeisterschaft für E-Sport wird von der FIFA unterstützt. Gespielt wird der jeweils aktuelle Fußballsimulator von EA Sports, und zwar sowohl auf der Playstation von Sony als auch auf der Xbox von Microsoft.

Auf jeder Konsole spielen die jeweils 16 besten Spieler, die sich zuvor in anderen Turnieren qualifizieren mussten, ihre Weltmeister aus. Danach treten die beiden Sieger noch in einem „Cross-Console-Finale“ gegeneinander an.

Ihre virtuellen Mannschaften können sich die Spieler individuell aus den besten Avataren der Fußballstars zusammenstellen, dazu zählen auch ehemalige Profis. Kai Wollin schwört zum Beispiel auf die niederländische Legende Ruud Gullit.

Promis aus dem „echten“ Sport triffst du inzwischen häufiger. Vor ein paar Wochen hattest du ein Meeting mit dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC). Wann wird E-Sport denn olympisch?

Über einen konkreten Zeitpunkt haben wir noch nicht gesprochen. Aber das Interesse ist da. Gerade Sportspiele wie FIFA von EA Sports wären ein guter Start, weil jeder die Regeln kennt und es einen Bezug zur Realität gibt. Früher oder später wird es so weit sein. Leider wahrscheinlich erst dann, wenn ich schon nicht mehr aktiv bin. Vielleicht werde ich dann Trainer (lacht).

Gibt es besondere Trainingsmethoden, die vom Profifußball übernommen wurden?

Wenig. Ich kenne nur einen Gamer, der einen speziellen Trainingsplan gegen sein Übergewicht bekommen hat. Da ist also noch ganz viel Luft nach oben. Mentaltrainer, Ernährungsberater – wir können uns noch viel vom Profifußball abschauen. Aber wenn die Zuschauerzahlen und die Preisgelder steigen, wird auch die Professionalisierung zunehmen.

Wie würdest du deine bevorzugte Taktik beschreiben?

Am liebsten dominant. Ich habe sehr gerne den Ball und lasse den Gegner laufen, um dann aus dem Nichts zuzuschlagen und in Führung zu gehen. Wie im echten Fußball ist es auch auf der Konsole schwierig, einem Rückstand hinterherzulaufen.

Wie weit sind Realität und Konsole noch auseinander?

Das Spiel wird von Jahr zu Jahr realistischer. Das ist auch gut so, weil es für den Zuschauer dann noch besser nachvollziehbar wird. Aber es gibt schon noch Unterschiede. Ich werde zum Beispiel in echt nie so gut spielen können wie mit Ronaldo auf der Konsole (lacht).

Wer ist dein Lieblingsspieler bei FIFA18?

Das ist eine Ikone aus vergangener Zeit, die ich selber gar nicht mehr als Spieler erlebt habe: Ruud Gullit, Kapitän der niederländischen Europameister-Mannschaft von 1988. Der sieht in FIFA schon sehr lustig aus mit seinen Dreadlocks und 1,90 Meter Körpergröße. Und er kann einfach alles. Man kann ihn mit seinen Fähigkeiten und seiner Präsenz überall auf dem Platz einsetzen. Lustigerweise hat mir der echte Ruud Gullit beim FIFA eWorld Cup 2017 den Siegerpokal überreicht. Und ich war ganz überrascht, dass er deutsch sprach.

„Ich bin hoch motiviert, nächste Saison mit FIFA19 wieder voll anzugreifen.“Kai Wollin

Kai Wollin hat am FIFA eWorld Cup teilgenommen.
Der große Vorteil an Sportspielen ist für Kai Wollin die Nachvollziehbarkeit aufgrund der bekannten Regeln. Strategie- und Egoshooter-Spiele als Laie zu verfolgen sei hingegen so gut wie unmöglich.
Warst du selbst auch aktiver Fußballer?

Ja klar habe ich als Kind und Jugendlicher gekickt. Darüber bin ich auch zum FIFA-Spielen gekommen.

Und dein Lieblingsverein?

Ich bin in der Nähe von Dortmund aufgewachsen, war als Kind einmal im Westfalenstadion und habe mich dort natürlich sofort in die Borussia verliebt. Aber ich kann offen und ehrlich sagen, dass ich schon früher auch Fan von Manchester City in der Premier League war. Ich bin begeistert von deren Art, Fußball zu spielen. Besonders mag ich Sergio Agüero, aber auch Leroy Sané und Ilkay Gündogan.

Wirst du wie diese Stars auch schon auf der Straße erkannt?

Ja, hin und wieder. Das ist schon ziemlich cool, vor allem, weil die Menschen immer sehr positiv sind. Dann mache ich gerne ein Foto mit ihnen. Trotzdem ist es bei uns E-Sportlern noch nicht so krass wie bei Gamern aus anderen Bereichen. Das liegt bei mir aber auch daran, dass ich nicht mein komplettes Privatleben in den sozialen Medien darlege.

Du bist jetzt 29 Jahre alt. Wie lange kann man auf höchstem Niveau mithalten?

Klar, die Reflexe werden irgendwann nachlassen, aber ich habe mir keinen festen Zeitpunkt gesetzt fürs Aufhören. Dafür muss jeder selbst ein Gefühl entwickeln. Solange ich noch so viel Spaß daran habe wie momentan und meine Leistungen stimmen, mache ich weiter. Der Lebensabschnitt danach wird noch lange genug andauern.

Ein Playstation Controller liegt neben einem Mercedes-Benz Schlüssel auf dem Tisch. Beides gehört Kai Wollin, der am FIFA eWorld Cup 2018 teilgenommen hat.
Die beiden „Lieblingscontroller“ von Kai Wollin: einer für die Playstation und der Schlüssel zu seiner A-Klasse von der Mercedes-Benz Niederlassung Dortmund.