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Menschen | Rhein-Ruhr - 16. November 2018

„Ich wurde ein Abtrünniger“
Fotokünstler Thomas Ruff im Interview

Mit seinen großformatigen Porträts hat Thomas Ruff der Fotografie den Weg in die Kunst geebnet. Das war Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre. Kurz darauf legte er die Kamera aus der Hand. Nicht um die Fotografie aufzugeben, sondern um seine Bildideen weiterzuverfolgen. Gerade führen sie den Düsseldorfer Fotokünstler zu den Anfängen des Lichtbilds.

Fotokunst aus Düsseldorf hat sich schon früh zu einer Art Marke entwickelt, warum gerade hier und nicht in Berlin, Hamburg, Leipzig oder anderswo?

Ich denke, das war ein glücklicher Zufall. Das gibt es nur einmal in der Geschichte. Ich nehme an, es ist die Mischung an Professoren, die an der Düsseldorfer Kunstakademie gewirkt haben.

In dieser Zeit entstand durch die Arbeit von Bernd und Hilla Becher auch die sogenannte Düsseldorfer Fotoschule. Waren die Fotos der beiden der Grund, weshalb Sie sich 1977 an der Kunstakademie in Düsseldorf beworben haben?

Nein, überhaupt nicht. Ich habe die Arbeiten von Bernd und Hilla Becher gar nicht gekannt. Ich war damals nur Hobbyfotograf und habe überlegt, welche Ausbildung ich machen könnte. Es gab die Möglichkeit, auf eine Fachhochschule zu gehen. Dort lernte man alles Mögliche wie Werbung, Stillleben, Journalismus. Aber ich wollte eigentlich nur schöne Fotos machen. Es stellte sich heraus, dass Düsseldorf als einzige Akademie eine Fotoklasse hatte. Und da ich vom Dorf kam, war ich sehr naiv und dachte: Auf der Akademie werde ich lernen, wie man schöne Fotos macht, denn da werden ja auch die schönen Bilder gemalt.

Sie haben sich mit Dias beworben?

Ja, ich habe meine schönsten 20 Kleinbild-Dias in ein Kästchen gepackt.

„Wahrscheinlich habe ich die letzte wirkliche Aufnahme mit einer Kamera 2003 oder 2004 gemacht.“Thomas Ruff

Der Düsseldorfer Fotokünstler Thomas Ruff im Interview.
Thomas Ruff kam als junger Student im Jahr 1977 nach Düsseldorf.
Was war darauf zu sehen? Sind die Dias jemals veröffentlicht worden?

Nein, das waren Fotos, die ich im Schwarzwald gemacht habe, wo ich herkomme. Es waren klassische Fotomagazin-Aufnahmen, wie etwa mein Bruder im Gegenlicht und Bäume im Gegenlicht. Als ich dann zum ersten Mal die Aufnahmen von Bernd und Hilla Becher gesehen habe, war ich entsprechend geschockt. Ich dachte, das ist die langweiligste Industriefotografie, die es gibt. Aber im Laufe des ersten Jahres musste ich erkennen, dass vielleicht meine Bilder Kitsch sind und ihre Bilder die wahre Fotografie präsentieren.

Was halten Sie eigentlich von dem Begriff „Düsseldorfer Fotoschule“ oder „Becher-Schule“?

Das ist einfach eine Namensgebung der Kunsthistoriker. Wenn es einen Professor gibt, der eine größere Anzahl von Studenten hervorbringt, die ihrerseits wieder berühmt werden, dann braucht es eine Kategorisierung, und das war dann eben die Becher-Schule oder die Düsseldorfer Fotoschule. Das ist insofern Quatsch, als es hier auch noch ganz andere Fotografen und Stile gibt.

Die Bildsprache der Bechers ist dokumentarisch und nüchtern. Was hat Sie damals daran begeistert?

Wahrscheinlich war es das Schnörkellose und der Glaube, dass Fotografie Wirklichkeit abbilden kann. Als Student ist es aber oft so, dass man ein Vorbild annimmt ohne große Überprüfung. Und dann wird einem manchmal erst während des Studiums klar, dass es daneben noch viele andere Arten der Fotografie gibt, die man auch praktizieren könnte. Aber erst mal orientiert man sich an seinem Lehrer.

In den 1980ern war Düsseldorf ein Zentrum der Punkszene. Ist trotz all der Nüchternheit davon etwas in Ihr Werk eingeflossen?

Nein, obwohl die Zeit fantastisch war. Man hatte den Ratinger Hof, Zur Uel und daneben gab es noch ein Café, wo man sich getroffen hat. Ich denke aber nicht, dass der Punk einen direkten Einfluss auf meine Arbeit hatte, obwohl ich viel im Ratinger Hof verkehrte. Aber in Düsseldorf war es tatsächlich eine sehr lebhafte Zeit, jeder war irgendwie aktiv.

„Ich glaube, mit dem großen Format hat auch die Emanzipation der Fotografie als Kunst ersten Grades begonnen.“Thomas Ruff

In dieser Zeit entstanden Ihre Interieuraufnahmen, dann die berühmten großformatigen „Portraits“. 1991 wurden sie im Museum für Moderne Kunst in Frankfurt gezeigt. Das war eine Sensation: Fotografie wurde gleichwertig neben Malerei und Skulptur gezeigt. Was denken Sie heute über die Diskussionen von damals, ob Fotografie Kunst sein kann oder nicht?

Meine ersten Porträts habe ich erstmals 1986 groß abgezogen. Die waren schon ziemlich schockierend für das Publikum, weil sie so ganz anders waren. Die Fotos hatten eine piktorale Qualität, die ein gemaltes Bild oder ein Siebdruck niemals haben kann. Und weil wir bei Bernd Becher gelernt hatten, mit der Plattenkamera zu arbeiten, waren sie superpräzise, superscharf; sie hatten fast kein Korn. Meine Galerie hatte dann auf der Art Cologne ein großes Porträt aufgehängt und ich bemerkte, dass viele interessiert stehen blieben – sie konnten einfach nicht vorbeilaufen. Das war etwas, was sie in dieser Form noch nie gesehen hatten. Und ich glaube, mit dem großen Format hat dann auch die Emanzipation der Fotografie als Kunst ersten Grades begonnen.

Der Fotokünstler Thomas Ruff im Interview – Detail seines Studios in Düsseldorf.
Der Fotokünstler Thomas Ruff im Interview – Detail seines Studios in Düsseldorf.
Haben Sie das Format auch bewusst eingesetzt, um zu sagen: „Seht her, das ist groß, das ist Kunst!“?

Eher nicht. Ich habe die Serie „Portraits“ 1981 angefangen. Damals hatte ich nur die Möglichkeit, kleine Abzüge auf 18 x 24 Zentimeter zu machen. Bei der Eröffnung meiner ersten Ausstellung in Düsseldorf waren natürlich auch alle meine Freunde, die auf den Bildern zu sehen waren. Mir war aufgefallen, dass sie sagten: „Ah, das ist Heinz“, und ich sagte: „Nein, das ist er nicht, das ist das Foto von ihm, Heinz steht da drüben.“ Das heißt, lange Zeit haben die Leute das Medium Fotografie nicht gesehen, sie haben es mit der Wirklichkeit verwechselt. Da habe ich überlegt, welche Strategie könnte man anwenden, damit man sieht, dass es ein Foto ist? Und als ich dann das erste große Foto abgezogen und an der Wand hatte, haben die Leute tatsächlich gesagt: „Wow, das ist aber ein großes Foto von Heinz.“ Da haben sie zum ersten Mal gemerkt, dass sie eine Fotografie anschauen.

Fotokünstler Thomas Ruff im Interview – Ateliersituation mit Himmelsglobus.
Seit seiner Kindheit hat Thomas Ruff ein Faible für Astronomie.
1992 wurden Ihre Aufnahmen auf der Documenta IX in Kassel gezeigt. Dort haben Sie mit einem Restlichtverstärker gearbeitet, wodurch die Fotografien eine eigene Ästhetik bekamen. Stimmt der Eindruck, dass Sie seitdem keine klassischen Aufnahmen mehr gemacht haben, zu denen ich jetzt auch die Porträts zählen möchte? Gab es einen Bruch oder Switch hin zu etwas Neuem?

Wahrscheinlich ja. Und auch das hängt wieder mit der Serie „Portraits“ zusammen. Vor den Porträts habe ich Interieurs gemacht, die waren sozusagen streng dokumentarisch. Ich habe nichts arrangiert, kein Licht gesetzt, nur das genutzt, das durch ein Fenster hereinkam. Mit den Porträts habe ich gemerkt: Das mit der Wahrheit der Abbildung stimmt so eigentlich nicht. Ich frage die Person, ob ich ein Porträt von ihr machen kann und sage dann: „Oh, das ist ein schönes Hemd, kannst du es tragen?“, und ich frage: „Kann der Kopf bitte etwas höher oder tiefer?“ Ich habe realisiert: Die Kamera zeigt die Wirklichkeit, die vor dem Objektiv ist, aber vielleicht ist es ja eine arrangierte Wirklichkeit. Ab diesem Zeitpunkt wurde ich ein Abtrünniger und habe mir die Frage gestellt: Was macht das Medium? Was macht es mit uns und welche technischen Möglichkeiten kann man nutzen, um Fotografie zu betreiben?

Wie die Aufnahmen mit dem Nachtsichtgerät auf der Documenta IX im Jahr 1992 ...

Damit ging es dann eigentlich los. Ein paar Jahre später habe ich die Sternenaufnahmen der Serie „Sterne“ produziert, wo ich leider feststellen musste: Obwohl ich professionell ausgebildet wurde und professionell ausgestattet bin, kann ich keine guten Sternenaufnahmen machen – dazu braucht man ein großes Teleskop. Ich bin dann bei der ESO (European Southern Observatory) fündig geworden. Bis dahin war ich immer derjenige, der den Auslöser gedrückt hat, doch da konnte ich es nicht mehr. Ich musste zum ersten Mal die Autorenschaft abgeben.

Wie schwer fiel diese Entscheidung?

Das war ziemlich schwierig für mich. Aber ich habe entschieden, dass ich das machen muss – mit fremdem Material arbeiten, da ich diese Bilder sonst nicht machen kann. Das habe ich dann getan und auch weiter fortgesetzt.

Arbeiten Sie manchmal noch mit der Kamera oder nutzen Sie nur noch vorhandenes Bildmaterial aus Archiven oder dem Internet?

Wahrscheinlich habe ich die letzte wirkliche Aufnahme mit einer Kamera 2003 oder 2004 gemacht. Ich fotografiere noch, aber nur noch als Skizzen. Das heißt, 98 Prozent der Aufnahmen, die ich verwende, sind nicht mehr von mir. Das können Fotos der NASA sein, Aufnahmen von Pressefotografen oder auch historische Fotografien.

Die digitale Fotografie, das Internet und die sozialen Medien haben die Bildproduktion exorbitant gesteigert. Wo führt das hin? Welche Konsequenzen hat das für Sie als Künstler?

Ich praktiziere Fotografie seit 30 Jahren. Irgendwann kam die Digitalisierung der Fotografie in Gang. Ich habe mir anfangs keine Gedanken darüber gemacht. Ich dachte, vielleicht ist es einfach nur ein neues Werkzeug – wie ein neues Teleobjektiv. Wenn ich es gebraucht habe, habe ich es angewandt und wenn nicht, dann habe ich es nicht genutzt. Aber etwa ab dem Jahr 2000 fing mit dem Internet eine Multiplikation des Bilderflusses an. Diese Bilder, würde ich sagen, haben keinen Einfluss auf meine Arbeit. Wahrscheinlich, weil sie für den alltäglichen Gebrauch gemacht werden. Das ist eigentlich absurd: Viele Leute machen Fotos, um zu zeigen, wie es ihnen jetzt geht. Sie nehmen dafür aber das schlechteste Medium, denn sobald etwas fotografiert ist, ist es wieder Vergangenheit. Deshalb müssten sie sekündlich ein Foto machen, um in der Gegenwart zu bleiben. Vielleicht hat das ja auch etwas mit der Bilderflut zu tun – dieser krampfhafte Versuch, das Jetzt abzubilden.

Woran arbeiten Sie aktuell?

Momentan arbeite ich an zwei Serien, an den Pressefotos „press ++“ und an „Negative“. Im nächsten Monat gibt es eine Ausstellung im Victoria and Albert Museum, wo ich Papiernegative von Linnaeus Tripe aus dem 19. Jahrhundert nutzen konnte.

Wann wird man größere Ausstellung mit Ihren Arbeiten in Düsseldorf sehen können?

Ende 2020 im K21, der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.

 

Thomas Ruff
  • Der 1958 im Schwarzwald geborene deutsche Künstler wurde Ende der 1980er-Jahre mit seiner großformatigen Fotoserie „Portraits“ international berühmt. Ruff hat an der Kunstakademie Düsseldorf bei Bernd Becher studiert. Unter den Künstlern der sogenannten Düsseldorfer Fotoschule zählt der 60-Jährige zu den experimentierfreudigsten. In Serien wie „Nudes“, „Substrate“ und „phg“ arbeitet er nicht mit der eigenen Kamera, sondern verwendet Bildmaterial aus dem Internet, historische Aufnahmen aus dem 19. Jahrhundert oder entwickelt rein digitale Bildwelten. Thomas Ruff lebt in Düsseldorf, wo er zwischen 2000 bis 2006 Fotografie an der Kunstakademie Düsseldorf unterrichtete.