23. Mai 2018
Menschen | Mainz

Der Pythagoras der Kunst

Die Werke von Henry J. Wintherberg bestehen aus Hunderten einzelner Schichten und einem mathematischen Fundament. Mit beeindruckender Wirkung. Wir haben dem Künstler in seinem Atelier über die Schulter geschaut.

In seinem Atelier in der ehemaligen Mainzer Pralinenfabrik sitzt Henry J. Wintherberg vor einer Leinwand und rückt seine Brille zurecht. Um seinen Hals hängt eine Graffiti-Atemmaske zum Schutz gegen Lacke. An seiner rechten Hand trägt er einen Handschuh, auf der anderen sind Farbreste zu sehen. Auf einem Tisch stehen Spraydosen, Zeichenstifte, daneben liegen unzählige Spachtel, und Pinsel unterschiedlicher Größen stehen in Töpfen und Behältern. Der Maler greift zu einer Spraydose, hält ein kleines Holzstück an die Leinwand und sprüht senkrecht dagegen. Akribisch trägt er Schicht für Schicht Farbe und Materialien wie Gips und Gesso auf Leinwände auf und bearbeitet seine Werke weiter in einem aufwendigen Verfahren, sodass diese am Ende – nach insgesamt 100 bis 200 Schichten – wie Fotografien aussehen.

Sound-Inspiration für Henry J. Wintherberg

Stunden um Stunden kann er so versunken in seine Arbeit verweilen, während im Hintergrund seine Lieblingsmusik das Atelier ausfüllt. Das teilt er sich mit zwei weiteren Künstlerkollegen. „Musik inspiriert mich“, erklärt Henry J. Wintherberg. Und so werden Songzitate zur Idee und zum Grundstein für seine Werke. „Meine Kunst ist Mathematik und Musik zugleich, so widersprüchlich das scheint“, sagt der freischaffende Mainzer Maler und Bildhauer, der es in den vergangenen Jahren zu einer großen Fangemeinde gebracht hat und dessen Arbeiten bei Sammlern sehr gefragt sind. National und international. Und weil Henry J. Wintherberg gerne den Kontakt zur Szene hält, ist er viel unterwegs. Oft bringt er seine Werke selbst zu Ausstellungen oder Street- und Urban-Art-Veranstaltungen. Meistens in einer Mercedes-Benz V-Klasse.

Bild-Henry-Winterberg
Schicht für Schicht: Leinwände verziert Henry J. Wintherberg mit Farbe und Materialien wie Gips und Gesso, sodass sie am Ende insgesamt 100 bis 200 Schichten tragen.

Koordinatenachsen als Fundament

Seinen Werken wird vor allem eine besondere Klarheit nachgesagt. Henry J. Wintherberg erklärt sich das wie folgt: „Alle meine Arbeiten beziehen sich auf Texte, Musik oder Poesie. Aus dem Inhalt, aus Worten und der Bedeutung leite ich Farben, Positionen, Dimensionen, Radien und Achsen ab. So ist meine Technik ein großes Stück von theoretischen Ansätzen geprägt und immer liegt ein mathematisches Fundament zugrunde.“

Technik im Detail betrachtet

Am Anfang malt Wintherberg mit dem Bleistift die fest definierten Skizzierungen, es folgen Kreide und Kohle, dann verwendet er Acryl und manchmal auch Öl. Um Strukturen zu erhalten, arbeitet er Gips, Kreide oder auch Beton ein. Es folgen Pinsel und Spraydose und zahlreiche Trocknungsphasen, die viel Zeit in Anspruch nehmen. „Aus diesem Grund arbeite ich parallel an zehn bis zwölf Bildern – immer mit der gleichen Herangehensweise. Die Ergebnisse sehen vielleicht optisch ganz unterschiedlich aus, aber wenn man näher ins Detail geht und sich mit der Technik beschäftigt, dann erkennt man die Analogien. Mein übergreifendes Thema ist immer die Überlagerung, die Vielschichtigkeit und die Verfremdung von Dingen, die sich in der Arbeit mit verschiedenen Materialien widerspiegelt.“ Sein grundlegender Anspruch ist es, jenen, die suchen, Antworten, Rätsel, Interpretationsräume und Tiefgang zu geben. „Sollte jemals ein Kunsthistoriker auf die Idee kommen, zu versuchen, all das zu entschlüsseln, dann kann er fündig werden. Ich finde, Kunst muss etwas zu sagen haben: politisch, gesellschaftlich, inhaltlich.“

Kunst – das ist wie Atmen

Auch Räume spielen für den Mainzer eine bedeutende Rolle. Zum Beispiel verwandelte er die Junior Suite 807 auf der 8. Etage des Hotels Scandic Hamburg Emporio in ein einmaliges Kunstwerk. Kreative der Millerntor Gallery gestalteten für das Scandic-Hotel und Viva con Agua die sogenannten Art Rooms. „Das war ein sehr schönes und spannendes Projekt. Den Raum aufnehmen und in seiner Größe wirken lassen, die Wände werden dann zu einer Leinwand.“

Henry J. Wintherberg: Hotel Gestaltung
Einzigartige Werke des Künstlers hängen zum Beispiel in der Junior Suite 807 auf der 8. Etage des Scandic Hamburg Emporio.
Henry J. Wintherberg: viel Vorarbeit
Mit dem Lineal bei der Arbeit: Für Henry J. Wintherberg ist es ein wichtiges Utensil.

Nahbarer, direkter, mit mehr Kontakt

Das Spontane, immer wieder Neue, das reize ihn. „Aus diesem Grund sprechen mich auch Street- und Urban-Art-Veranstaltungen an. Ich hatte schon immer was mit Graffiti und der Straße zu tun. Auf eine besondere Art ist das nahbarer, direkter, mit viel mehr Kontakt zu den Menschen. Und das ist es auch, was es für mich ausmacht.“

Jeden Tag neue Eindrücke

Jedes neue Projekt sei ein Durchbruch für ihn und eine neue Herausforderung. „Ich will mir die Freiheit bewahren, zu experimentieren. Ich habe noch immer jeden Tag den Eindruck, dass ich noch so viel zu lernen habe und ausprobieren möchte. Meine Neugierde nimmt nicht ab. Das Schöne ist, ich habe die Freiheit, jeden Tag das zu tun, was ich möchte.“ Gerade hat er sich Sperrholzplatten bestellt, auf denen er anstatt auf Leinwänden arbeiten möchte. „Mal sehen, wie die Wirkung damit ist.“

Henry J. Wintherberg in seiner Kunstoase
Henry J. Wintherberg
  • Beruflicher Werdegang:

    Seit 1997 lebt und arbeitet er als freischaffender Künstler in Mainz. Zuletzt war er viel im Bereich der Urban- und Street-Art oder auch in der Kooperation Polybros tätig.

  • Künstlerduo:

    Polybros ist das Künstlerduo Ansgar Frings und Henry J. Wintherberg. Unter diesem Namen arbeiten sie für Unternehmen, Städte, Stiftungen und Sammler im öffentlichen sowie im privaten Raum. Sie bauen großformatige, zeitgenössische Skulpturen im Spannungsfeld zwischen Assemblage, Objet trouvé und Urban Art.

  • Atelierkollektiv:

    Die Pralinenfabrik ist in erster Linie Produktionsraum und Arbeitsatelier für Ansgar Frings, Ella Waldow und Henry J. Wintherberg. Ansgar Frings hat sich auf Skulpturen und Möbel spezialisiert. Ella Waldow hat sich der Fotografie verschrieben.

Henry J. Wintherberg: Pralinenfabrik

Pralinenfabrik

Boppstraße 66
Hinterhaus
55118 Mainz