02. November 2018
Menschen | Rhein-Ruhr

Geschichten zum Anfassen
Zu Besuch bei den Tonies

Im Zeitalter des Musikstreamings sind Hörspiele nur noch digitale Datenmengen. Das muss nicht sein, dachte sich Patric Faßbender. Gemeinsam mit Marcus Stahl entwickelte er das Audiosystem Tonies. Eine Erfolgsgeschichte aus Düsseldorf.

Der Hinterhof in der Grafenberger Allee ist eine Oase der Zeit und der Ruhe. Die alten Gewerbe- und Verwaltungsgebäude, die einen quadratischen Hof eingrenzen, erinnern fast an einen historischen Gutshof, einige Bäume spenden Schatten und Grün, während Kunstobjekte die Fantasie anregen. In das verwunschene Areal ist die Boxine GmbH eingezogen. Das Unternehmen kam erst 2016 mit seinen Produkten auf den Markt, dennoch beschäftigt es schon rund 80 Mitarbeiter. Ob im Großraumbüro, am Besprechungstisch oder in der Werkstatt der Entwickler, überall stehen kleine Tonie-Figuren, mal ist es ein kleiner Wassermann, der genauso aussieht wie auf der Original-Zeichnung von Otfried Preußler, mal ist es der Drache Kokosnuss oder eine kleine Figur mit lustigen Tierohren. Das sind die sogenannten Kreativ-Tonies. Die Tonies verkörpern bestimmte Hörinhalte, Hörbücher, Hörspiele oder Kinderlieder. Einen Kreativ-Tonie können Kinder oder Erwachsene selbst besprechen. Im Interview mit dem Mercedes-Benz Kundenmagazin erzählen die beiden Gründer Patric Faßbender und Marcus Stahl ihre Unternehmensgeschichte.

Mit Kreativ-Tonies können Kunden eigenen Audiodateien hochladen oder eigene Geschichten, Lieder oder Grüße aufnehmen.
Mit Kreativ-Tonies können Kunden eigene Audiodateien hochladen oder eigene Geschichten, Lieder oder Grüße aufnehmen.
Herr Faßbender, stimmt die Geschichte, dass Sie die Tonies erfunden haben, weil Ihnen die zerkratzten CDs Ihrer Tochter auf die Nerven gingen?

Ja, ich habe zwei Töchter, die 2013 drei und fünf Jahre alt waren und hörspielaffin sind. Wir hatten wie viele Eltern das Problem mit kaputten CDs und das hat uns genervt. Tablets und Smartphone wollten wir unseren Kindern in dem Alter noch nicht in die Hand drücken. Also haben wir nach Alternativen gesucht, aber nichts gefunden.

Aber dann hatten Sie eine Idee ...

Ja, ausgelöst durch Struppi von Tim und Struppi, der bei mir auf dem Schreibtisch steht. Irgendwann dachte ich, wie wäre es eigentlich, wenn man Struppi nehmen würde, ihn irgendwo draufstellt und ein Hörspiel startet. Das ist das Grundprinzip der Tonies und der Tonieboxen. Eine Figur steht für einen Audio-Inhalt. Man nimmt sie, stellt sie auf eine Toniebox – und es geht sofort los.

Nicht jeder, der eine gute Idee hat, gründet gleich ein Unternehmen. Wie war das bei Ihnen?

In einem Anflug von Naivität und Wahnsinn habe ich gesagt, das mache ich jetzt. Ich war lange in der Agenturwelt, war Kreativdirektor und habe mit Anfang 40 gemerkt, ich muss da jetzt raus. Ich habe angefangen, Konzepte zu schreiben, und mich mit dem Thema Audio im Kinderzimmer beschäftigt, also mit dem Markt, mit dem Thema Kinderdesign. Wie nähern sich Kinder Produkten und wie ist ihr Erfahrungsschatz im Umgang mit Audiogeräten. Am Ende des Tages kam ein Prototyp heraus, der schon eine große Ähnlichkeit mit den Tonieboxen von heute hatte. Er hat dieses Weiche und Haptische, die Lautstärke wird über die Ohren gesteuert und er hat kein Display – all das war schon definiert.

„Ich hab hier eine coole Idee und möchte gern mal mit dir darüber sprechen.“Patric Faßbender

Die Tonies-Gründer Patric Faßbender und Marcus Stahl
Die Tonies-Gründer Patric Faßbender (l.) und Marcus Stahl.
Was haben Sie dann mit dieser Ur-Toniebox gemacht?

Beim Verschriftlichen des Konzepts habe ich sehr schnell gemerkt, dass ich vielleicht vieles mitbringe, um so eine Unternehmung zu starten, aber einiges eben auch nicht: Ich bin kein Finanzmann und kenne mich nicht mit technischen Entwicklungen aus – da fiel mir Marcus ein. Wir haben uns im Kindergarten über gemeinsame Vorstandsarbeit kennen- und schätzen gelernt. Ich wusste von seinem beruflichen Background und habe ihm einfach eine Mail geschrieben: „Ich hab hier eine coole Idee und möchte gern mal mit dir darüber sprechen.“ Dann hat er sich auch relativ schnell dafür entschieden, dass wir diesen Weg gemeinsam gehen.

Das heißt, Herr Stahl, Sie waren auch auf der Suche nach neuen Lebenszielen?

Bei mir war es anders. Ich habe auch einen ganz anderen Background. Ich war zuvor bei Nokia und habe dort unter anderem das Automotive-Geschäft verantwortet. Kurz bevor Patric auf mich zukam, hatte ich einen Bereich herausgekauft und ein eigenes Unternehmen aufgebaut. Ich konnte also nicht einfach sagen, ich gehe jetzt. Die Frage war eher, wie bekommst du das gemanagt. Wie kannst du dich sauber aus dem eigenen Unternehmen lösen und es in andere Hände geben. Das hat aber ganz gut geklappt.

Storys aus der Cloud

Die beiden Start-up-Papas Faßbender und Stahl haben ihr Unternehmen Ende 2013 gegründet. Ende 2016 kamen die ersten Tonies und die Tonieboxen auf den Markt. Auf Anhieb gingen rund 35.000 Exemplare über die Theken der Spielwarengeschäfte und Buchläden – viel mehr, als sie sich erhofft hatten. Mittlerweile sind rund 500.000 Boxen und drei Millionen Tonies verkauft worden.

Genau genommen sind Tonies keine Tonträger im eigentlichen Sinn. Die Figuren sind eine Art digitaler Datenschlüssel. Beim ersten Kontakt von Figur und Box wird durch einen integrierten NFC-Chip eine Verbindung zur Toniecloud hergestellt und das Hörbuch, die Liedersammlung oder das Wissensbuch heruntergeladen. Während der erste Kontakt in einer WLAN-­Umgebung stattfinden muss, kann der Hörinhalt nach dem Herunterladen auch offline abgespielt werden.

Durch den Erfolg der Tonie-Boxen und Figuren wurde die Boxine GmbH in Düsseldorf von einem Start-up zu einem expandierenden Unternehmen.
Platz für eine Tonie-Figur ist auch auf dem Bildschirm – viele der Mitarbeiter sind Hörspiel- und Tonie-Fans.