01. Februar 2017
Menschen

Mister Beam

Der Lichtkünstler Philipp Geist ist der Großmeister des Video-Mappings. Mit Beamern schafft er spektakuläre Installationen und begeistert Millionen – zuletzt in Köln, aber auch schon in Teheran, Bangkok und Rio de Janeiro. Im Interview mit dem Mercedes-Benz Kundenmagazin spricht er über die Faszination des Lichts und einen großen Traum.

Herr Geist, woran arbeiten Sie aktuell?

Ich komme gerade aus Köln zurück, wo ich im Umfeld des Doms das Projekt „Time Drifts“ gezeigt habe. Aber es geht sofort wieder weiter. Im Moment beschäftige ich mich zeitgleich mit mehreren Projekten, unter anderem mit einem in Venedig, das im April startet und bis Juni laufen wird. Da geht es um das Thema „500 Jahre Reformation“. Zudem plane ich eine Installation zur „Blauen Nacht“ in Nürnberg und dann noch ein Projekt, das ich zusammen mit dem Musiker Max Richter in Berlin umsetze.

Wie gehen Sie ein Projekt wie das in Venedig an?

Dazu bin ich schon etwas länger in der Vorbereitung. Zunächst geht es darum, in die Stadt zu reisen, den Ort kennenzulernen, Fotos zu machen. Ich will sehen, wie der Ort am Tag und in der Nacht aussieht. Was gibt es für Lichtquellen, was könnte störend sein? Also die technischen Voraussetzungen und Herausforderungen und wie sie sich lösen lassen. Und dann geht es natürlich auch um die Inhalte, die in einen Dialog mit der Architektur treten sollen. Ich entwickle die Projektion und das Konzept und versuche im Vorfeld schon möglichst viel umzusetzen.

Wie frei sind Sie dann in der Umsetzung?

Natürlich gibt es, wie im Fall von Venedig, wo es um „500 Jahre Reformation geht“, schon den übergeordneten Rahmen. Es gibt als Vorgabe den Ort, eine evangelische Kirche, was in Venedig ohnehin schon ungewöhnlich ist. Aber es ist für mich sehr wichtig, dass ich meine Arbeiten künstlerisch so umsetze, wie ich sie mir vorstelle. Da bin ich komplett frei. Es geht ja immer auch um eine künstlerische Handschrift und da, wo Philipp Geist draufsteht, muss auch Philipp Geist drin sein.

Wie sind Sie überhaupt zum Thema Licht gekommen?

Ich komme eigentlich aus der Fotografie und der Malerei. Aber das Thema Licht hat für mich die ganz große Faszination, dass man eine Räumlichkeit erreichen kann, die mit keinem anderen Medium möglich ist. Wenn man an Malerei denkt, könnte man natürlich die Wände und den Boden bemalen, aber nicht die Leute, die sich im Raum aufhalten. Das heißt, mit Projektionen kann man nicht nur einen Raum bespielen, man kann auch die Besucher in die Installation integrieren. Mit Projektionen auf Nebel kann ich Wörter im Raum sichtbar werden lassen.

Wenn Sie Raum sagen, geht es fast immer um den öffentlichen und urbanen Raum. Was reizt Sie daran?

Das Entscheidende ist: Jeder kann ihn betreten. Der öffentliche Raum gibt mir bestimmte Möglichkeiten. Zum Beispiel „Time Drifts“ in Köln: Jeder kennt den Dom, jeder geht dahin, kennt diesen Platz, der so zu etwas ganz anderem wird. Und das ist etwas, das mit Projektionen wunderbar möglich ist: Man kann verändern, begrenzen, hinzufügen. Es ist fast so, als würde für diesen Platz oder den Ort plötzlich eine ganz andere Zeitlichkeit gelten.

„Licht hat die große Faszination, dass man eine Räumlichkeit erreichen kann, die mit keinem anderen Medium möglich ist.“Philipp Geist

Der Berliner Lichtkünstler Philipp Geist während seiner Installation in Rio de Janeiro im Jahr 2014.
Die Wiedereröffnung der Heilig-Kreuz-Kirche in München-Giesing wurde 2015 zu einem flüchtigen Lichtkunstwerk. Philipp Geist setzte bei seiner Installation „Himmel und Erde“ (oben links) auf das Zusammenspiel von Sprache, Typografie und Architektur. Bei Arbeiten wie „Time Drifts“ (oben rechts) wurden die Zuschauer zu Akteuren der Installation. Bei seiner Megaprojektion in Rio de Janeiro im Jahr 2014 projizierte Geist seine digitalen Bildwelten auf die berühmte Christusfigur und auch auf die Favela Santa Marta.
Als ich Ihre Installation in Köln erlebt habe, ist mir aufgefallen, wie still die Menschen geworden sind. Es war eine fast andächtige Stimmung ...

Ja, das fällt mir auch immer wieder auf. Die Besucher tauchen mit einer fast meditativen Ruhe in die Projektion ein. Ich freue mich immer, wenn ich strahlende oder glückliche Gesichter sehe, wenn die Leute aus unterschiedlichen Positionen die Installation auf sich wirken lassen und so das Gesamtensemble wahrnehmen. Denn da ist nicht nur die Projektion, sondern auch die Architektur der angrenzenden Gebäude. Es geht immer um das Zusammenspiel zwischen der Projektion, dem Ort und den Besuchern.

Wissen Sie, wer sich Ihre Arbeiten anschaut? Bei Ihrer Lichtinstallation am Königspalast in Bangkok kamen an neun Tagen 2,5 Mio. Zuschauer.

Es ist wahnsinnig faszinierend, dass diese Projektionen so generationsübergreifend sind. Da ist ein zweijähriges Kind, das vielleicht mit Kreide auf den Boden malt, aber auch die Oma, die Fotos macht.

Ganz anders als in der Club- und DJ-Kultur, aus der Sie kommen. Erzählen Sie uns davon ...

Ja, Ende der 1990er-Jahre war ich sehr stark im Clubkontext unterwegs und habe als VJ gearbeitet. In dieser Zeit bin ich europaweit unterwegs gewesen und habe auf Festivals mit Musikern und DJs audiovisuelle Projekte gemacht. Aus dieser Zeit stammt meine Vorliebe für die Live-Performance, also aktiv in eine Projektion einzugreifen. In dieser Richtung gibt es immer wieder Projekte wie die „Yellow Lounge“ in Berlin, wo ich zum Beispiel Gidon Kremer und Anne-Sophie Mutter visuell begleitet habe. In diesem Jahr werde ich auch mit der Band 2raumwohnung unterwegs sein.

Licht trifft auf Dunkelheit, bewegte Projektionen auf statische Architektur, Digitales trifft auf Analoges. Welches von diesen Gegensatzpaaren ist Ihnen wichtig?

Bei den Außenprojektionen hat man eine starre Architektur, die man in Bewegung setzt, das ist sicherlich ein ganz wichtiges Element. Dass man große Fassaden, Gebäudeteile oder wie in Brasilien eine ganze Favela in Bewegung versetzt, ist ganz wesentlich. Was aber auch zu meiner Arbeit gehört, ist, einzelne Elemente zu betonen oder wegzulassen. Man kann mit der Architektur gehen, dann aber komplett dagegen agieren, bestimmte Bereiche versetzen und so das Festgeschriebene eines Gebäudes ins Wanken bringen.

Oder im Dunkeln zum Verschwinden bringen ...

Ja, wenn man Schwarz projiziert, das ist ja das Schöne, dann ist ein Gebäude komplett weg. Insofern besitzt das Spiel mit Dunkelheit seinen besonderen Charme.

Gibt es ein Wunschprojekt, etwas, was Sie unbedingt einmal umsetzen möchten?

Es gibt einen Ort, der mich unglaublich fasziniert, wo ich auch schon aktiv dran bin, aber nicht weiß, ob ich es jemals umsetzen darf. Es sind die Pyramiden in Ägypten. Diese Bauwerke üben eine unglaubliche Faszination aus. Dort eine Projektion umzusetzen, die flüchtig ist, wo die Pyramiden seit Tausenden von Jahren stehen. Es ist der perfekte Ort, um auf den Kontext der Zeit einzugehen.

Lichtkünstler Philipp Geist bei der Arbeit
Philipp Geist
  • Ort:

    Geboren 1976 in Witten (Ruhr). Er lebt in Berlin und Weilheim in Oberbayern.

  • Beruf:

    Philipp Geist arbeitet weltweit als Künstler mit den Medien Video/Lichtinstallation und Fotografie.

  • Spektakuläre Projekte:

    Im Januar 2017 wurde die Domplatte in Köln zu einem gigantischen Farbraum. 2015 inszenierte der Künstler den Freiheitsturm von Teheran als „Gate of Words“. In Rio de Janeiro wurden 2014 zeitgleich die Cristo-Redentor-Statue und die Favela Santa Marta zum Lichtkunstwerk.