25. April 2017
Menschen | Aachen

Kinder,
die die Welt retten wollen

Umdenken, neue Wege gehen und gemeinsam zukunftsorientiert arbeiten. Was nach dem Slogan eines innovativen Unternehmens klingt, ist für die Initiative „Schule im Aufbruch“ der Schlüssel zu einer neuen Lernkultur. Weg von einer Ideologie, die durch Druck und Konventionen schulische Erfolge hervorbringen will, hin zum selbstbestimmten Lernen. Professor Gerald Hüther, Neurobiologe und Mitgründer der Initiative, über die theoretischen Hintergründe und erste positive Ergebnisse.

Um sich in digitalisierten und globalisierten Arbeits- und Lebenswelten zurechtzufinden, eigene Ideen zu entwickeln und das Leben selbst zu gestalten, bedarf es mehr als das Pauken von Vokabeln, Formeln und Geschichtszahlen. Nein, eigentlich bedarf es viel weniger. Nämlich Wissensdurst und Entdeckergeist – genau diese beiden Aspekte sollen erhalten bleiben. Lernforscher Hüther will mit „Schule im Aufbruch“ Lehrer und Eltern zum Umdenken ermutigen.

Erkenntnisse der Hirnforschung besagen, dass Kinder glücklich sind, solange sie Verbundenheit spüren und die Möglichkeiten haben zu wachsen. Schule aber soll diese „ursprünglichen Sehnsüchte“ der Kinder enttäuschen: Was läuft hier grundlegend falsch?

Die Schule ist ja nicht dazu da, Kinder glücklich zu machen. Schulen werden seit jeher eingerichtet, damit die heranwachsende Generation Kenntnisse erwirbt und Verhaltensweisen entwickelt, die dazu dienten, das bestehende System zu stabilisieren. Heute ist es das Konsumsystem – ein gesellschaftliches System, in dem der Wettbewerb herrscht.

Aber Ihre Initiative „Schule im Aufbruch“ soll ja bezwecken, dass sich etwas ändert. Wie passt das Konzept in unsere Gesellschaft?

Wir sind uns sehr wohl bewusst, dass es eine große Veränderung ist. Dass aus unseren Schulen junge Menschen kommen, die unabhängiger sind, weniger wettbewerbsgetrieben, dafür sozial umso stärker engagiert. Unsere Modellschule in Berlin beispielsweise – fragen Sie diese Kinder, warum sie die Schule besuchen, dann lautet die Antwort: „Weil ich die Welt retten will.“ Diese Schüler benötigen nicht unbedingt 1.500 Social-Media-Kontakte, um sich bestätigt zu fühlen. Die sind anders unterwegs …

Wie funktioniert das genau in der Berliner Schule? Wie finden sich diese Schüler nun zurecht?

Vor zwei Jahren wurde dort der erste Jahrgang zum Abitur geführt. Nun haben wir einen Vergleich der Leistungen mit anderen Gymnasien und – jetzt halten Sie sich fest – die Schüler sind besser als der Durchschnitt der übrigen Berliner Gymnasiasten. Und das, obwohl sie gar keinen richtigen Unterricht, sondern Lernbüros haben. Obwohl sie keiner zwingt, überragende Leistungen zu erbringen. Die Schüler sind so hoch motiviert, weil sie die Welt retten wollen (lacht). Das heißt: Leistung leidet unter dieser neuen Art zu lernen nicht – ganz im Gegenteil! Es wird also höchste Zeit, dass sich grundlegend etwas ändert.

Und wie schafft es eine Schule, dahingehend „aufzubrechen“?

Das können Sie sehr schön am Beispiel der 4. Gesamtschule Aachen verfolgen: Die Umsetzung dieses Konzepts gelingt nur, wenn sich alle einig sind: die Pädagogen, die Eltern, die Schulleitung. Wenn sie sagen: Es ist unser Anliegen, junge motivierte Menschen aus dem Abitur zu entlassen, die ihre mit in die Schule gebrachte Freude am Lernen und ihre Begeisterung am gemeinsamen Gestalten nicht verloren haben. Wir versuchen mit der Initiative „Schule im Aufbruch“ den Schulen zu helfen, in sich die Gestaltungskraft wiederzufinden und sich für das, was in der Schule passiert, selbst verantwortlich zu fühlen.

„Die Lernfreude erhalten – das ist die einzige Forderung, die man an die Schule stellen muss.“Professor Gerald Hüther

Professor Gerald Hüther Gründer der Initiative Schule im Aufbruch
Aber warum geht die Lernfreude aus Sicht des Hirnforschers überhaupt verloren? Kinder bringen sie ja offensichtlich zu Beginn der Schulzeit noch mit ...

Freude am Lernen geht immer dann verloren, wenn man dem Kind vorschreibt, was es lernen soll. Normalerweise ist es so: Kinder gestalten ihren eigenen Lernprozess. Laufen, Sprechen und auch das Handy bedienen – das haben sie alles alleine gelernt. Da haben sie sich selbst als Gestalter ihres eigenen Lernprozesses erlebt. Sobald man aber einen Schüler in die Situation bringt, in der er sich als „Objekt“ erlebt von Bewertungen, Erwartungen, Maßnahmen und Fördermaßnahmen, von Belohnung oder Bestrafung – dann erlischt seine eigene Motivation zum Lernen.

Können Sie denn einen Wandel im Denken der Eltern beobachten? Die Nachfrage und das positive Feedback auf Ihre Schulen sprechen ja dafür.

Ja, es gibt einen Trend. Den erkennt man an dem großen Andrang an den Gesamtschulen. Dort gehen die Kinder von morgens bis abends hin. Und diese Schulen führen eben auch zum Abitur. Viele Eltern haben erkannt, dass in unseren Schulen Kompetenzen erworben werden, die weit über das hinausgehen, was andernorts gelernt wird: soziale Kompetenzen. Der Konkurrenzdruck ist hier nicht so hoch. Dafür lernen Schüler miteinander umzugehen, gemeinsam zu arbeiten und gemeinsam ihre Ziele zu erreichen.

Es geht bei Ihrem Lernkonzept vor allem um die Entfaltung der individuellen Potenziale. Wie kann man denn im Lernalltag jedem Individuum auch nur annähernd gerecht werden?

Es geht nicht, wenn Sie wie ein Rasenmäher über eine ganze Gruppe hinwegziehen. Sobald Sie die Schüler zu Objekten machen, können Sie sie nicht „sehen“. Aber Sie erleben es sofort, wenn Sie sich wirklich auf die Begegnung mit jedem einzelnen Schüler einlassen. Dann erkennen Sie seine Potenziale und können ihm die Möglichkeiten geben, diese zu entfalten.

In Österreich haben bereits 400 Schulen ihre Lernstrukturen nach dem Konzept der „Schule im Aufbruch“ umgestellt. Die Deutschen sind da doch eher etwas zögerlich ...

Auch hier wird der Wandel kommen. Viele glauben bisher nur noch nicht, dass es funktionieren kann, weil sie überzeugt sind, dass Menschen nur etwas leisten, wenn Druck auf sie ausgeübt wird. Dass man nur arbeitet, weil man muss. Aber es ist gar nicht aufzuhalten: In 20 Jahren haben Maschinen viele Berufe übernommen. Deswegen ist es wichtig, dass junge Menschen jetzt lernen, ihre Interessen so zu entfalten, dass sie sich immer etwas Neues suchen. Dass sie vorausdenken, bei technischen Innovationen mitgehen. Dass sie auch dann arbeiten, wenn sie nicht müssen. Und das sind dann diese Kinder, die die Welt retten wollen. Die haben genug zu tun. Auch in 20 Jahren noch.

Wie geht es jetzt weiter? Wie sehen Sie die Zukunft der Initiative?

Wir sind im Augenblick dabei, uns mit einer zweiten Schulbewegung zusammenzuschließen, und prüfen gerade, wie das funktionieren kann: Mit den UNESCO-Schulen, die die sogenannten Global Goals verfolgen. Das sind die Bildungsziele für das 21. Jahrhundert, die von der UNO beschlossen wurden. Diese Schulen wollen wir mit den „Schule im Aufbruch“-Schulen zusammenbringen. Die Global Goals wurden immerhin auch von der Bundesregierung unterzeichnet. Und gemeinsam können wir das Bildungssystem neu justieren, das Lernen neu strukturieren und unsere Kinder auf die Herausforderungen der Zukunft vorbereiten.

Das Schule im Aufbruch-Logo
Schule im Aufbruch
  • Gründer:

    Margret Rasfeld, Gerald Hüther, Stephan Breidenbach und Monia Ben Larbi

  • Zahlen:

    Derzeit haben sich knapp 50 Schulen in Deutschland der Initiative „Schule im Aufbruch“ angeschlossen und ihre Strukturen nach dem neuen Lernkonzept ausgerichtet. Eine Übersicht aller Schulen auf www.schule-im-aufbruch.de. In Österreich dagegen sind bereits fast 400 Schulen „aufgebrochen“.

  • Weiterführende Infos:

    Wie Schulen eine Lernkultur der Potenzialentfaltung schaffen können, beschreibt der „Schule im Aufbruch-Kompass“ sehr ausführlich. Margret Rasfeld schildert in ihrem Buch „EduAction – Wir machen Schule“, wie das Lernen an ihrer Gemeinschaftsschule Berlin Zentrum funktioniert, und erklärt ihre Schul-Philosophie und deren Umsetzung.

  • Aktuelle Veröffentlichungen:

    In „Rettet das Spiel!“ von Gerald Hüther und Christoph Quarch wird deutlich, wie wichtig die Freiräume sind, in denen Kinder ihre eigenen Lernprozesse gestalten.