11. Oktober 2017
Menschen | Ulm/Schwäbisch Gmünd

Die Ideen von morgen

Junge Gründer brauchen Mut, Beratung und ein gutes Netzwerk. Hilfe bekommen sie dabei durch die Initiative „Startup-Region Ulm“. Zum Auftakt unserer Serie verraten Artur Nägele und Michael Reichert vom StarterCenter der Industrie- und Handelskammer Ulm (IHK), warum die Stadt auf Start-ups setzt und was eine Visitenkarten-Party ist.

Projekte des StarterCenter auf dem Start-up-Gipfel in Baden-Württemberg
Früh übt sich: Die Schülerfirma der Gemeinschaftsschule Langenau stellt Ministerpräsident Winfried Kretschmann und Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut auf dem „Startup-Gipfel Baden-Württemberg“ ihr Projekt vor.
Was macht Ulm zu einer guten Stadt für Gründer?

Nägele: Wir haben in Ulm und Umgebung eine sehr aktive, unkomplizierte Förderstruktur mit kurzen Wegen geschaffen und ein Netz von Unterstützern der Gründerszene, dazu gehört unter anderem die IHK. Aber auch die TFU, das Startup- und Innovationszentrum der Region Ulm/Neu-Ulm, bietet Räume, Infrastruktur und eine weiterführende, branchenübergreifende Beratung der Existenzgründer. Wir im StarterCenter Ulm kümmern uns mehr um die Grundbetreuung. Ulm hat eine starke Wirtschaftsstruktur, deswegen nennen wir uns auch „Spitze im Süden“. Das hat natürlich eine Magnetwirkung, auch auf junge Unternehmer. Für diese bieten wir eine Reihe von Aktivitäten an, wie zum Beispiel den jährlichen Marketingtag, Kreativ-Camps oder Visitenkarten-Partys.

Visitenkarten-Partys – klingt interessant, was hat es damit auf sich?

Reichert: Das ist ein lockeres Get-together bei uns im StarterCenter der IHK, das die Startups zum Netzwerken nutzen können. Vorab erhalten die Teilnehmer farbliche, nach Branchen codierte Namensschilder, damit eine schnelle Orientierung möglich ist. Wir laden jedes Jahr alle Neugründer dazu ein, das Feedback auf diese Veranstaltung war bisher durchweg positiv.

Stichwort Digitalisierung, wie modern ist das StarterCenter?

Nägele: Hier wäre auf jeden Fall die Gründungswerkstatt-Ulm zu nennen. Das ist eine Onlineplattform, auf der Gründer einen Businessplan erstellen können. Kürzlich haben wir auch eine digitale Plattform für die „Startup-Region Ulm“ angelegt. Dies geschah allerdings nach dem typischen Startup-Motto: „einfach loslegen“. Deswegen muss man, was die Optik betrifft, etwas nachsichtig sein. Ziel der Plattform ist es, den Startups ein Gesicht zu geben. Außerdem sollen der Austausch untereinander und die Weiterentwicklung der regionalen Startups damit gefördert werden.

Was glauben Sie, was macht Ulm sonst noch besser als andere Städte?

Nägele: Wir beginnen sehr früh damit, den Unternehmergeist zu fördern. Das tun wir bereits in den Schulen mit dem Projekt Schülerfirma & Co. Wir zeigen Kindern und Jugendlichen, wie spannend es sein kann, selbst ein Unternehmen zu gründen. Unter dem Motto „Auf den Chefstuhl, fertig, los!“ haben wir zum Beispiel einen Businessplan-Wettbewerb für Schüler gestartet. In diesem Rahmen wurden sogar einige Schülerfirmen gegründet – zum Beispiel ein Schülercafé.„Ein erfolgreicher Gründer sieht dort Chancen, wo andere Probleme sehen.“Michael Reichert, Gründungsberater beim StarterCenter Ulm

Im Interview: Artur Nägele und Michael Reichert vom StarterCenter Ulm
Erste Anlaufstelle für Start-ups: Das Team vom StarterCenter Ulm. Die Gründungsberater Michael Reichert, Jutta Peschel und Leiter Artur Nägele (von links).
Auf welchem Gebiet gibt es die meisten Gründer?

Nägele: Die meisten Neugründungen finden in unserer Region im Dienstleistungsbereich statt, gefolgt von Handel und Industrie.

Wie erfolgreich arbeiten die Firmen?

Nägele: Auch hier gibt es eine erfreuliche Entwicklung. Während der Erfolg der Neugründungen, gemessen in Marktbeständigkeit nach drei Jahren im Jahr 2006 nur bei 59,3 Prozent lag, sind es 2015 bereits 66,1 Prozent. Das liegt sicher daran, dass früher häufiger mangels anderer Alternativen auf dem Arbeitsmarkt gegründet wurde. Heute sind es eher die Problemlöser-Mentalitäten, die den Schritt in die Selbstständigkeit wagen.

Welche persönlichen Eigenschaften muss denn ein Gründer mitbringen, um Sie zu überzeugen?

Reichert: Er sieht dort Chancen, wo andere Probleme sehen. Er sollte also lösungsorientiert denken. Mut, Eigeninitiative, Durchhaltevermögen und Risikobereitschaft sind ebenfalls wichtig. Aber vor allem sollte er für sein Vorhaben brennen!

Haben Sie einen Tipp für junge Menschen, die ein Startup gründen wollen?

Reichert: Man sollte seinen Businessplan selbst erstellen, denn man wächst bei der Planung, und es entstehen Ideen, zum Beispiel wenn man seine Zielgruppe erläutern soll. Dabei wird einem dann auch schnell klar, ob ein Aspekt vielleicht noch mal genauer überdacht werden sollte. Auch potenzielle Gründer ohne wirtschaftlichen Background sollten sich unbedingt einen Businessplan erstellen.

Doch gerade die werden vor dem Zahlenteil vielleicht zurückschrecken ...

Reichert: Das brauchen sie nicht, denn so schwierig ist es gar nicht. Auf unserer Plattform der Gründungswerkstatt Ulm bieten wir außerdem ein kostenloses Planungstool an, mit dem man Schritt für Schritt online den eigenen Businessplan entwickeln kann. Dabei stehen, falls gewünscht, Berater der IHK als Online-Tutoren begleitend zur Seite.

Welches sind die spannendsten Startups, die Sie derzeit unterstützen?

Nägele: Oh, da gibt es viele. Da ist zum Beispiel Sovit, ein Powerdrink, der aus rein natürlichen Zutaten besteht. Gründer Alexander Reiber konnte diesen sogar schon in den Regalen überregionaler Supermarktketten erfolgreich positionieren. Spannend ist auch Fund your Farmer. Das Startup bietet eine Online-Plattform als digitalen Marktplatz für Erzeuger, Verarbeiter und Verbraucher an.

Wer ist mutiger in Sachen Selbstständigkeit, Männer oder Frauen?

Nägele: Nach wie vor sind Männer in der Mehrzahl, was die Neugründungen betrifft, das könnte daran liegen, dass viele Startups technikorientiert sind. Dieses Phänomen gibt es ja bereits in den technikaffinen Studiengängen, wo das Geschlechterverhältnis ebenfalls oft unausgeglichen ist. Doch Frauen holen zum Glück langsam auf, sie nähern sich einem Anteil von 40 Prozent, und wir versuchen auch das gezielt zu fördern.