11. Mai 2017
Menschen

Einmal Weltall und zurück

Marvin Stahlmann hat die Erdatmosphäre erkundet – mithilfe eines Wetterballons und einer Kamera in einer Styropor-Box. In rund 39.000 Meter Höhe entstanden beeindruckende Aufnahmen. Dafür erhielt der junge Entdecker die Auszeichnung „Menschen 2016“.

Als die Styropor-Sonde langsam in den Himmel aufsteigt, geht für den 14-jährigen Marvin Stahlmann ein Traum in Erfüllung. Marvin will seine Heimatstadt Aachen und die Region gerne mal von oben sehen. Und mit oben meint der Schüler nicht den Ausblick von einer Aussichtsplattform oder einem Hochhaus. Er will höher hinaus. Am liebsten bis an den Rand des Weltalls. Und dann kommt endlich sein großer Tag: Mit einer Bausatz-Konstruktion lässt Marvin einen Wetterballon rund 39 Kilometer in die Höhe aufsteigen. Sein Ziel: Er will mindestens ein Viertel der Erdoberfläche mit seiner Kamera aufnehmen.

Der junge Entdecker Marvin Stahlmann sitzt während eines Interviews im Rahmen der Gala „Menschen 2016“ im Mercedes-Benz Center Aachen neben dem Chef vom Dienst des Zeitungsverlag Aachen, Amien Idries.
Im Interview mit Amien Idries (r.), Chef vom Dienst des Zeitungsverlags Aachen, spricht Marvin Stahlmann während der Gala „Menschen 2016“ über sein Wetterballon-Experiment.

Viereinhalb Stunden Videomaterial zeichnete die Kamera während ihres Fluges mit dem Wetterballon auf. Die Rheinische Post veröffentlichte einen Zusammenschnitt beeindruckender Momente.

Ein Projekt für die ganze Familie

Bis zu diesem Moment war es ein weiter Weg. Auf der Videoplattform Youtube hatte Marvin ein Wetterballon-Experiment aus den Vereinigten Staaten gesehen. „Das wollte ich auch machen“, sagt er. Einmal Richtung Weltall und zurück: Diese ehrgeizige Idee war nur mithilfe der ganzen Familie umzusetzen. Vater Michael Stahlmann, der die Begeisterung seines Sohnes für die unendlichen Weiten des Alls teilt, Mutter Martina und Marvins Großvater Alfred Haamann waren voll in das Projekt involviert. Aufgrund behördlicher Auflagen sah es lange Zeit so aus, als könnte das Vorhaben scheitern. Es gab reichlich Papierkram zu erledigen und rechtliche Hürden zu nehmen. Bis die luftfahrtbehördliche Genehmigung für das Wetterballon-Experiment bei den Stahlmanns ankam, dauerte es mehrere Monate.

„Für das Experiment wurde der Flugverkehr umgeleitet.“Michael Stahlmann

Raumsonde Marke Eigenbau

Verkehrsflugzeuge fliegen in einer Höhe von etwa 10.000 Metern. Auf ihrem Weg in Richtung Weltall musste Marvins Styropor-Sonde mit der Größe eines Schuhkartons diesen Luftraum passieren. „Für das Experiment wurde der Flugverkehr umgeleitet“, so Michael Stahlmann. Als die behördlichen Fragen geklärt waren, stand zunächst der Bau der Sonde an. Marvin: „Wir haben einen Bausatz bei einer Firma aus Norddeutschland bestellt.“ In einer Styropor-Box, der späteren Sonde, befestigte er eine kleine Sportkamera mit zusätzlichen Akkus, baute einen sogenannten Datenlogger zur Aufzeichnung von Luftdruck, Luftfeuchtigkeit, Höhe, Innen- und Außentemperatur sowie zur Verfolgung der Flugroute via GPS ein. Gesamtgewicht: zwei Kilogramm. In die Luft gehoben wurde die Sonde von einem mit Helium gefüllten Wetterballon, der sich während des Fluges auf bis zu zwölf Meter Durchmesser weitete. Schon nach rund 30 Minuten Flugzeit hatte das unbemannte Flugobjekt den Luftraum der Verkehrsflugzeuge passiert. Insgesamt dauerte der Aufstieg rund eineinhalb Stunden, bis der Ballon in 39.474 Meter Höhe am Rande der Stratosphäre platzte. Befestigt an einem Fallschirm segelte die Styropor-Box mit ihrer Kamera zurück Richtung Erde.

Marvin Stahlmann steht im Mercedes-Benz Center Aachen vor einem weißen Cabriolet. In den Händen hält er seine Styropor-Sonde, die er an einem Wetterballon befestigt bis in die Stratosphäre aufsteigen ließ.
Marvin Stahlmann
  • Alter:

    14

  • Schule:

    Einhard-Gymnasium Aachen

  • Hobbys:

    Weltraum, Raumfahrt, Jugendfeuerwehr

  • Berufswunsch:

    Astronaut oder Feuerwehrmann

Dreitägige Bergung mithilfe einer Drohne

Insgesamt dauerte der Flug über drei Stunden. Per Computer wollten die Stahlmanns die Route der Sonde nachverfolgen und sie am Boden aufspüren. „Das hat nicht ganz so geklappt, wie wir uns das vorgestellt haben“, blickt Marvin zurück. Erst nach sechs Stunden meldete der Tracking-Sender ein Signal. Die Höhenwinde hatten die Sonde ins 120 Kilometer von Aachen entfernte Lahnstein geweht. „Wir sind ins Auto gestiegen und losgefahren. Vor Ort dauerte die Suche mehrere Stunden. Die Sonde hing in einem Baum.“ Nachdem die Lage mit einem professionellen Drohnenpiloten aus der Luft erkundet worden war, half ein Förster bei der Bergung. Nach drei Tagen war die Familie zurück in Aachen und wertete das Bild- und Filmmaterial aus. „Die Aktion hat jede Menge Spaß gemacht, und es sind tolle Aufnahmen entstanden“, resümiert der junge Entdecker.

Eine beeindruckende Reise in Bildern

Astronaut Gerhard Thiele wird auf das Experiment aufmerksam

Das Experiment des damals noch 13-Jährigen zog große Aufmerksamkeit auf sich. Zeitungen berichteten, und für seinen Entdeckergeist wurde Marvin bei der Gala Menschen 2016 in der Mercedes-Benz Niederlassung Aachen ausgezeichnet. Darüber hinaus hat sich sogar ein echter Astronaut bei den Stahlmanns gemeldet. Michael Stahlmann: „Gerhard Thiele, der im Jahr 2000 mit dem Spaceshuttle Endeavour vom Kennedy Space Center in Florida gestartet ist, will Marvin kennenlernen.“ Für Marvin vielleicht der nächste Schritt Richtung Traumberuf – denn natürlich möchte auch er Astronaut werden.