03. Mai 2016
Reise | Ulm/Schwäbisch Gmünd

Bauen für die
Ewigkeit

Im letzten Jahr konnte das Ulmer Münster Jubiläum feiern – 125 Jahre war es her, dass Steinmetze den höchsten Kirchturm der Welt fertiggestellt hatten. Und auch nach dem Jubiläumsjahr sind die Bauarbeiten am Ulmer Münster in vollem Gange.

„Wir versuchen, so viel wie möglich im Originalzustand zu erhalten“, erklärt Michael Hilbert. Der 54-Jährige ist Münsterbaumeister und seit fast drei Jahren für die Restaurierung des evangelischen Gotteshauses verantwortlich. Noch heute sind mehr als 50 Prozent der verbauten Außensteine original. Hilbert sagt, das liege an den vergangenen Restaurierungskampagnen, die in den letzten 400 Jahren an der Kirche durchgeführt worden sind. Auch während der Baupause vom 16. bis zum 19. Jahrhundert wurden Steine erneuert. Wie viel Originalmaterial es am Ende der laufenden Restaurierung, im Jahr 2022, sein wird, kann Hilbert noch nicht sagen.

Zwei Jahre haben allein die Voruntersuchungen am Ulmer Münster gedauert. Dabei haben die Experten jeden Stein – im wahrsten Sinne des Wortes – unter die Lupe genommen. Mit speziellen Geräten wurden die Blöcke, ihre Oberfläche und Struktur durchleuchtet. Die „guten“ werden vor Ort ausgebessert, die „schlechten“ müssen ersetzt werden. Dazu legt in der Münsterbauhütte direkt neben dem Bauwerk ein 19-köpfiges Team aus Steinmetzen, Steintechnikern, Schreinern usw. Hand an.

Das Ulmer Münster: Entstehung und Geschichte des Ulmer Münster, der Bürgerkirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt
Ulm Münster Baumeister Michael Hilbert
Als Münsterbaumeister ist Michael Hilbert seit drei Jahren verantwortlich für die Restaurierung des evangelischen Gotteshauses.

Ein Leben lang am Münster bauen

Emil Kräß ist einer dieser Handwerker. Seit 30 Jahren arbeitet der gelernte Steinmetz am Ulmer Münster. Früher für die normale Instandhaltung, jetzt im Rahmen der Restaurierung. Mit sicheren, schnellen Griffen überträgt er die Fräskanten von einer Schablone auf den weißgrauen Stein, der vor ihm steht. „Das wird der Knauf einer Kreuzblume“, erzählt er. Schon vor dem ersten Meißelschlag steht genau fest, wo das Schmuckelement platziert wird.

Direkt neben dem erfahrenen Steinmetz arbeitet das jüngste Mitglied der Münsterbauhütte. Ausgestattet mit dicken, gelben Ohrenschützern und einer Staubschutzbrille fräst Dorothee Hager an einem Stein, der mal ein Wasserspeier in Form eines Pferdekopfes werden soll. Die Maße für ihr Projekt ermittelt sie am Original mit einem speziellen Gerät aus Holz- und Metallstreben. So weiß sie genau, an welcher Stelle des Rohlings sie wie viel Material wegmeißeln darf. „Das ist die Aufgabe meiner Abschlussprüfung“, sagt sie. Nach der Steinmetz-Ausbildung will sich die junge Frau auf die Bildhauerei spezialisieren.

Noch sind alle Arbeitsplätze in der Bauhütte besetzt, aber das wird sich bald ändern. „Ab April gehen wir wieder auf die Baustelle“, sagt Baumeister Hilbert. Im Winter werden die Steine vorbereitet. Im Sommer werden sie verbaut. Ein harter Beruf trotz aller technischer Hilfsmittel. Der Steinstaub beim Meißeln, der Lärm und Rückschlag der elektrischen Hämmer, das Gewicht der Steine, die Gefahr beim Montieren in luftiger Höhe. All das belastet die Gesundheit. Und doch lieben die Handwerker ihren Beruf.

Steinmetzin Dorothee Hager modelliert einen neuen Wasserspeier.
Steinmetzin Dorothee Hager modelliert einen neuen Wasserspeier in Form eines Pferdekopfes als Teil ihrer Gesellenprüfung.

Schließlich bauen sie hier für die Ewigkeit

Wer einmal am Münster mitgebaut hat, bleibt ihm verbunden. „Wir haben viele Ehemalige, die uns noch heute helfen.“ Mit ihrem Wissen über die größte evangelische Kirche Deutschlands stellen diese Ehrenamtlichen pro Jahr rund 500 unterschiedliche Führungen auf die Beine.

Das Ulmer Münster zieht Jahr für Jahr Hunderttausende Besucher an. Sie erleben die beeindruckende Baugeschichte, faszinierende Kunstwerke aus dem Spätmittelalter und der Gotik sowie mehrere Kirchenbau-Rekorde. Viele lassen es sich auch nicht nehmen, die über 750 Stufen des höchsten Kirchturms der Welt zu erklimmen.

Um das Gesamtkunstwerk, als das Michael Hilbert seine „Baustelle“ bezeichnet, aber in voller Pracht zu erkennen, hat der Baumeister einen ungewöhnlichen Tipp: „Fahren Sie an den Stadtrand, in die Berge. Erst wenn Sie 10 bis 15 Kilometer weit weg sind, können Sie überhaupt sehen, wie schön das Münster ist. Von Nahem ist diese Ästhetik überhaupt nicht zu erfassen.“

Ulmer Münster

In der Kirche der Superlative kann man neben Turm und Kirchenbau auch Musik bewundern. Während der Öffnungszeiten können Besucher an verschiedenen Führungen teilnehmen oder Konzerte besuchen. Der Turm kann auch während der Veranstaltungen bestiegen werden. Finden Konzerte statt, kommt man nur mit Eintrittskarte ins Münster. Die genauen Sommer- und Winter-Öffnungszeiten sowie weitere Informationen zum Programm findet man unter: www.ulmer-muenster.de

Fotos: © Jan Scheutzow

Ulmer Münster

Ulmer Münster

Das Ulmer Münster ist die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt und die größte evangelische Kirche in Deutschland.

Das Münster lädt ein zu Gottesdiensten und Andachten, zu Konzerten und kulturellen Veranstaltungen, zu Besichtigung, Führungen und Turmbesteigung.

Münsterplatz 1A
89073 Ulm