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Reise | Bremen - 06. November 2019

Der Hauch der Geschichte
Denkmalpflege in Bremen

Bremen hat viel Geschichte und noch mehr Geschichten geschrieben. Als Leiter des Landesamts für Denkmalpflege sucht und bewahrt Georg Skalecki mit seinem Team deren Spuren für die Zukunft.

Herr Skalecki, der Bremer Denkmalpflegepreis wurde gerade verliehen. Wie war der Wettbewerb 2019?

Erfreulich war, dass es zahlreiche hochwertige Bewerbungen gab und die prämierten Arbeiten eine schöne Vielfalt darstellen. Damit wurde das Spektrum der Denkmalpflege bestens abgedeckt: von einer Kirche aus dem Mittelalter bis zu gründerzeitlichen Bauten und von der Architektur der 1950er-Jahre über moderne Architektur bis hin zu einer Parkanlage. Die Verleihung des Denkmalpflegepreises 2019 hat erneut gezeigt, wie hoch der Stellenwert der Denkmäler in unserer Stadtgesellschaft mittlerweile ist. Mit dem Preis ehren wir das besondere Engagement an Denkmälern aller Art in vier Kategorien: Architekten und Ingenieure, Handwerksbetriebe, öffentliche und private Bauherren sowie Einzelpersonen und Vereine, die sich mit ehrenamtlichem Engagement für den Erhalt eines Denkmals eingesetzt haben. Insgesamt konnten wir fünf Preise und fünf besondere Anerkennungen überreichen.

Was fasziniert die Menschen heute noch so an Denkmälern?

Viele Menschen sind auf der Suche nach dem „Echten, Wahren“, dem Authentischen, das sie in der heutigen Zeit so sehr vermissen. Denken Sie beispielsweise an einen Dom oder auch ein imposantes Industriedenkmal: Hier wird man in gewisser Weise vom Hauch der Geschichte berührt, das hat fast etwas Spirituelles.

Was sind aus Ihrer Sicht die größten Schätze von Bremen?

Da muss man sicherlich die Highlights Rathaus und Roland nennen, die nicht umsonst seit 2004 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehören. Ein weiteres denkmalgeschütztes Touristenidyll ist unser Bremer Schnoor, das im vergangenen Jahr von der New York Post sogar unter die zehn interessantesten Straßen der Welt gewählt wurde. Aber in Bremen und Bremer­haven gibt es noch viel mehr zu entdecken und zu schützen. Die wenigsten wissen zum Beispiel, dass die Getreideverkehrsanlage in der Überseestadt unter Schutz steht, eine monumentale Landmarke. Das gilt ebenso für das Aus- und Fortbildungszentrum am westlichen Ende der Wallanlagen.

„Wir schützen einen Querschnitt unserer Geschichte. Der muss nicht unbedingt schön sein.“ Georg Skalecki

 

Welche Kriterien legen Sie bei der Definition des Schützenswertens an?

Die reine Ästhetik spielt dabei keine Rolle: Wir schützen einen Querschnitt unserer Geschichte. Der muss nicht unbedingt schön sein, sondern erhaltenswert, weil etwa typisch für die Zeit. Man denke nur an die Beton­architektur der 60er-Jahre.

Professor Dr. Georg Skalecki leitet das Bremer Landesamt für Denkmalpflege
Georg Skalecki leitet seit 2001 das Bremer Landesamt für Denkmalpflege.
Was fällt neben solchen Gebäuden noch in Ihren Arbeitsbereich?

Wir betrachten nicht nur Gebäude oder ganze Gebäudeensembles, sondern beispielsweise auch Gartenanlagen, selbst wenn deren Anzahl im Land Bremen überschaubar ist. Auch die lokale Automobil­geschichte ist bestens dokumentiert, ebenso wie andere Branchen und Industriezweige, welche unsere Stadt geprägt haben. Wer möchte, kann sich in unserer Denkmaldatenbank ausführlich über den aktuellen Bestand informieren.

Was hat es mit dieser Datenbank auf sich?

In der Denkmaldatenbank werden alle derzeit 1.808 Kulturdenkmäler des Landes Bremen in Wort und Bild vorgestellt. Sie wird ständig aktualisiert und ist auf regelmäßigen Zuwachs angelegt: Wir schieben immer eine Bugwelle vor uns her, die wir abarbeiten müssen. Als ich 2001 die Leitung des Amtes übernommen habe, gab es in dieser Richtung noch nichts. Aber ich konnte Mitarbeiter für das Projekt gewinnen und begeistern, und so ist es uns gelungen, das analoge Wissen zu erfassen und digital umzusetzen. Nach zwei Jahren konnten wir im Juni 2004 online gehen.

Wie bewerten Sie die aktuellen architektonischen Entwicklungen?

Da können wir uns nur überraschen lassen, was in der Retrospektive wirklich schützenswert war oder ist. Wir betrachten die Dinge aktuell mit einem zeitlichen Versatz von rund dreißig bis vierzig Jahren. Das bedeutet auch, dass meine Nachfolger möglicherweise anders urteilen als wir heute.

Was sind Ihrer Meinung nach die größten Sünden?

In der zweiten Renovierungsphase nach dem Krieg wurde leider viel abgerissen und viel falsch gemacht. Das lief unter dem Begriff „Stadtsanierung“. Teilweise wurde der Altbaubestand rigoros durch Trassen zerschnitten und den Stadtplanungsideen und Straßenachsen geopfert. Und Hochhäuser innerhalb einer historischen Altstadt sind immer ein Problem, vor allem wenn sie mit ihrer Wuchtigkeit die flachen und kleinen alten Gebäude marginalisieren. Aber sie standen eben damals für Fortschritt und Prosperität.

Es ist aber nicht alles schlecht, oder?

Nein, natürlich gibt es auch positive Beispiele. Zu nennen sind hier etwa die harmonischen Maßnahmen, mit denen die Kunsthalle organisch erweitert wurde. Und ich bin mir sicher, dass der Neubau der Bremer Landesbank in dreißig, vierzig Jahren unter Schutz gestellt wird. Das Gebäude fügt sich einfach in Form und Materialität wunderbar ins Ensemble ein. Sicher ist es von Vorteil, dass wir vom Landesamt für Denkmalpflege bei solchen Umbauprojekten in der Regel mit in die entsprechenden Ausschreibungsverfahren eingebunden sind.

Und wenn ich als Privatpersonen in einem schützenswerten Objekt wohne?

Ist ein Objekt gefunden, folgen Orts- und Fototermine, das Studium von Plänen und umfassende Recherchen. Wir sprechen dann mit den Eigentümern, die manchmal etwas zögerlich reagieren, und beraten diese intensiv, auch was die Fördermöglichkeiten angeht. Die gibt es in Form von Bargeld, aber auch durch steuerliche Abschreibung. Und oftmals kommen die Eigentümer so zu qualitativ hochwertigen Lösungen, die der historischen Bedeutung des jeweiligen Bauwerks gerecht werden.