08. September 2017

Im Bus nach Istanbul

Über Autobahnen, Bundesstraßen und Schotterwege, durch sechs Metropolen, mit zahlreichen Konzerten: Die Komische Oper Berlin hat sich mit dem Projekt „Selam Opera!“ auf eine musikalische Tour nach Istanbul begeben. Auf der alten Route der südosteuropäischen Gastarbeiter.

Die Strecke ist mehr als 3.000 Kilometer lang und führt über die Stationen Berlin, München, Wien, Belgrad und Sofia nach Istanbul. Die Musiker der Komischen Oper Berlin haben sich vor einigen Monaten auf die ehemalige Gastarbeiterroute gemacht. Im Gepäck: eine einzigartige Musiktheater-Revue. Ihr Fahrzeug war der sogenannte Operndolmuş, eine Mercedes-Benz V-Klasse. Auf der Strecke, die in den 1960er-Jahren viele Menschen nutzten, um zur Arbeitsstadt im damaligen Westdeutschland zu kommen, oder – umgekehrt – um in die ursprüngliche Heimat zurückzukehren, spielte das kleine Ensemble des Berliner Musentempels mit den Motiven von Heimat, Sehnsucht und fernem Glück.

Die Komische Oper Berlin

Und das alles im Operndolmuş, dessen Name sich von der türkischen Bezeichnung für Sammeltaxi ableitet. An Bord: eine Sopranistin, ein Tenor und drei Musiker mit Ihren Instrumenten – Violine, Kontrabass und Bajan, die osteuropäische Variante des Akkordeons. Dazu noch Requisite. Denn keine Oper ist perfekt ohne die Bühne, auf der das Schicksal spielt. Die Musik wurde aus den großen Opern entnommen und auf die kleine Besetzung des Begleitorchesters umgeschrieben.

Dabei bot das Ensemble Musik und Gesang – von der italienischen Oper bis zum Jazz der wilden 1920er-Jahre – für ganz unterschiedliche Zuschauer, etwa im türkisch-bulgarischen Frauenverein oder in der Nachbarschaftsgruppe im Münchener Stadtteil Hasenbergl. Unterstützt wurde der Operndolmuş von der Kulturstiftung des Bundes, der Deutsche Bank Stiftung, der Robert Bosch Stiftung und der Mercedes-Benz Niederlassung Berlin. Sie stellte den Musikern eine V-Klasse zur Verfügung, die das Ensemble sicher und komfortabel beförderte. Auf einer musikalischen Reise in sechs Stationen.

An jedem Ort wurde eine komplette Opernaufführung geboten, die mit allem Drum und Dran, mit aller Theatralik und Dramatik aus dem Bus gezaubert wurde, vielmehr aus dem Operndolmuş. Der Dolmuş ist in der Türkei aber nicht nur ein Sammeltaxi, sondern ein Ort, an dem sich Menschen mit ihren Geschichten, Ideen und Schicksalen zusammenfinden, geeint lediglich durch das gemeinssame Reiseziel. Hier waren es Sänger und Musiker mit ihren Instrumenten. Die Bretter, die die Welt bedeuten, fanden sich an den Etappenorten der musikalischen Reise.

Feierliche Verabschiedung der Komischen Oper Berlin im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“
DOLMUŞ ON TOUR: SELAM OPERA!
  • Dolmuş-Besetzung:

    5 Musiker

  • Instrumente:

    Violine, Kontrabass, Bajan

  • Reiseroute:

    > 3.000 Kilometer

  • Etappen:

    Berlin, München, Wien, Belgrad, Sofia, Istanbul

Berlin war die erste Station der Komischen Oper Berlin auf ihrer musikalischen Reise im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“

Berlin: Vorhang auf!

„Su gibi gidin, su gibi gelin.“ Frei übersetzt bedeutet dieses türkische Sprichwort: „Wasser, das fließt, findet immer seinen Weg zum Ziel.“ Mit diesen Worten verabschiedet man in der Türkei Menschen, die auf eine lange, weite Reise gehen. Dazu schüttet man Wasser aus. Mit dieser Tradition und all den guten Wünschen sagte der Operndolmuş in Berlin „Auf Wiedersehen! Güle, güle!“ und machte sich auf den Weg nach Istanbul: der Aufbruch in ein einzigartiges Opernprojekt.

Dokumentiert wurde das Projekt der Komischen Oper durch ein Videotagebuch.

Abschied in Berlin an Tag 1. Die Komische Oper Berlin begleitete ihre musikalische Reise von Berlin nach Istanbul im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“ durch ein Videotagebuch. Weitere Beiträge aus dem Videotagebuch gibt es auf dem Blog der Komischen Oper Berlin.

Das Siegestor in München bei Dämmerung und Abendverkehr

München: Ouvertüre

Oper an ungewöhnlichen Orten, um Menschen zu begeistern – das ist das Ziel des Operndolmuş.

Erste Station war im Münchener Norden das Kulturzentrum an der Blodigstraße. Die lokale Presse lobte die Vorstellung und das Engagement des Ensembles. Besonders für die Idee, „… dort etwas aufzuführen, wo nichts ist“. Wobei sich das „nichts“ auf die Oper bezieht und die Möglichkeit, Menschen durch ungewöhnliche Formen der Aufführung für diese Form der Theaterkunst zu begeistern.

Wien war die dritte Station der Komischen Oper Berlin auf ihrer musikalischen Reise im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“

Wien: Applaus

Nächster Halt: Wien, die Stadt der Klassik, der Oper und Operette, die Heimat von Volksoper und Staatsoper. In der Donaustadt machte die Musikrevue Station in Ottakring, dem alten Arbeiter- und Industriebezirk der österreichischen Hauptstadt, der gerne mit dem Berliner Bezirk Kreuzberg verglichen wird.

An einem launigen Frühsommerabend gastierte das Ensemble in der Volkshochschule und traf auf ein internationales Publikum, das für den Ausflug in die klassische Musik mit lang anhaltendem Applaus dankte. Es zeigte sich schnell, dass Musik eine Sprache ist, die jeder versteht. Selbstredend wurden auch Melodien und Lieder aus der Wiener Klassik aufgespielt. Als Reminiszenz an die Stadt und ihre einzigartige Musikszene.

Warum haben Sie ausgerechnet die „Gastarbeiterroute“ zum Thema gemacht?

Weil es in unserem neuen Zuhause Berlin immer ein spektakuläres Abenteuer für alle Gastarbeiterfamilien war, diese Route einmal im Jahr zu befahren. Sie verbindet uns alle, die ursprünglich aus der Türkei kommen. Damit ist es gleichzeitig ein Thema, was uns in dem Projekt „Selam Opera!“ beschäftigt: Geschichten, die uns alle vereinen, bei denen es sich lohnt, sie wieder hervorzuholen. Sie haben in der ersten und zweiten Gastarbeitergeneration unsere Identität geprägt und wirken noch heute nach. Das muss einfließen in eine Kulturarbeit, die die Menschen in einer bunten Stadt wie Berlin erreichen möchte.
Die Karawanen der in ihr Herkunftsland zurückkehrenden Gastarbeiter, mit Kind und Kegel an Bord, sind nicht nur ein verbindendes Thema für diese Menschen. Auch für diejenigen, die uns immer dabei zugeschaut haben, wie wir diese beschwerliche Strecke Ferien für Ferien auf uns genommen haben, um in die Heimat unserer Eltern und Großeltern zu gelangen.„Ich bin ein gebürtiger Berliner und meine Familie, meine Freunde leben hier. Also bin ick en Berliner!“Mustafa Akca

Mustafa Akca
Was hatten Sie für die Menschen, die Sie auf Ihrer Tour besucht haben, in Ihrem Gepäck?

Ganz klar unser Musiktheater und unseren Elan, unser Engagement und die Neugierde auf das sehr gemischte Publikum, das jedes Mal ein anderes war. Ach, und Pralinen natürlich. Wir haben aber auch Geschenke bekommen: nämlich Anekdoten und Erzählungen rund um das Reisen, um Heimat, um Zerrissenheit, Liebe, Leid, Hoffnungen und vieles mehr. So sind wir zurückgekehrt mit zahlreichen Geschichten im Gepäck, die es sich lohnt in Musik zu verwandeln. Um dann mit dem „Operndolmuş“ der Komischen Oper Berlin durch die Stadt zu fahren und an besonderen Orten Anlässe für Begegnungen zu schaffen: zwischen der universellen Kultur des Musiktheaters und den Menschen im Kiez und zwischen den Menschen untereinander.

Für welche Heimat haben Sie sich entschieden?

Ich bin ein gebürtiger Berliner und meine Familie, meine Freunde leben hier. Also bin ick en Berliner!

Gab es eine besondere Herausforderung?

Jedes Teammitglied hatte natürlich seine ganz persönlichen Herausforderungen, auf unbekanntem Terrain, auf einer Reise durch die verschiedenen Länder und Kulturen. Meine war es, sicherzustellen, dass wir auch wirklich an alles gedacht haben, zu prüfen, was noch zu organisieren ist, damit alles klappt, welche Hürden und Hindernisse zu beseitigen oder zu umgehen sind. All diese Dinge.

Das Parlamentsgebäude in Belgrad bei Dämmerung

Belgrad: Die Zuschauer

Station in der serbischen Hauptstadt mit ihrer wechselvollen Geschichte. Auf dem Programm stand ein mehrsprachiges Musikdrama, das sich mit der Zerrissenheit zwischen dem Fern- und Heimweh beschäftigt, nach der Heimat sucht und die Sehnsucht findet. „Dieses Thema wird auf sehr temperamentvolle und lebendige Art und Weise von Johannes Dunz (Tenor) und Julia Domke (Sopran) aufgegriffen“, schrieb Annika Glunz von der Tageszeitung taz. Und weiter: „Juri Tarasenók ist so sehr eins mit seinem Bajan, dass man den Eindruck hat, es würden gleich mehrere Instrumente auf einmal gespielt, Arnulf Balhorn gibt auf dem Kontrabass gern zwischendurch Trommeleinlagen und Andreas Bräutigam begleitet mit seiner Violine die Aufs und Abs der Stimmungen.“

Die Komische Oper Berlin begeisterte das Publikum auf ihrer musikalischen Reise im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“
Die Komische Oper Berlin begeisterte das Publikum auf ihrer musikalischen Reise im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“

Es brauchte keine Bühne an diesem Abend, denn die Sänger überwanden immer wieder die unsichtbare Barriere zum Publikum. Sie bezogen es ein, schickten es selbst auf die Reise. Die Freude, die das Ensemble ausstrahlte, und die ansteckende Wirkung, die es auf die Zuschauer hatte, bestärkten die Darsteller in ihrer Spontaneität und in ihrem Improvisationstalent – vor allem dann, wenn es darum ging, unerwartete Reaktionen des Publikums in das Bühnengeschehen einfließen zu lassen. Und die Zaungäste ließen sich mitnehmen, begeistern und entführen in eigene Erinnerungen – wenn etwa Zuschauer der Revue zu Zeitzeugen wurden, die von ihrer Reise in die Heimat Türkei oder das unbekannte Westdeutschland der 1960er-Jahre berichteten.

Eine Dreiviertelstunde dauerte die Revue. Dann senkte sich der Vorhang. Applaus gab es reichlich von einem Publikum, das begeistert darüber war, dass die Oper auf ihrer Reise ausgerechnet zu ihnen kam.

Sofia war die fünfte Station der Komischen Oper Berlin auf ihrer musikalischen Reise im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“

Sofia: Playlist

Dramaturgin Johanna Wall zum Roadmovie: „Wir haben uns auf die Suche nach Geschichten über die Gastarbeiterroute gemacht und sind auf Themen gestoßen, die uns bekannt vorkamen – und zwar aus den großen Werken der Operngeschichte von ihren Anfängen bis ins 20. Jahrhundert. Es sind die Geschichten über Fernweh und Abenteuerlust, Überforderung, Sehnsucht auf eine bessere Zukunft, aber auch von Heimweh und der Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen.“

In der Show traf Monteverdis abenteuerlustiger Ulisse auf Mozarts lockende Idomeneo-Eletta, Dvořáks hin- und hergerissene Rusalka auf Tschaikowskys entsagenden Lenski. Zum Schluss kam schließlich der urlaubsreife Kasulke aus Nico Dostals Operette Clivia zu Wort: „Man muss mal ab und zu verreisen.“ Regisseurin Anisha Bondy verlor nicht das Ziel der Revue aus den Augen und zollte der Endstation ihren Respekt: So sang Sopranistin Julia Domke den berühmten Song „Daglar Daglar“ und auch einen Teil der berühmten Carmen-Habanera auf Türkisch.

Ein Ausschnitt. Den gesamten Dokumentarfilm zur Opernreise gibt es auf dem Blog der Komischen Oper Berlin.

Istanbul war die letzte Station der Komischen Oper Berlin auf ihrer musikalischen Reise im Rahmen des Projekts „Selam Opera!“

Istanbul: Das große Finale

„Dass man ein Stück vom Globus kennt“: Nach zehn Tagen war der Operndolmuş am Ziel in Istanbul, in der Metropole am Bosporus, in der Stadt, die zwei Kontinente miteinander verbindet. Auf seiner Fahrt hat der Opernbus 3.000 Kilometer hinter sich gelassen, sieben Länder bereist, sieben aufregende Orte besucht – jeder davon einzigartig. Doch Ziel war immer Istanbul. „Es war so, als ob der Dolmuş zu Hause angekommen ist“, sagt Mustafa Akca, Leiter des Projekts „Selam Opera!“

Die Idee des Operndolmuş ist nicht neu. Seit vier Jahren ist er bereits unterwegs. Doch bislang tourte er vor allen Dingen durch Berliner Kieze, in denen viele Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen leben. Die V-Klasse ist ein ganz besonderer Teil geworden des interkulturellen Projekts „Selam Opera!“.

Julia Domke vor dem Operndolmuş der Komischen Oper Berlin
Am Ziel: In Istanbul endete die Reise. Für die Musiker war der Auftritt am Bosporus das große Finale ihrer Tour.
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