23. März 2018

Liebling Leipzig

Keine Stadt wächst schneller, jedenfalls nicht in Deutschland. Alle wollen in die Sachsenmetropole: Studenten, Start-ups, junge Familien – Touristen sowieso. Leipzig ist der Aufsteiger. In einem Rutsch von unter „ferner liefen“ zur hippen Metropole.

Was ist so einzigartig, was macht das besondere Leipzig-Gefühl aus? Vielleicht ist es der Mix aus Hochkultur und Underground, wie die Bloggerinnen von Kiss & Tell im Interview erklären. Und stimmt ja auch – Gewandhausorchester und coole Clubs sind kein Gegensatz. Auerbachs Keller, bekannt aus Goethes „Faust“, und kleine inhabergeführte Cafés: kein Gegensatz. Kunstgalerien, Modeateliers und Hinterhof-Anarcho-Szene: passt perfekt. Das kann aber noch nicht alles sein. Am besten man probiert es selbst aus, lässt sich treiben durch Sachsens Kreativzentrale. Leipzig erleben, das heißt das Zentrum erkunden, durch die Stadtteile Plagwitz und Lindenau, durch die Südvorstadt und Connewitz ziehen und im Leipziger Neuseenland abhängen.

Die ehemaligen Buntgarnwerke an der Weißen Elster in Leipzig.
Leipzig erleben – zum Beipiel in Plagwitz an der Weißen Elster.

Plagwitz, Südvorstadt, Connewitz

Vielleicht sollte man erst einmal erwähnen, dass Leipzig ziemlich grün ist. Also jede Menge Platz bietet, um in Parks und sogar Wäldern auf frische Gedanken zu kommen. Irgendwo muss das kreative Potenzial ja herkommen. Wer Leipzig erleben will, macht es wie die Stadtbewohner: Wenn die Tage wärmer und die Nächte kürzer werden, zieht es sie raus an den Stadthafen oder an einen der Kanäle, die die Stadt auf über 200 Kilometern durchziehen, oder in einen der Parks. Wer nicht weiß, wohin, kann es mal mit der Sachsenbrücke probieren. Die optisch eher schlichte Stahlbeton-Fußgängerbrücke verbindet das Zentrum und den Clara-Zetkin-Park mit dem Westen der Stadt und ist im Sommer ein beliebter Treffpunkt.

Vegan oder Art déco

Die Sachsenbrücke liegt strategisch günstig zwischen Südvorstadt und Plagwitz. Die beiden Stadtteile haben auch Besuchern viel zu bieten. Vor allem wenn man Lust hat auf Ateliers, kleine Restaurants, Cafés und ausgefallene Vintage-Läden. In der Südstadt ist die Karl-Liebknecht-Straße erste Anlaufstation. Ob im Art-déco-Café Grundmann oder im veganen Restaurant Zest, das Viertel ist bunt und studentisch. Fast schon Kulturprogramm ist ein Besuch in der Distillery. Im dienstältesten Techno-Club der neuen Bundesländer wird seit 1992 getanzt.

Leipzig erleben mit Kunst

Spätestens jetzt wird es Zeit, sich von alten Vorstellungen zu lösen: leer stehende Häuser, graue DDR-Tristesse – das ist Vergangenheit. Andererseits muss man wohl sagen, ohne diese Vergangenheit und ohne die abgewickelten Industrieareale wäre Leipzig auch nicht das, was es ist. Es gäbe auch nicht dieses Gefühl, hier könnte man ein wenig kreativer sein, spontaner und freier. Genau das ist der Eindruck, den man in der Spinnerei in Plagwitz bekommt. In der ehemals größten Baumwollspinnerei Kontinentaleuropas arbeiten Künstler wie Hans Aichinger, Tilo Baumgärtel, Matthias Weischer und Neo Rauch. Ob man das jetzt „Neue Leipziger Schule“ nennt oder nicht, die Kunstszene der Stadt ist mittlerweile weltberühmt. Und – was noch wichtiger ist – sehr lebendig. Ständig zeigen junge Talente ihre Sicht der Dinge und dabei spielt es keine Rolle, ob das auf der Leinwand stattfindet, auf einer Bühne im Biergarten oder in den Räumen einer leer stehenden Fabrik. Leipzig erleben – dazu gehört also auch ein Blick in Galerien und Ausstellungsräume.

Leipzig erleben, zum Beispiel in der Kulturfabrik Werk II in Connewitz.

Die Lifestyle-Bloggerinnen

Franzi (Franziska Müller) und Steffi (Stephanie Schmidt) sind von Leipzig begeistert. Deshalb haben sie 2013 den Lifestyle-Blog Kiss & Tell gegründet. Man könnte auch sagen, es ist ein ausgewachsenes Online-Magazin mit spannenden Tipps und Interviews. Was sagt ein Local Hero wie Franzi? Wo lässt sich Leipzig authentisch erleben?

Worum geht es in eurem Blog?

Wir sind in Leipzig geboren, waren zwischendurch auch woanders in der Welt unterwegs. Wir sind aber sehr gerne wiedergekommen und wollen mit unseren Lesern schöne Dinge teilen, die wir in der Stadt entdecken. Das können Cafés sein, schöne Restaurants, neue Läden. Alles, was uns inspiriert und wir schön finden. Daher auch der Name Kiss & Tell. Neben Steffi und mir schreiben mittlerweile auch Gastautoren, Leute, die so ähnlich wie wir ticken, die einen ähnlichen Geschmack haben. Jeder hat sein spezielles Thema, womit er sich besonders gut auskennt.

Was sind denn deine Lieblingsthemen?

Interviews mit spannenden Leuten. Das kommt in unsere Kategorie Local Heroes. Das ist auch die beliebteste Kategorie auf unserem Blog, weil wir da Menschen vorstellen, die meistens selbstständig sind, und das aus einer Leidenschaft heraus. Das können ganz unterschiedliche Leute sein. Vom Cupcake-Bäcker über eine Modedesignerin bis zu einem Tischler oder jemand, der eine tolle Floristik macht, da sind wir überhaupt nicht festgelegt.

Wie findet ihr die Adressen, diese Menschen, seid ihr viel in der Stadt unterwegs?

Am Anfang war es so, dass wir durch Zufall Läden entdeckt und die Leute einfach angesprochen haben. Daraus haben sich auch tolle Freundschaften entwickelt. Mittlerweile ist es aber schon so, dass wir viele Tipps bekommen, Freunde schicken uns Fotos, wenn sie gerade unterwegs sind, oder wir bekommen E-Mails wie: „Stellt doch mal den oder den vor.“

Du bist selbst ein Local Hero, was macht deiner Meinung nach Leipzig als Stadt aus?

Ja, also Leipzig hat eine spannende Kreativszene, sehr viel Kunst und Kultur. Der Mix ist für mich das Besondere. Hier gibt es Hochkultur, aber auch Underground. Wir haben coole Clubs, coole Bars, viele Bands, du kannst in die Oper gehen, ins Gewandhaus, und dieser grelle Mix, gepaart mit den Menschen der Stadt, den vielen Studenten, die etwas Neues ausprobieren wollen, das ist schon einzigartig. Es werden auch viele Start-ups gegründet, es gibt tolle Unternehmen, die hier gestartet sind und die sich bewusst für Leipzig entschieden haben. Auch die Stadt an sich ist total schön – mit zahlreichen Parks und einem riesengroßen Wald. Die Lebensqualität ist hier einfach unglaublich hoch.

Die Leipzig-Bloggerinnen von Kiss & Tell, Stephanie Schmidt und Franziska Müller
Leipzig erleben – für die Lifestyle-Bloggerinnen von Kiss & Tell ist das mittlerweile ein Beruf. Stephanie Schmidt (links) und Franziska Müller sind nach wie vor von der Stadt begeistert.
Welche Stadtviertel sind im Moment besonders angesagt?

In den letzten Jahren ist das eindeutig der Leipziger Westen, also vor allem Plagwitz, dort haben wir auch unser Büro im Westwerk, das ist ein altes Industriegebäude. Wenn man als Tourist nach Leipzig kommt, sollte man sich das Viertel auf alle Fälle anschauen, da gibt es auch den Karl-Heine-Kanal, die Karl-Heine-Straße mit vielen kleinen Läden und Restaurants, Künstlerateliers. Das ist wirklich schön. Für die Leipziger selbst ist das jetzt fast schon an einem Punkt, wo es gar nicht mehr so angesagt ist, und die Viertel, die in der nächsten Zeit kommen werden, sind eher im Osten. Zum Beispiel in Reudnitz, da passiert gerade unheimlich viel, ist jetzt aber noch nicht so, dass man als Tourist da entlanggeht und sagt, oh wie toll, das ist gerade im Umbruch.

Leipzig erleben – Insidertipps von „Kiss & Tell“

Marshalls Mum

Das ist unser Lieblingscafé. Es war auch das erste, das wir in unserem Blog vorgestellt haben – mit den besten Cupcakes der Stadt. In der Südvorstadt, August-Bebel-Straße 1.
www.marshallsmum.de

Hafen

Unsere Anlaufstelle, wenn wir Geschenke brauchen. Da gibt es wunderschöne Papeterien, Schallplatten und viel Handgemachtes. In Plagwitz, in der Karl-Heine-Straße 75.
www.hafen-leipzig.de

Spinnerei

Das ist zwar kein Geheimtipp mehr, aber das Gelände mit seinen Ateliers und Werkstätten muss man einfach gesehen haben. Auch Leipziger können hier immer wieder was Neues entdecken.
www.spinnerei.de

Leipzig erleben auf die klassische Tour: Im Innern der Thomaskirche.

Leipzig auf die klassische Tour

Oder doch erst mal ins Zentrum? Hier taucht man ein in die Geschichte der Messe-, Verlags-, Handels-, Kunst- und Musikstadt Leipzig. Das alte Rathaus gilt als eines der schönsten Renaissance-Gebäude in Deutschland. 1556 wurde mit dem lang gestreckten Bau begonnen. Im Innern wartet das Stadtgeschichtliche Museum mit einem prächtigen, über 50 Meter langen Festsaal. Ganz in der Nähe sollte man auch einen Blick in die Mädlerpassage werfen. Die Einkaufsmeile ist schon älter als 100 Jahre und beweist wie die vielen schönen Gründerzeitfassaden im Zentrum, dass Leipzig im 19. Jahrhundert eine der wichtigsten Städte des Landes war.

Erste Liga auch in der Kultur

Im Zentrum liegen die Highlights dicht beieinander. Nur einen Block weiter steht die größte Kirche der Stadt, die Nikolaikirche. Kommt einem irgendwie bekannt vor? Klar, die Kirche war eines der Epizentren der friedlichen Revolution von 1989. Die Gebete, die damals viele Tausend Menschen mobilisierten, finden übrigens noch immer statt, jeden Montag um 17 Uhr. Musikliebhaber verbinden die Nikolaikirche wahrscheinlich mit dem Wirken des großen Johann Sebastian Bach. Als Kantor war er für die musikalische Leitung der Nikolai- und der Thomaskirche verantwortlich. Klassische Musik spielt auch heute noch eine wichtige Rolle im Kulturleben: Die Thomaskirche mit dem weltberühmten Thomanerchor, das Opernhaus und das Gewandhaus mit seinem ebenso berühmten Orchester gehören zur 600.000-Einwohner-Stadt wie die Leipziger Buchmesse oder Auerbachs Keller, bekannt aus Goethes „Faust“.

Aufs Dach der Stadt

Um einen entspannten Überblick über all die Highlights zu bekommen, lohnt sich ein Blick von der Aussichtsterrasse des City-Hochhauses. Der 142 Meter hohe „Uniriese“ ist gar nicht zu übersehen und ein Wahrzeichen der Stadt wie das Völkerschlachtdenkmal, das man von der Plattform ebenso erkennen wie eine große Wasserfläche im Süden. Dorthin geht es im nächsten Kapitel.

Leipzig erleben: Dazu gehört auch der Cospudener See im Süden der Stadt.

Raus an den See

Immer nur Stadt muss auch nicht sein. Nicht in Leipzig, denn vor den Toren der Sachsenmetropole warten schöne Seen: das Leipziger Neuseenland. Am Cospudener See, der beliebtesten Badewanne der Städter, fühlt man sich fast wie an der Nordsee. Jedenfalls wenn man sich in den feinen Sand am Nordufer legt. Sachsens größter Sandstrand soll es sein – na gut, so viele Sandstrände gibt es im Bundesland wohl auch nicht.

Vom Baggerloch zum Badeparadies

Wenn man das Treiben am See verfolgt, kann man sich kaum vorstellen, dass das Freizeitidyll noch ziemlich jung ist. Eigentlich handelt es sich beim Cospudener und den anderen neun Seen um sogenannte Restlöcher. So nennt man die riesigen Vertiefungen, die beim Braunkohleabbau entstehen. Im Jahr 2000 war der Cospudener See geflutet und wurde offiziell eröffnet. Die Seenlandschaft wird sich auch in den nächsten Jahren weiter entwickeln: Weitere Restlöcher werden geflutet und Verbindungen zwischen ihnen angelegt. Das freut die Kanu- und Bootsfahrer. Die können sogar direkt von der Stadt aus ins Seenland fahren.

Kleine Flucht, große Freiheit

Am „Cossi“, wie die Leipziger sagen, frönt anscheinend jeder seiner Leidenschaft. Die einen gehen baden und relaxen am Strand, die anderen schippern im Segelboot übers Wasser oder brutzeln Bratwürste auf einer Grillinsel, die speziell für diesen Zweck gemietet werden kann. Natürlich kann man auch Rad fahren, joggen, spazieren gehen, surfen und tauchen. Oder staunend übers Wasser schauen und sich fragen, warum man nicht in Leipzig lebt.

Leipzig erleben – Abendtimmung am Cospudener See
Früher Braunkohleabbau, heute einfach romantisch – Abendstimmung am Cospudener See.
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