04. Juni 2018
Sport | Köln/Leverkusen

Berti Vogts:
„Wir gehören zum Favoritenkreis!“

Als Spieler Weltmeister, als Trainer Europameister – kaum ein deutscher Fußballer kann eine vergleichbare Erfolgsbilanz aufweisen wie Berti Vogts. Im Interview spricht der „Terrier“ vom Niederrhein über die aktuelle Entwicklung der DFB-Elf, die Aussichten für eine Titelverteidigung bei der WM 2018 in Russland und seine Leidenschaft für sportliche Autos.

Die Mitarbeiter der Mercedes-Benz Niederlassung Köln/Leverkusen sind es gewohnt, dass Fußballprominenz durch die Ausstellungshallen am Standort in Leverkusen läuft. Zahlreiche Spieler von Bayer Leverkusen gehören zum Kundenstamm. Vor wenigen Minuten ist erst Nationalspieler und WM-Teilnehmer Julian Brandt vom Hof gefahren, da betritt Berti Vogts zusammen mit seinem Sohn Justin den Schauraum. Justin Vogts holt seinen neuen Mercedes-Benz GLA ab. Sein Vater freut sich auf seine neue E-Klasse von Mercedes-AMG, die in ein paar Wochen geliefert wird.

Auch auf der Rennstrecke sportlich unterwegs

Ex-Bundestrainer Berti Vogts mag kraftvolle Autos, ähnlich wie so mancher Teamkamerad bei Borussia Mönchengladbach in den 1970er-Jahren. „Ich habe mir damals ein Duell mit Günter Netzer geliefert, wer das schnellere Auto hat. Zu der Zeit bin ich mit Hans Heyer, dem ehemaligen Rennfahrer und guten Freund von mir, häufig zum Nürburgring gefahren und über die Rennstrecke geprescht“, erzählt Vogts gerade, als ihn ein Kunde und Fußballfan erkennt und in ein kurzes Gespräch verwickelt. Der Korschenbroicher antwortet freundlich und ist fast ein wenig überrascht, dass nicht nach einem Selfie gefragt wird. Während Justin Vogts sein neues Fahrzeug begutachtet, ist Zeit für ein wenig Fachsimpelei zur anstehenden Fußballweltmeisterschaft in Russland.

Berti Vogts über Überraschungen, Ehrgeiz und Dreierkette

Berti Vogts versucht sich am Tischkicker.
Fußball und schnelle Autos – zwei Leidenschaften von Berti Vogts.
Herr Vogts, Sie waren selbst anwesend, als der DFB den vorläufigen Kader für die kommende WM 2018 in Russland bekannt gegeben hat. Hat Sie auch überrascht, wer alles nicht im erweiterten Kader auftaucht? Es sind ja nur noch neun Weltmeister von 2014 dabei.

Die Scouts des DFB haben sich die deutschen Spieler über die ganze Saison angeschaut. Einige von ihnen waren einfach nicht in der Form von vor vier Jahren.

Der Ehrgeiz, sich immer verbessern zu wollen, hat Sie als Spieler auch ausgezeichnet …

Ja. Aber das ist für einen Abwehrspieler, wie ich es war, einfacher als für einen Stürmer. Ich konnte auf dem Platz viel mit Willen erreichen. Außerdem wurde ich gefordert von meinen Gegenspielern. Ich hatte ja meist eine Spezialaufgabe, wie zum Beispiel Gerd Müller auszuschalten. Heute wissen die Stürmer gar nicht mehr, wie es ist, in eine harte Manndeckung genommen zu werden.

Weil heute meist mit Vierer- oder Dreierkette gespielt wird …

Wobei die Dreierkette totaler Blödsinn ist. Es wird behauptet, dass dies unglaublich offensiv sei, dabei läuft es darauf hinaus, dass bei einer Dreierkette noch zwei Abwehrspieler davorstehen. Zusammen mit dem Mittelfeld hat man dann sieben Leute in der Abwehr. Ich habe den Eindruck, dass das die Taktik vieler deutscher Vereine ist: Hauptsache, nicht verlieren.

Ist das Ihr Eindruck aus der Bundesliga?

Die Bundesliga ist – Bayern München ausgenommen – im europäischen Vergleich nur Mittelmaß. In der Champions League und Europa League sind alle deutschen Mannschaften früh ausgeschieden. Offensiv passiert da zu wenig. Schauen Sie sich einmal an, mit welchem Tempo die Spieler ohne Ball in England oder Frankreich in die freien Räume sprinten. Das habe ich etwa bei meinem alten Verein Borussia Mönchengladbach in dieser Saison nicht gesehen. Ich hoffe für unsere Elf, dass Jogi Löw in den drei Wochen Vorbereitung die Jungs auf internationales Level einstellen kann. Ich hatte damals als Trainer vor der WM 1994 ja nur zehn Tage mit der Mannschaft.

Auf wen freuen Sie sich im aktuellen WM-Kader besonders?

Ich bin gespannt, wie sich Youngster wie Leon Goretzka und Timo Werner machen. Außerdem freue ich mich, dass Marco Reus endlich fit ist bei einer WM. Er kann mit seiner hohen Geschwindigkeit und seiner Aggressivität beim Gegner viel Verwirrung stiften.

Wo sehen Sie Schwachstellen im deutschen Team?

In der Position vor der Abwehr sind wir dünn besetzt. Sami Khedira kann vor der Viererkette spielen, aber wenn er ausfällt, wird es eng. Eventuell kann Antonio Rüdiger von Chelsea einspringen. Trotzdem: Ich zähle unsere Elf als Titelverteidiger ganz klar zum Favoritenkreis.

Berti Vogts lacht beim Interview.
Während Berti Vogts als Spieler seiner Borussia aus Mönchengladbach über 15 Jahre die Treue hielt, weist seine Trainerkarriere einige – teils exotische – Stationen auf.
Wer gehört noch dazu?

Top-Favorit ist in meinen Augen Frankreich. Sie besitzen ganz viel Talent, sind schnell, selbstbewusst und spielen einen schönen Fußball. Auch Spanien und Brasilien haben in den Testspielen gegen unsere Elf gezeigt, dass mit ihnen zu rechnen ist.

Wie schätzen Sie Deutschlands Gegner in der Gruppe F ein?

Mexiko wird anders auftreten als noch beim Confed Cup. Sie verfügen über sehr gute Fußballer, die alle in internationalen Vereinen spielen. Allerdings haben sie auch viel Respekt vor uns. Südkorea hat sich in Asien gegen viele andere starke Teams durchgesetzt. Auch sie sind nicht zu unterschätzen. Und Schweden halte ich für unseren stärksten Gegner in unserer Gruppe. Wichtig wird sein, uns als Gruppenerster fürs Achtelfinale zu qualifizieren. Nur so können wir Brasilien aus der Gruppe E im Spielplan aus dem Weg gehen.

Sie kennen die Drucksituation bei einer WM als amtierender Champion: 1978 als Spieler und 1994 als Trainer. Woran ist die Titelverteidigung jeweils gescheitert?

1978 hatten wir eine ganz andere Mannschaft als beim Titel 1974. Damals kam es ja zum Eklat nach dem gewonnenen Finale in München. Nachdem wir sieben Wochen in Sportschulen quasi einkaserniert waren, durften wir unsere Frauen nicht zum Siegerbankett mitbringen – im Gegensatz zu den Holländern. Mir war das egal, weil ich nicht verheiratet war. Aber viele Mannschaftskameraden sind auf die Barrikaden gegangen und haben ihren Rücktritt erklärt. Da ist viel kaputt gegangen. Hinzu kam 1978, dass Spieler, die bei einem Verein im Ausland unter Vertrag waren, nicht für den DFB antreten durften. Resultat: Wir haben in Argentinien nur ein Spiel gewonnen!

Und die WM 1994 in den USA?

Damals gab es eine Blockbildung innerhalb der Mannschaft. Da waren die Weltmeister von 1990, die neuen Spieler aus der ehemaligen DDR und die jungen Talente aus der Bundesliga. Außerdem gab es noch andere Auseinandersetzungen am Rande. Aber das ist ja die Stärke von Jogi Löw und Oliver Bierhoff: Heute ist alles bedacht und geregelt – von den Masseuren bis zur Unterbringung. Da gibt es keine Unwägbarkeiten mehr.

Jupp Heynckes, Ihr ehemaliger Teamkollege bei Borussia Mönchengladbach, stand im Alter von 73 Jahren noch an der Seitenlinie. Sie sind anderthalb Jahre jünger. Juckt es Sie manchmal noch in den Fingern?

Nein. Bis vor Kurzem war ich ja noch Berater für den US-amerikanischen Fußballverband. Es gibt immer mal wieder Trainer-Angebote, zum Beispiel aus der Türkei oder China. Aber das ist mir zu weit weg. Es kann aber durchaus sein, dass ich noch mal als Berater aktiv werde.

Der Kicker von Mercedes-Benz ist variabel in den Aufstellungen.
Die Karriere von Hans-Hubert „Berti“ Vogts
  • Stationen als Spieler

     

    VfR Büttgen: vor 1965
    Borussia Mönchengladbach: 1965–1979

  • Erfolge als Spieler

     

    Weltmeister: 1974
    Europameister: 1972
    Vize-Europameister: 1976
    UEFA-Pokalsieger: 1975, 1979
    Deutscher Meister: 1970, 1971, 1975, 1976, 1977
    Deutscher Pokalsieger: 1973
    Fußballer des Jahres in Deutschland: 1971, 1979

  • Stationen als Trainer

     

    Deutschland U21: 1979–1990
    Deutschland: 1990–1998
    Bayer Leverkusen: 2000–2001
    Kuwait: 2001–2002
    Schottland: 2002–2004
    Nigeria: 2007–2008
    Aserbaidschan: 2008–2014

  • Erfolge als Trainer

     

    Vize-Europameister: 1992
    Europameister: 1996