01. November 2018
Sport | Frankfurt/Offenbach

EMS: Booster für
die Muskeln

EMS: Diese drei Buchstaben elektrisieren die Fitness-Welt. Die elektrische Muskelstimulation verspricht effizientere Work-outs, mehr Muskeln und mehr Ausdauer. Wearable Life Science macht das Training nach diesem Prinzip überall flexibel einsetzbar – mit Sportkleidung, die es in sich hat. Wir haben das Start-up in Frankfurt besucht und die Methode getestet.

Wer bei neuen Fitness-Trends zuerst an kalifornische Strände denkt, ist auf der falschen Spur. Der Weg zu Wearable Life Science führt durch das Frankfurter Bahnhofsviertel und einen engen Hinterhof. Am Ende einer schmalen Treppe öffnet sich die Tür zur Firmenzentrale des Start-ups. In dem loftartigen Büro sitzen junge Menschen an einfachen Schreibtischen und schauen auf bunte Notebooks. Unter dem Schreibtisch der HR-Chefin hat es sich ein Hund gemütlich gemacht und räkelt sich in der Morgensonne. Über all dem wacht der Kopf einer Antilope, der von der Wand auf das Geschehen herabblickt.

Das flinke „Reh der Savanne“ Afrikas hat den Produkten der Wearable Life Science ihren Namen gegeben. Unter dem Markennamen Antelope.Club entwickelt und vermarktet das junge Unternehmen Sportbekleidung für das mobile EMS-Training. „Damit lässt sich das Kraft- und Ausdauertraining zeitsparend und effektiver gestalten“, sagt Antonio Gatti Balsarri. Der Schweizer ist Investor und Chef von Wearable Life Science. „Faster fitter, faster faster, faster stronger“, verspricht das Start-up den Nutzern seiner High-Tech-Sporttextilien. „Studien zeigen eine signifikante Steigerung der Muskelmasse im Vergleich zu Kontrollgruppen, die dasselbe Training ohne EMS durchführen“, berichtet die Sportwissenschaftlerin Lisa Niersberger, die als Personal Trainerin für das Unternehmen tätig ist. Und das alles mit der Kraft des Stroms.

Antelope.Club ist der Markenname der Produkte für das EMS-Training von Wearable Life Science.
Die Antilope gab der Marke ihren Namen. Sie steht für Schnelligkeit und Ausdauer.

Ein Training, das unter die Haut geht

EMS steht für „elektrische Muskelstimulation“ oder „Elektro-Myo-Stimulation“ und nutzt einen Effekt, den der italienische Arzt Luigi Galvani vor über 200 Jahren entdeckt hat: Durch elektrische Impulse von außen lässt sich die Muskulatur kontrolliert zum Kontrahieren bringen – genauso wie es das Gehirn beim konventionellen Krafttraining macht. Da der Muskel nicht unterscheiden kann, ob der elektrische Impuls vom Gehirn oder von außen gesendet wurde, führen beide Reize zum gleichen Ergebnis: Der Muskel wächst. EMS soll den Trainingseffekt um bis zu 40 Prozent steigern. In der Rehabilitation beispielsweise wird das Verfahren schon seit Jahrzehnten eingesetzt.

Seit einigen Jahren hält EMS auch Einzug in spezielle Fitness-Studios. „Allerdings fehlt der koordinative Reiz, deshalb sollte EMS mit koordinativ anspruchsvollen Übungen kombiniert werden“, so Gatti Balsarri. „Dieses funktionelle EMS-Training ist in Studios aber nicht immer umsetzbar.“ Die Geräte sind zudem sehr teuer. So entstand die Idee des mobilen EMS-Trainings von Antelope.Club. Mit der intelligenten Sportbekleidung lässt sich das zeitsparende Training immer und überall ausführen – ob beim Joggen im Wald, im heimischen Wohnzimmer oder auf Dienstreisen. Bereits seit etwa zwei Jahren sind das Tank-Top und die Calf-Guards, eine Art Stulpen, erhältlich, mit denen sich Bauch- und Rücken- beziehungsweise die Wadenmuskulatur ansprechen lassen. Antelope.Club lässt die Textilien in Europa produzieren, entwickelt wurden die Produkte in Deutschland.

EMS Training im antelope-Syle
Ruhmeshalle: An der Kudo Wall teilen die Kollegen mit, was sie aneinander schätzen.

Ein langer Weg bis ans Ziel

Vor wenigen Wochen hat Antelope.Club nach mehrjähriger Entwicklungsphase sein neuestes Highlight vorgestellt, den Antelope.Suit. Der hautenge Anzug mit dem Antilopen-Signet auf der Brust erinnert an die körperbetonten Outfits von Superhelden. Und er hat es in sich: Dank seiner integrierten Elektroden lassen sich die acht wichtigsten Muskelgruppen stimulieren – Bauch, Brust, Nacken, Rücken, Oberarme, Beinbizeps, Quadrizeps und Gesäß.

Bis der High-Tech-Anzug marktreif war, hat es fast vier Jahre gedauert. 2014 hatten der EMS-Pionier Kay Rathschlag, der Unternehmer Philipp Schwarz und der Sportwissenschaftler Patrick Thumm die Wearable Life Science GmbH gegründet, das Unternehmen hinter Antelope.Club. Seitdem räumten sie etliche Preise für ihre Idee ab. 2015 stieg Antonio Gatti Balsarri ein, der innovative Unternehmen aus dem Textilbereich unterstützt – zunächst als Investor, seit Mai 2018 ist er einer von zwei Geschäftsführern bei Wearable Life Science.

Auch bei der Finanzierung beschritt das Start-up neue Wege. So konnten sich Fans über eine Crowdfunding-Plattform einen Anzug vorbestellen und auf diese Weise die Entwicklung mitfinanzieren – zugleich ein Test, wie das Produkt bei der Zielgruppe ankommt. Innerhalb von vier Monaten kamen rund 1,6 Millionen Dollar zusammen – eine der erfolgreichsten Kampagnen. „Leider hat die Entwicklung länger gedauert, als wir dachten, aber wer sich an Crowdfunding beteiligt, weiß, dass er in einen Prototyp investiert“, berichtet Gatti Balsarri. Inzwischen hätten aber alle Geldgeber in Europa ihren Anzug erhalten. „Nun können wir den Antelope.Suit in unserem Online-Shop jedermann anbieten.“ Genau das Richtige für all jene, die es an kalifornische Strände zieht und die ihren Körper vorher in Form bringen wollen.

Die Elektroden stimulieren beim EMS-Training im antelope-Style zusätzlich die Bauch- und Rückenmuskulatur.
Gute Figur: Das Tank-Top war eines der ersten beiden Produkte von Antelope.Club.

 

Über das unscheinbare schwarze Gerät und die Elektroden lassen sich bis zu acht Muskelgruppen ansprechen. EMS Training im antelope-Style.
Einfach elektrisierend: Der Booster setzt den Körper unter Strom und stimuliert die Muskeln.

Die richtigen Impulse setzen

Natürlich wollen wir wissen, ob die EMS-Bekleidung hält, was sie verspricht, und spürbar Wirkung zeigt. Personal Trainerin Lisa meint es gut mit uns und reicht uns ein Tank-Top in Größe M. Nach einem verzweifelten Versuch, den Reißverschluss zu schließen, entscheiden wir uns doch für L. Lisa erklärt, wie die Silikon-Elektroden mit dem Booster verbunden werden. Hinter dem handlichen schwarzen Gerät verbirgt sich die Schaltzentrale für das mobile EMS-Training. Er versorgt die Elektroden mit Strom und fungiert als Bindeglied zwischen ihnen und der Antelope.App, mit der sich die Stromimpulse steuern lassen. Dazu muss zunächst das Smartphone über Bluetooth mit dem Booster verbunden werden. Hat man das erledigt und einen Gesundheitshinweis abgehakt, kann man über die Oberfläche der App die Intensität des Stromimpulses für jede einzelne Muskelgruppe individuell einstellen. Schon als Lisa 10 Prozent einstellt, kribbelt es in der Bauchmuskulatur. Bei 20 Prozent zieht sie sich spürbar zusammen. „Beim Training nimmt man den Impuls weniger stark wahr“, beruhigt sie.

Die Antelope.App ist für die Betriebssysteme iOS und Android erhältlich. EMS-Training im antelope-Sytle.
Gezieltes Training: Mit der App lassen sich die unterschiedlichen Muskelgruppen beim Training gezielt ansprechen, auch die Intensität ist individuell steuerbar.

Ein Muskelkater macht noch keine Strandfigur

Als Nächstes zeigt sie uns ein paar Übungen, die sich mit dem eigenen Körpergewicht überall ausführen lassen. Wir kommen schon beim Zuschauen ins Schwitzen. „Wichtig ist, dass man die Übungen im Rhythmus der Stromimpulse ausführt“, sagt Lisa, während sie ihr rechtes Bein aus dem Vierfüßlerstand ausstreckt. Alle paar Sekunden setzt der Stromimpuls kurz aus. Das ist der Moment, in dem man entspannt und einatmet. Die App bietet drei Modi: Ausdauer, Kraft und Erholung. „Anfangs sollte man das EMS-Training täglich nur wenige Minuten praktizieren und zwischendurch ein paar Tage Pause einlegen.“

Voll motiviert machen wir uns zu Hause gleich am nächsten Tag an das Training – zunächst nur im Erholungsmodus. Denn wenn das EMS-Training so funktioniert, wie es verspricht, müsste man auch dann einen Effekt spüren, wenn man sich einfach mit der Weste auf das Sofa setzt. Tatsächlich macht sich am folgenden Tag ein leichter Muskelkater in der Bauchmuskulatur bemerkbar. Leider trainieren wir in den nächsten Wochen dann doch nicht so intensiv, wie wir es uns vorgenommen haben. Gegen den inneren Schweinehund ist auch EMS machtlos. Zwischendurch hatten wir auch mal Probleme, die neue App aufzuspielen und die Verbindung zum Booster herzustellen. Ein wenig störend fanden wir die Kabel, die lose am Tank-Top baumeln. Doch das Unternehmen hat dazugelernt: Im neuen Antelope.Suit sind die Kabel innen verlegt und der Booster lässt sich am Anzug befestigen. Die ersten Erfahrungen mit EMS und die Berichte von Usern stimmen auf jeden Fall positiv.