28. Mai 2018
Sport | Stuttgart

Sportfotograf Herbert Rudel
Die WM im Sucher

Davon träumt jeder Fan: Fußball hautnah am Spielfeldrand zu erleben. Für Herbert Rudel ist diese Perspektive Berufsalltag. Für das Mercedes-Benz Kundenmagazin öffnet der Sportfotograf sein Archiv und erinnert sich an einzigartige WM-Einsätze und Erlebnisse mit seinem Heimatverein VfB Stuttgart.

Mission fünfter Stern. „Die Mannschaft“ tritt in Russland zur Titelverteidigung an. Auch bei Herbert Rudel steigt die Anspannung. Der Fotograf hat das Nationalteam bei vielen Spielen und Turnieren gesehen und glaubt an die Stärke der Deutschen. Besonders Bundestrainer Joachim Löw, guter Bekannter aus gemeinsamen Stuttgarter Zeiten, wünscht er einen neuerlichen Triumph. Rudel, Jahrgang 1950, dokumentiert seit 1970 Sport mit der Kamera – 80 Prozent Fußball, dazu Handball, Tennis und anderes. Vor allem beim heimischen VfB Stuttgart verpasst der Kunde der Stuttgarter Mercedes-Benz Niederlassung kein Spiel.

Herr Rudel, was macht den Beruf des Sportfotografen aus?

Für mich ist es tatsächlich der Traumberuf – abwechslungsreich, dynamisch, anspruchsvoll und ganz nah am Geschehen im Fußball.

Sie haben Hunderttausende Fußballfotos geschossen. Kann es da überhaupt so etwas wie „das eine beste Bild“ geben?

Ich habe tatsächlich ein Lieblingsbild. Es entstand zur WM 2006 in Deutschland. Damit habe ich den Wettbewerb zum Sportfoto des Jahres in der Kategorie Fußball-WM gewonnen. Kurioserweise ist es keine Spielszene, sondern ein Feuilletonfoto.

Wie kam es zu dem Bild?

Die Public Viewings haben ja sehr stark die Stimmung unseres Sommermärchens 2006 geprägt. Und ein Sponsor hatte mich beauftragt, die Übertragung des Spiels Deutschland gegen Polen auf dem Stuttgarter Schlossplatz zu dokumentieren. Da habe ich meine geplante Reise zum Spiel nach Dortmund abgesagt – auch weil ich bis dahin noch keine öffentliche Live-Übertragung gesehen hatte und das mal erleben wollte. Die Stimmung hat geknistert vor Spannung. Die Fans konnten kaum erwarten, dass das Spiel endlich losgeht. Beim Einlaufen der Mannschaften kochten die Emotionen hoch. Ein einziges Fahnenmeer. Dabei habe ich in der Menge den Jungen im Deutschlandtrikot entdeckt, der auf eine Laterne geklettert war, um besser sehen zu können. Ich habe das Bild „Hurra, wir sind Fan-Weltmeister“ genannt. Die WM in Deutschland, ein Event in Schwaben und dann auch noch der Preis. Das war schon sehr besonders.

Blicken wir mal weiter zurück auf den Beginn Ihrer WM-Karriere ...

Das war 1974 bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Deutschland. Für das Vorrundenspiel der bundesdeutschen Mannschaft gegen die DDR in Hamburg erhielt ich eine Akkreditierung. Mein erstes WM-Spiel. So habe ich das legendäre Tor von Jürgen Sparwasser und die 0:1-Niederlage unserer Mannschaft erlebt, die letztlich ja den Weg zum Titelgewinn ebnete. Beim Finale gegen die Holländer in München war ich leider nicht dabei. Für solche großen Spiele musste man sich in der Riege der Sportfotografen erst hochdienen. Ich hatte zwar schon die Europameisterschaft 1972 in Belgien fotografiert, stand damals aber noch ganz am Anfang meiner Fotografenkarriere. Bei den nächsten Weltmeisterschaften in Argentinien, Spanien, Mexiko und Italien war das dann kein Thema mehr, weil ich mir meinen Status in der Branche erarbeitet hatte.

„Beim WM-Finale 1990 in Rom war es im Stadion ziemlich finster.“Herbert Rudel

Sportfotograf Herbert Rudel Stuttgart Fußball WM-Erlebnisse Mexiko 1986
Sportfotograf Herbert Rudel bei der Fußball-WM 1986 in Mexiko. Der Stuttgarter Fotograf hat in seiner Karriere die deutsche Nationalmannschaft bei vielen Welt- und Europameisterschaften begleitet.
Dann haben Sie auch den nächsten WM-Titel 1990 miterlebt?

Ja, eine Nacht, die ich nie vergessen werde. Und im Grunde genommen war es sogar ein Zufall, dass ich beim Finale in Rom war.

Wieso?

Als selbstständiger Fotograf muss man die Reisekosten aus eigener Tasche zahlen und durch den Verkauf der Bilder decken. So hatte ich aus Kostengründen die WM 1990 ohne das Endspiel geplant und war längst wieder zu Hause. Und dann stand unser Team mit  Franz Beckenbauer tatsächlich im Finale. Ein Münchener Kollege charterte kurzerhand einen Learjet und ich konnte einen der sechs Plätze im Flugzeug ergattern.

Mit dem Flugzeug nur zum Endspiel nach Rom?

So war das damals. Sie dürfen nicht vergessen, dass wir noch analog fotografiert haben. Heute sitzen Sie mit der Digitalkamera und dem Laptop am Spielfeld und senden Bilder in Sekundenschnelle übers Internet in die ganze Welt. Das alles gab es 1990 noch nicht. Wir sind mit unseren belichteten Filmen nach dem Spiel zurückgeflogen, haben die entwickelt und waren mit unseren Bildern hier in Deutschland schneller auf dem Markt als alle anderen.

Haben Sie mehr Erinnerungen an das Spiel oder an die Umstände drumherum?

Eher an die Umstände, denn als Fotograf sehe ich das Spiel mit ganz anderen Augen als ein Zuschauer. Die Dramatik eines Spiels bekomme ich nur bedingt mit, weil ich mich voll auf den Verlauf der Partie in meinem Bereich des Spielfeldes konzentrieren muss. Die nächste Szene könnte die entscheidende sein. Also bloß nichts verpassen. Und ich weiß noch: Bei diesem WM-Finale 1990 in Rom war es im Stadion ziemlich finster. So wenig Licht wäre mit der heutigen Technik kein Problem. Mit den damaligen Dia-Farbfilmen und Objektiven musste man schon richtig gut sein, um die schwierigen Lichtbedingungen zu meistern.

Wie war Ihre Ausbeute?

Den verwandelten Elfmeter von Andy Brehme als Schlüsselszene kurz vor Schluss habe ich richtig gut erwischt. Und danach natürlich auch die Pokalübergabe an Lothar Matthäus. Für mich als Stuttgarter und „Haus- und Hoffotograf“ des VfB ist jedoch ein Foto von Jürgen Klinsmann und Guido Buchwald mein persönliches Highlight des Abends. Jürgen spielte damals zwar schon in Italien, aber wir waren seit seiner Stuttgarter Zeit eng befreundet. Auch Guido Buchwald, der im Finale mit einer super Abwehrleistung Maradona kaltstellte, kannte ich gut. Es war ein besonderer Moment, diese beiden im Glück ihres größten Erfolgs zu fotografieren. Eines meiner emotionalsten Bilder.

Jogi Löws Glatze und ein K. o. von Jens Lehmann

Ihre Wurzeln liegen beim VfB Stuttgart. Wie ging es los?

Das war 1970. Ich machte damals eine Lehre als Werbekaufmann. Mein Bruder, der Fotograf war, hatte von einem Job als freier Sportfotograf bei der Esslinger Zeitung gehört und gab mir den Tipp. Da war ich an den Wochenenden auf den Sportplätzen der Region unterwegs. Auch beim VfB. Trainer war damals Franz Seybold und anschließend Branko Zebec. Seitdem habe ich beim VfB über 40 Trainer vor der Linse gehabt.

Welche Ereignisse waren für Sie die Highlights beim VfB?

Das waren natürlich die großen Erfolge. Bei der Last-Minute-Meisterschaft 1991/92 in Leverkusen saß ich bei Guido Buchwalds 2:1 hinter der Bande. Beim Torjubel ist die ganze Mannschaft auf mich zugestürmt. Die Bande kippte um. Gut, dass ich ein Weitwinkelobjektiv auf der Kamera hatte. So konnte ich die Szene festhalten. Auch die Meisterzeremonie 2006/07 war einzigartig, weil Fernando Meira beim Jubel die Meisterschale falsch herum in die Höhe reckte. Unvergesslich bleibt mir die Feier des Pokalerfolgs 1997. Die Mannschaft hatte gewettet: Nach einem Sieg würde man Trainer Jogi Löw eine Glatze scheren. Beim Empfang auf dem Marktplatz war er fällig, und ich war als Fotograf dabei, als die Haare fielen.

Wie nah sind Sie als Fotograf überhaupt an der Mannschaft dran?

Heute gibt es so etwas wie professionelle Distanz: Man sieht sich, man kennt sich, jeder macht seinen Job, und man erlebt vielleicht auch noch Anerkennung für gute Arbeit. In den 1970er- und 1980er-Jahren war das alles noch ganz anders. Es gab ein deutlich kleineres Medienaufgebot und die Spieler waren weniger abgeschottet. Insgesamt eine viel entspanntere Atmosphäre.

Wie äußerte sich das?

Man unterhielt sich nach dem Training, hat auch mal privat gemeinsam was unternommen. Bei Reisen zu den Spielen und im Trainingslager logierten wir im selben Hotel wie die Mannschaft. Kontakte aus dieser Zeit beim VfB Stuttgart halten bis heute, ob es die Förster-Brüder sind, Fredi Bobic oder Jogi Löw und besonders Jürgen Klinsmann. Ich habe die Karriere von Jürgen seit seiner Zeit bei den Stuttgarter Kickers begleitet. Ihm verdanke ich übrigens auch mein meistgedrucktes Foto. Es entstand im Trainingslager in Costa Rica. Jürgen war ein ganz junger Spund. Am freien Tag haben wir einen Ausflug unternommen. Auf einer Lodge legte er sich in eine Hängematte. Ein tolles Featurefoto, das ihn ganz entspannt zeigt. Und als er immer berühmter wurde, in Mailand, Monaco und London spielte und schließlich Trainer wurde, haben die Medien dieses Bild immer wieder veröffentlicht.

Gab es auch kuriose Augenblicke?

Einmal hat Jens Lehmann mich regelrecht umgehauen. 2010 in der Champions-League-Partie des VfB gegen den FC Barcelona bekam Lehmann im Hinspiel in Stuttgart von Ibrahimović einen Schubser. Er flog über die Bande und voll auf mich drauf, sodass ich rücklings mit dem Kopf auf den Boden knallte. Er hat sich sofort nett um mich gekümmert. Es war nichts passiert, und ich habe ihn einfach wieder in sein Tor geschickt. Nur Fotos habe ich in der Situation leider nicht gemacht.

„Es bringt nichts, wenn Sie als Fotograf nur drauflosballern.“Herbert Rudel

Sportfotograf Herbert Rudel Stuttgart Fußball-WM Erlebnisse
„Der gute Stern begleitet mich überall hin“, sagt Sportfotograf Herbert Rudel. Ehrensache für den Stuttgarter, dass er einen Mercedes-Benz aus der Niederlassung Stuttgart fährt.
Also ein Beruf, der nicht ganz ungefährlich ist ...

Gegen die latente Gefahr, von einem Ball abgeschossen zu werden, gibt es ein probates Rezept: Ich blicke auch beim Fotografieren mit beiden Augen. Mit dem rechten kontrolliere ich im Sucher der Kamera den Ausschnitt des Teleobjektivs auf dem Spielfeld. Gegen die Ballangst behalte ich mit dem linken Auge die Szene auf dem Platz großflächig im Blick, um keine Überraschungen zu erleben.

Was zeichnet einen guten Fußballfotografen aus?

Es bringt nichts, wenn Sie als Fotograf nur drauflosballern. Sie müssen das Spiel lesen können, vorausahnen, was passiert, und dann im richtigen Augenblick abdrücken. Ich erkenne in den ersten zehn Minuten, wie das Spiel läuft und auf wen ich mich konzentrieren muss. Allerdings haben sich auch die Anforderungen der Zeitungen und Magazine an die Fotos verändert. Heute ist vor allem die Schlüsselszene des Spiels wichtig, das Bild muss zur Überschrift der Nachricht passen. Das ästhetisch schöne, fotografisch interessante Sportfoto hat es deutlich schwerer als früher.

Ist es die Qualität des Fotografen oder die Ausrüstung, die das gute Bild ausmacht?

Der gute Fotograf macht den Unterschied. Aber natürlich muss die Ausrüstung stimmen. In den 1970er-Jahren war ich bepackt mit meiner Leicaflex-Kleinbildkamera und etlichen Objektiven für die Schwarz-Weiß-Bilder. Nach 36 Bildern musste der Film gewechselt werden. Zusätzlich benötigte ich eine Mittelformatkamera für Farbfotos. Eine echte Plackerei. Die Digitalfotografie hat unsere Arbeit grundsätzlich verändert. Heute kann ich im Wesentlichen mit dem 100–400 Millimeter Zoom auf meiner Canon arbeiten. Qualität, Autofokus und Lichtempfindlichkeit sind fantastisch. Kehrseite der Medaille ist der enorme Zeitdruck in der digitalen Welt. Bilder sollen in den Online-Medien quasi in Echtzeit veröffentlicht werden.

Sie führen ein Berufsleben mit der Kamera. Wie sieht es denn privat mit dem Fotografieren aus?

Wenn meine Frau und ich Ferien machen, ist die Kamera nie dabei. Urlaub heißt für mich, zur Ruhe zu kommen. Wenn wir zum Beispiel auf Mallorca wandern, muss meine Frau die schönen Erinnerungsfotos mit dem Handy machen.