04. Oktober 2018
Sport | Reutlingen/Tübingen

Freispringer
Parkour in Reutlingen

Spätestens seit der Eröffnung des Parkour-Geländes im Bürgerpark ist der Trendsport in Reutlingen angekommen. Genau genommen geht es dabei aber gar nicht um Sport, sagt der Experte Valentin Herdeg, sondern um ein Gefühl von Freiheit.

Die eingerüstete Fußgängerbrücke, die bei der neuen Stadthalle über die Konrad-Adenauer-Straße führt, kennt wahrscheinlich fast jeder in Reutlingen. Oder den Betonbau am Tübinger Tor, in dem die Ausländerbehörde untergebracht ist. In einem Cityguide Reutlingen hätten diese Spots dennoch keine Chance, genannt zu werden. Sie gehören zum Inventar der Stadtlandschaft. Sie sind da, aber eigentlich nimmt man sie kaum wahr.

Für Valentin Herdeg ist das anders. Der 18-Jährige ist ein Traceur – ein Parkour-Sportler. Für ihn und Tausende andere meist junge Menschen, die sich für diese Disziplin begeistern, sind eine in Betonmauern gefasste Rampe, eine Mauer oder ein Gerüst wie eine Einladung. Sie sind Möglichkeiten, sich in der Bewegung und in der Stadt zu erfahren. Valentin ist trotz seines jungen Alters schon Trainer – beim SV Nehren und für die Stadt Reutlingen. In seiner Heimatstadt Tübingen kämpft er gerade darum, dass auch dort ein Parkour-Park gebaut wird. Im Interview mit dem Mercedes-Benz Kundenmagazin erklärt er, worauf es für ihn bei Parkour wirklich ankommt.

Was ist die Idee von Parkour und was bedeutet der Sport für dich?

Es geht darum, so schnell und so effizient wie möglich über Hindernisse im urbanen Raum zu kommen. Für mich ist es wie spielen. Als Kind ist man auch raus zum Spielen gegangen. Man ist von Baum zu Baum geklettert, man ist irgendwo heruntergesprungen. Wenn Kinder ein Geländer sehen, dann balancieren sie darauf. Irgendwann geht dieses Gefühl verloren, aber wir haben nicht damit aufgehört. Insofern würde ich Parkour auch nicht als eine Extremsportart bezeichnen, sondern wir machen nur das, was wir als Kinder auch schon gemacht haben, nur in anderer Form und etwas weiterentwickelt.

Wie bist du auf den Sport gekommen?

Wir hatten in Tübingen am Gymnasium eine AG, da sind meine Freunde hin. Das fand ich supercool, das wollte ich auch. Dann wurde die AG aufgelöst und ich bin mit den Freunden rausgegangen, wir sind rumgeklettert und gesprungen, wussten aber noch nicht so genau, was wir da machen. Nach und nach haben wir gemerkt, was dahintersteckt, und haben trainiert. So fing das an, und die Gruppe wurde auch immer größer.

Wie viele seid ihr?

In Tübingen sind wir 20 bis 30 Aktive. In Reutlingen ist die Szene noch mal viel größer.

Seid ihr in einem Verein organisiert?

Parkour ist genau genommen keine Sportart. Es ist eine Art, sich zu bewegen, und das findet draußen statt. Dafür braucht man auch keinen Trainer oder Verein. Aber natürlich haben die Sportvereine gemerkt, dass es da Potenzial gibt und dass die Jungen keine Lust mehr haben, beim Turnen durch die Halle gescheucht zu werden. Sie wollen mehr Spielraum, mehr Kreativität – und das zeichnet Parkour aus. Insofern bieten das mittlerweile auch Turnvereine an. Auch ich bin Trainer.

Valentin Herdeg betreibt Parkoursport in seiner Heimatstadt Tübingen und im benachbarten Reutlingen.
Valentin Herdeg betreibt Parkour-Sport seit mehreren Jahren. In seiner Heimatstadt Tübingen engagiert er sich mit Gleichgesinnten, damit dort eine öffentliche Anlage gebaut wird – wie bereits in Reutlingen.
Was ist das eigentlich für ein Gefühl, in der Stadt unterwegs zu sein und sich so unkonventionell von hier nach da zu bewegen?

Es fühlt sich gut an. Man ist sehr unabhängig und frei, das genieße ich sehr. Ich habe früher sehr viele andere Sportarten gemacht: Ballett, Reiten, Kung-Fu, Fußball. Aber ich habe dieses Trainer-Schüler-Verhältnis nie gemocht, ich kam auch mit den Wettkämpfen nicht klar. Im Parkour ist man davon befreit.

Geht es um den Kick, etwas Gefährliches zu tun, das unter Umständen verboten ist?

Das Spielerische ist mir wichtiger. Ich kann rausgehen, wann ich will. Es gibt keine Regeln, kein Richtig und kein Falsch, das finde ich sehr angenehm. Und ich verbinde es mit meinem Freundeskreis, das ist auch sehr wichtig.

Wo kann man Parkour-Sport in Reutlingen trainieren?
  • Bürgerpark Reutlingen

    Unterschiedliche Geräte für Balance- und Fitnessübungen können auf der offenen Parkour-Anlage frei genutzt werden. Die Stadt Reutlingen organisiert freie Trainings für Interessierte.

    www.reutlingen.de

  • Jugendhaus Bastille

    Das Jugendhaus in der Rommelsbacher Straße 21 veranstaltet wöchentliche Parkour-Trainings im Bastille-Parkour-Park oder in der Sporthalle der Hermann-Kurz-Schule.

    www.jugendhaus-bastille.de

  • Praxis

    Mehrere Vereine bieten Parkour-Trainings an. In Reutlingen und Umgebung sind das zum Beipiel die TSG Reutlingen, die TSG Tübingen und der SV Nehren.

Was sagen Passanten, wenn sie dich oder deine Freunde in der Stadt turnen sehen?

Manche finden das gut, was wir machen. Sie sehen, dass wir den städtischen Raum anders und neu nutzen. Denn für uns ist eine Mauer nichts, um das man herumgeht, sondern etwas, womit man etwas machen kann. Wir sehen nicht die Begrenzung, sondern Möglichkeiten, uns zu bewegen. Die Stadt hat mehr zu bieten als Beton: Eigentlich ist sie ein großer Spielplatz.

Vorhin hast du einen Präzisionssprung gezeigt. Das sah sehr gefährlich aus. Wie schaffst du es, genau da zu landen, wo du es willst?

Da geht es um Gefühl und Augenmaß. Ich weiß genau, was ich mit meinem Körper machen kann und was nicht. Durch Übung bekommt man irgendwann ein Gefühl dafür, das ist schon cool. Trotzdem ist die Angst auch ein wichtiger Teil. Viele glauben, ich hätte keine Angst. Aber das stimmt nicht, ich bin ein sehr ängstlicher Mensch. Auch wenn ich an neue Sachen herangehe, habe ich Angst. Man muss lernen, damit umzugehen und auf sein Bauchgefühl zu hören.

„Es geht um Gefühl und Augenmaß. Ich weiß genau, was ich machen kann und was nicht.“Valentin Herdeg

Parkour in Reutlingen, Präzisionssprung in der Nähe des Reutlinger Tors.
Und sicher gelandet – ein Präzisionssprung von Valentin Herdeg.
Du hast das Miteinander beim Parkour schon betont. Was macht die gemeinsame Begeisterung so besonders?

Parkour ist eine sehr soziale Sportart mit einem ausgeprägten Community-Gedanken. Man trainiert nicht gegeneinander, sondern immer miteinander. Wenn ich zum Beispiel in eine andere Stadt gehe, dann suche ich beispielsweise „Parkour Berlin“ und finde sofort eine Gruppe mit Tausenden von Mitgliedern. Wenn ich schreibe: „Will jemand mit trainieren gehen?“, dann melden sich gleich viele Leute. Es ist wirklich – auch wenn es jetzt dämlich klingt – so etwas wie eine Familie.

Was sind die Unterschiede?

Parkour

Parkour ist eine Art, sich möglichst schnell und effizient im urbanen Raum zu bewegen. Der Parkour-Läufer, auch Traceur genannt, versucht seinem eigenen Weg zu folgen und nicht dem, der durch den Stadtraum oder die Natur vorgegeben wird. Dabei überwindet er Hindernisse durch Kombinationen verschiedener Bewegungen. Parkour entstand in den späten 1980er-Jahren in Frankreich.

Freerunning

Obwohl es bei den Techniken und Bewegungsabläufen Überschneidungen mit Parkour gibt, ist Freerunning eine eigene Art, sich im urbanen Raum sportlich zu bewegen. Im Vordergrund steht das kreative und spielerische Element, nicht die Effizienz wie beim Parkour. Typisch für Freerunning sind akrobatische Techniken wie Saltos und immer wieder neu entwickelte Bewegungsabläufe.