08. Juli 2016
Sport

„Triathlon ist wie eine Droge“

Rund 3.000 Athleten traten bei der Ironman European Championship in Frankfurt an. Mittendrin: Andreas Klause aus Bad Vilbel. Dabei hatte der 52-Jährige ganz andere Pläne.

Um kurz vor halb sechs biegt Andreas Klause vom Mainufer auf die Zielgerade Richtung Römerberg ab. Noch einmal geht es den Berg hoch. Ein letztes Mal an diesem Tag gibt er seinen Beinen den Befehl zu laufen – laufen, laufen, nur noch 200 Meter. In diesem Moment denkt er nicht darüber nach, ob ihm etwas wehtut, in diesem Moment hat er vergessen, dass er seit mehr als 10 Stunden auf den Beinen ist, spürt nicht mehr die 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren, 42 Kilometer zu Fuß. Andreas Klause lässt sich treiben durch die enge Gasse aus Händen, die sich ihm entgegenrecken. Ein letztes Winken zu seiner Frau und Tochter, die auf der Zuschauertribüne auf ihn warten. Dann reckt er die Arme hoch und überquert die Ziellinie, erleichtert, stolz. Die Endorphine fließen, die Glückshormone, das Opium der Triathleten. Der Lohn für monatelanges Training.

Ein unwiderstehliches Angebot

„Es ist schon so: Triathlon ist wie eine Droge“, versucht der 52-Jährige zu erklären, warum jemand freiwillig die Strapazen eines Ironman auf sich nimmt. „Als mir Mercedes-Benz einen Startplatz für den Triathlon in Frankfurt anbot, konnte ich es nicht lassen.“Andreas KlauseSchon 15-mal hat Klause die Langdistanz – die Königsdisziplin im Triathlon – erfolgreich gemeistert, seit er der Droge 2005 verfallen ist, 10-mal davon in Frankfurt. Ein doppeltes Jubiläum. „Dabei wollte ich dieses Jahr gar nicht hier antreten“, erzählt der Triathlet von Eintracht Frankfurt. „Im vergangenen Jahr habe ich mich in Malaysia als dritter meiner Altersklasse für den Ironman auf Hawaii qualifiziert, der im Oktober stattfindet. Deshalb hatte ich mir eigentlich eine Pause verordnet, um mich auf dieses Rennen zu konzentrieren.“ Hawaii ist die Geburtsstätte des Ironman und gilt als inoffizielle Weltmeisterschaft. Ein Traum für jeden Triathleten, der für den Familienvater in diesem Jahr schon zum dritten Mal in Erfüllung geht. Dass er kurzfristig doch noch in Frankfurt starten konnte, verdankt er seinem Trainer Sami-Florian Soliman. Der Triathlon-Coach aus Groß-Gerau hatte von seinem Sponsor, dem Mercedes-Benz Nutzfahrzeugzentrum FrankfurtRheinMain kurzfristig noch zwei der begehrten Startertickets für das Rennen in Frankfurt erhalten. Eines stellte Soliman Jens Hubert aus Gießen zur Verfügung, das andere ging an Andreas Klause: „Ich konnte es nicht lassen.“

Ein Ironman ist nie Routine

Aufgrund der kurzen Vorbereitung waren seine Erwartungen relativ niedrig, als er am Wettkampftag morgens um 6.45 Uhr ins Wasser des Langener Waldsees eintauchte. „Aber es lief erstaunlich gut. Im Neopren-Anzug war es in dem 22,5 Grad kalten Wasser angenehm warm.“ Zum ersten Mal sind die Teilnehmer dieses Jahr in Wellen gestartet, entsprechend ihrer Leistungsklasse, um das Feld etwas zu entzerren. Ein spürbarer Vorteil. Ich hatte kaum Berührungen mit anderen Schwimmern. So entspannt bin ich noch nie geschwommen.“ Schon nach 1:05 Stunden, fünf Minuten schneller als erwartet, stieg er auf sein Rennrad, um die beiden 90 Kilometer langen Fahrradrunden in Angriff zu nehmen. „Ich wollte endlich mal unter fünf Stunden bleiben“, so das Ziel. Auf der ersten Runde gab er Vollgas. „Das Feld habe ich von hinten aufgerollt. Das war ein tolles Gefühl“, erzählt Klause, der in der Regel nach Gefühl und nicht nach Pulsuhr fährt. Doch das hohe Tempo rächte sich auf der zweiten Runde. Hinzu kam starker Wind. Am Ende landete er bei 5:14 Stunden, ehe der abschließende Marathon anstand. „Nach dem Radfahren muss man erst mal die Geschwindigkeit runterdrosseln, um sich nicht zu verausgaben.“ Trotzdem hatte er auf der zweiten Runde in Höhe der Gerbermühle den Durchhänger, der irgendwann jeden Ausdauerathleten trifft. „Dann habe ich mich an ein Motto der Triathleten gehalten: Wenn es dir schlecht geht, iss was. Wenn es dir gut geht, iss auch was.“ Nach zwei Verpflegungsstationen und mehreren Bechern Cola war die Energie für die restlichen 20 Kilometer und den Endspurt nachgetankt.

Lächelnd und entspannt, als sei er gerade erst losgelaufen, läuft Andreas Klause auf dem  rot-schwarzen Teppich ins Ziel am Römerberg ein.
Am Ziel seiner Träume: Auf den letzten Metern sind alle Strapazen von Andreas Klause abgefallen.

Die Leiden des Athleten

Seinen Trainer Sami Soliman, der ebenfalls in Frankfurt gestartet war, traf Klause erst am nächsten Tag bei der Siegerehrung wieder. Soliman hatte nach der ersten Radrunde aufgeben müssen. „Ich bin mit einem Muskelfaserriss in der Wade ins Rennen gegangen, den ich dank Massagen und Tapes ganz gut im Griff hatte. Aber ich bin dann schon beim Schwimmen nicht gut in den Rhythmus gekommen, hatte wahnsinnige Schmerzen im Bein und konnte nichts essen. Bei Kilometer 60 habe ich endgültig gemerkt: Es läuft nicht gut“, erzählt Soliman. „Aber auch solche Tage gehören zum Leben eines Sportlers.“

Das Markenzeichen des Ironman ist ein rotes M in Form eines Menschen. Es wird deshalb M-Dot gennant.
Ironman – die Legende lebt
  • Markenzeichen:

    Ironman und Ironman 70.3 sowie das rote M-Dot-Signet sind eingetragene Marken der World Triathlon Corporation. Das Tochterunternehmen der chinesischen Wanda-Group ist der weltweit führende Triathlonveranstalter.

  • Geschichte:

    Der erste Ironman fand 1978 auf Hawaii statt. Dort wird bis heute die „Ironman World Championship“ ausgetragen. Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine offizielle Weltmeisterschaft.

  • Distanzen:

    Beim Ironman denkt man vor allem an die Langdistanz mit 3,86 Kilometern Schwimmen, 180,2 Kilometern Radfahren und einem abschließenden Marathonlauf. Mit dem Ironman 70.3 gibt es seit 2001 aber auch Ironman-Wettbewerbe über die halbe Distanz.

  • Siegertypen:

    Mit Thomas Hellriegel, Normann Stadler, Faris Al-Sultan, Sebastian Kienle und Jan Frodeno konnten bisher sechs Triathleten aus Deutschland den Ironman auf Hawaii gewinnen. Erfolgreichste weibliche Teilnehmerin aus Deutschland ist Nina Kraft, die 2002 Zweite wurde.

Fotos: © Alex Kraus, © Heike Klause, © Frank Bechtloff