16. April 2018
Sport | Stuttgart

Der Mann am Steuer

Jürgen Dispan hat schon alle Stadien der Ersten Fußball-Bundesliga gesehen. In der Saison 2016/2017 kamen die der Zweiten Bundesliga dazu: Jürgen Dispan ist Fahrer des Mannschaftsbusses des VfB Stuttgart. Er hat eine Meisterschaft gefeiert, die Mannschaft zu Champions-League-Spielen nach Barcelona und London gefahren und musste einen Abstieg verdauen. Das Mercedes-Benz Kundenmagazin sprach mit ihm über Teamgeist und Loyalität im Profifußball.

Die erste Frage liegt auf der Hand: Wie wird man eigentlich Busfahrer eines Fußball-Bundesligisten? Jürgen Dispan lacht: „Das lief banaler ab, als man denkt. Ich war Angestellter in der Mercedes-Benz Niederlassung in Stuttgart und als Monteur und später als Kundendienstberater im Bereich Omnibusse tätig. Der Mannschaftsbus des VfB war damals regelmäßig bei uns zum Service. Eines Tages hat mich der ehemalige Fahrer des VfB angesprochen und gesagt: Jürgen, du bist VfB-Fan durch und durch und kennst dich gut mit Bussen aus. Willst du nicht zweiter Fahrer werden? Ich habe keinen Moment gezögert.“ Das war vor 17 Jahren. Inzwischen hat Jürgen Dispan den Job des ersten Fahrers von seinem Vorgänger geerbt. Zweiter Fahrer ist Uwe Bickel, ebenfalls ein Mitarbeiter bei der Daimler AG. Und auch beruflich hat sich etwas getan. Jürgen Dispan arbeitet bei Daimler als Werkstattleiter in der Entwicklung. Hier werden Prototypen für Lkw-Getriebe entwickelt, getestet und marktfähig gemacht. Seine zwei Jobs zu vereinen ist anspruchsvoll, aber möglich: „Es kann schon mal vorkommen, dass der Trainer morgens einen Waldlauf machen möchte und ich die Jungs dann kurzfristig fahren muss. Die Spiele selbst sind meistens am Wochenende. Der ein oder andere Urlaubstag geht für den Job beim VfB Stuttgart allerdings drauf. Aber ich mache das gerne.“

VfB Mannschaftsbus: der Fahrer
Daumen hoch: Jürgen Dispan (r.) und Uwe Bickel fahren den neuen Mannschaftsbus.

„Fußball ist eine hochemotionale Angelegenheit“

Dispan ist nah dran am Team. Er sieht die Spieler fast jede Woche, erlebt am Spielfeldrand Siege und Niederlagen. Er ist mit in der Kabine, wenn das Team sich kurz vor dem Anpfiff noch einmal pusht. Wer denkt, er sei nur für das Steuern des Busses verantwortlich, der täuscht sich. „Ich gehöre wie der Physiotherapeut oder der Zeugwart mit zum Team. Wir gewinnen zusammen, wir verlieren zusammen. Und natürlich entstehen auch Freundschaften“, berichtet der 51-Jährige, der auch als Motivator gefragt ist: „Wenn die Jungs mal einen rabenschwarzen Tag hatten, dann versuche ich sie wieder aufzurichten.“ Diese gegenseitige Unterstützung erfährt auch er. Dispan erzählt von einer Reifenpanne in der Saison 2016/2017 – es waren Spieler, die sofort aus dem Bus kamen, um ihrem Fahrer zur Hand zu gehen.

Das Wichtigste aber sei Loyalität: „Natürlich kommt auch mal ein Profi zu mir und macht seinem Unmut Luft, wenn etwas nicht gut gelaufen ist. Das ist völlig in Ordnung für mich. Dem Spieler hilft es in diesem Moment, Dampf abzulassen. Fußball ist eine hochemotionale Angelegenheit. Jeder Einzelne kann sich darauf verlassen, dass alles, was mir zugetragen wird, auch bei mir bleibt.“

Taktische Tipps gibt der Fußballnarr dem Trainer nach 17 Jahren Erfahrung als Begleiter der Mannschaft übrigens nicht. Dass man nach so langer Zeit einen Blick für Details entwickelt, kann er aber nicht ganz leugnen: „Natürlich sitzt man oft auf der Bank und denkt sich: Auf dem Flügel würde ich jetzt einen frischen Akteur bringen. Und dann entscheidet der Trainer manchmal tatsächlich so.“ Dass der Trainerposten in der Fußball-Bundesliga oft einem Schleudersitz gleicht, damit muss man klarkommen: „Das ist Teil des Geschäfts. Aber na klar, es ist schon etwas skurril. Trainer kommen und gehen. Der Busfahrer bleibt in der Regel eine Konstante. Ich bin mir dieses Privilegs sehr bewusst.“

„Der Bus ist für die Spieler wie eine Kapsel“

Dispans Reich ist der Mannschaftsbus, Modell Travego L: 15 Tonnen schwer, 14 Meter lang, ausgestattet mit 32 Sitzplätzen und einer Leistung von knapp 350 kW (470 PS). Der VfB-Bus ist kein Serienbus. Zwar rollt er wie andere Omnibusse von Mercedes-Benz vom Werksband. Das Unternehmen Frenzel aus Heilbronn sorgt aber anschließend für die individuelle Ausstattung und den Feinschliff: Der Bus ist mit Fernsehern und Steckdosen ausgestattet, die Sitze verfügen über spezielle Beinauflagen und auch eine kleine Küche ist mit an Bord. Der Innenraum, so scheint es, ist nach der Mannschaftskabine das Allerheiligste. Selten dringt etwas aus dem Bus an die Öffentlichkeit. „Der Bus ist für die Spieler wie eine Kapsel, in der sie sich vor der Partie sammeln. Jeder ist fokussiert. Da gibt es spezielle Momente. Nach einer Niederlage ist es zum Beispiel so still im Bus, dass man eine Stecknadel fallen hören kann. Und nach einem besonderen Sieg steigt im Bus natürlich auch mal eine Party.“ Eine besondere Herausforderung sind die Anfahrten zu den Auswärtsbegegnungen. „Es gibt immer wieder sogenannte Fans, die Einfluss auf die gegnerische Mannschaft nehmen möchten. Da werden schon mal Gegenstände auf den Bus geworfen. Die Doppelverglasung hat uns bislang gute Dienste erwiesen.“ Geparkt wird der Bus bei besagten Auswärtsfahrten über Nacht übrigens häufig bei den Kollegen in den Mercedes-Benz Niederlassungen. „Man kennt sich ja, warum sollte man die Möglichkeit nicht nutzen, den Bus sicher abzustellen?“

„Die Stadt stand kopf“

Gefragt nach den Highlights seiner Zeit beim VfB Stuttgart leuchten Dispans Augen – die Meisterschaft 2007 und die folgende Champions-League-Saison gehören dazu, na klar. Aber auch der Wiederaufstieg in die Erste Bundesliga in der vergangenen Saison. „Der Cannstatter Wasen war voll mit Menschen. Das war überwältigend. Die Stadt stand kopf. Ich wurde als Teil des Betreuerstabs auf die Bühne gerufen. Das werde ich nie vergessen!“

VfB Mannschaftsbus: Information
Jürgen Dispan
  • Wohnort:

    Schorndorf

  • Beruf:

    Leiter Werkstatt Entwicklung für Kraftfahrzeuge bei Daimler und Busfahrer VfB Stuttgart

  • Sein Saisontipp 2017/2018:

    „Als Aufsteiger kann das Ziel nur Klassenerhalt lauten. Und da lege ich mich fest: Der VfB Stuttgart bleibt in dieser Saison über dem Strich und wird einen Platz im Tabellenmittelfeld erreichen.“

  • Ziele:

    In Jürgen Dispans Zeit stand der VfB Stuttgart zweimal im Finale des DFB-Pokals. Zu beiden Endspielen konnte er krankheitsbedingt nicht fahren, beide gingen verloren. „Ich bin da etwas abergläubisch und sage deshalb immer scherzhaft: Das nächste Finale fahre ich, wenn es sein muss mit zwei Gipsbeinen. Dann holen wir den Pott.“

VfB Mannschaftsbus: Stuttgart

VfB Stuttgart 1893

Mercedesstraße 109
70372 Stuttgart

www.vfb.de